Was ein Speicher leistet: preisdienlich, netzdienlich, systemdienlich
Kurzfassung: Ein Batteriespeicher kann drei verschiedene Dinge. Er kann Strom aufnehmen, wenn er billig ist, und abgeben, wenn er teuer ist (preisdienlich). Er kann Leitungen und Transformatoren dort entlasten, wo sie an ihre Grenze kommen (netzdienlich). Und er kann das ganze Stromsystem stabil halten (systemdienlich). Bezahlt wird heute fast nur das Erste. Der Börsenpreis kennt aber keinen Ort. Deshalb kann derselbe Speicher in derselben Stunde dem Markt helfen und das Netz zusätzlich belasten. Wir wollen, dass Speicher vorrangig netz- und systemdienlich eingebunden werden, im Quartier wie auf der Straße.
Mit diesem Beitrag beginnt unsere Serie über Batteriespeicher. Bevor es um Geschichte, Preise und Hersteller geht, steht die Frage, wozu ein Speicher überhaupt gut ist. Wer über Speicher spricht, meint damit oft ganz verschiedene Dinge. Eine verbindliche Definition gibt es nicht. Die Forschungsstelle für Energiewirtschaft schrieb schon 2021, der Begriff „netzdienlich" lasse „aktuell einen großen Interpretationsspielraum offen". Daran hat sich wenig geändert, und trotzdem verlangen Netzbetreiber Netzdienlichkeit inzwischen als Bedingung für einen Anschluss.
Preisdienlich: laden, wenn Strom übrig ist
Mittags, wenn die Sonne scheint, fällt der Börsenpreis, oft bis unter null. Am Abend, wenn die Sonne weg ist und alle kochen, steigt er wieder. Ein Speicher, der mittags lädt und abends abgibt, verdient an dieser Differenz. Gleichzeitig glättet er die Preiskurve: Die Täler werden flacher, die Spitzen niedriger, und Wind- und Solarstrom, der sonst keinen Abnehmer fände, wird später genutzt.
Das ist das Geschäftsmodell fast aller Großspeicher. Weltweit ist der Anteil neuer Speicherprojekte, die hauptsächlich Energie zeitlich verschieben, laut Internationaler Energieagentur von etwa 40 Prozent im Jahr 2015 auf über 90 Prozent im Jahr 2025 gestiegen.
Preisdienlich ist auch das, was wir mit Elektroautos vorschlagen: laden, wenn Strom übrig ist. Ein Auto, das in der Solarspitze oder in einer windigen Nacht lädt, verschiebt Last genau wie ein Speicher. Aber eben unter Vorbedingungen.
Foto: Windrad neben einer 380-kV-Leitung bei Werder in Brandenburg — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Molgreen
Netzdienlich: entlasten, wo es eng wird
Die Forschungsstelle für Energiewirtschaft definiert: „Netzdienlich sind einzelne oder mehrere elektrische Anlagen (Erzeuger, Verbraucher oder Speicher), welche dazu beitragen Netzkosten (u. a. Reduktion von Netzengpässen, Netzausbaubedarf oder optimierte Netzbetriebsführung) zu verringern."
Entscheidend ist der Ort. Ein Speicher ist netzdienlich, wenn er an der Stelle steht, wo Leitung oder Transformator an die Grenze kommen, und wenn er sich nach dem Zustand dieses Netzes richtet. Zwei Beispiele:
- Landkreis Cham, Bayern: Bayernwerk Netz hat einen Speicher mit 5 Megawatt und 25 Megawattstunden ausgeschrieben, der eine geplante Ausbaumaßnahme ersetzt. Er kappt Lastspitzen und nimmt Überschüsse aus Sonne und Wind auf. Er fährt nach Vorgabe des Netzbetreibers, nicht nach dem Börsenpreis. Für diese eingeschränkte Fahrweise erhält der Betreiber MaxSolar eine Vergütung, die mit der Bundesnetzagentur abgestimmt ist. Spatenstich war am 9. Juni 2026.
- Kupferzell, Baden-Württemberg: Der „Netzbooster" von TransnetBW mit 250 Megawatt soll bei einer Störung innerhalb von Millisekunden einspringen. Weil dieser Puffer bereitsteht, dürfen die bestehenden Leitungen im Normalbetrieb höher ausgelastet werden, vor allem für Windstrom von Nord nach Süd. Die Inbetriebnahme ist inzwischen für 2027 vorgesehen.
Ein netzdienlicher Speicher ersetzt also Kupfer. Er macht den Netzausbau nicht überflüssig, aber er kann ihn verkleinern, verschieben oder an einzelnen Stellen ganz ersetzen.
Systemdienlich: das Ganze stabil halten
Das Stromnetz braucht mehr als Energie. Die Frequenz muss bei 50 Hertz bleiben, die Spannung in einem engen Band, und nach einem Ausfall muss das Netz wieder hochgefahren werden können. Diese Aufgaben hießen früher „Kraftwerk", heute übernehmen sie zunehmend Batterien:
- Regelleistung: Speicher gleichen in Sekunden aus, wenn Erzeugung und Verbrauch auseinanderlaufen. Dieser Markt ist in Deutschland inzwischen so voll mit Batterien, dass die Deutsche Energie-Agentur mit stark sinkenden Erlösen rechnet.
- Momentanreserve: Früher lieferten die schweren, rotierenden Generatoren der Großkraftwerke diese Trägheit automatisch. Seit dem 22. Januar 2026 kaufen die Übertragungsnetzbetreiber sie erstmals am Markt ein, ausdrücklich auch von Batteriespeichern mit netzbildenden Wechselrichtern.
- Spannung: Auch Ladesäulen können hier helfen. Was ein Test in Hamburg dazu zeigt, steht in „Die Ladesäule als Netzhelfer".
- Schwarzstart: Im August 2017 hat der Batteriespeicher der WEMAG in Schwerin zusammen mit einer Gasturbine der Stadtwerke nach einem simulierten Blackout ein Inselnetz wieder aufgebaut.
Foto: Batteriespeicher der WEMAG in Schwerin — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Enyavar
Wo sich die drei im Weg stehen
Die drei Aufgaben vertragen sich nicht immer. Die Deutsche Energie-Agentur schreibt in ihrer Analyse vom Februar 2026: „Preisanreize ohne lokale Komponente sowie zum Teil fehlende Vorgaben und Eingriffsmöglichkeiten für Netzbetreiber führen dazu, dass Batteriespeicher Netzengpässe auch verschärfen und sehr kurzfristig mit hervorrufen können."
Ein Beispiel macht das greifbar. Im Norden weht viel Wind, der Börsenpreis fällt, und zwar in ganz Deutschland gleichzeitig. Ein Speicher in Bayern sieht den niedrigen Preis und lädt. Damit zieht er zusätzlichen Strom über die Leitungen von Nord nach Süd, die in genau dieser Stunde schon voll sind. Im Norden werden deshalb Windräder heruntergefahren, im Süden springen Gaskraftwerke an. Der Speicher hat preisdienlich gehandelt und dabei das Netz belastet.
Der Preis gilt für ganz Deutschland, der Engpass entsteht an einem Ort. Solange der Speicher nur den Preis sieht, kann er den Engpass nicht sehen. Die Deutsche Energie-Agentur empfiehlt deshalb, Speicher kurzfristig in das Engpassmanagement der Netzbetreiber einzubinden und mittelfristig Preissignale einzuführen, die nach Ort und Zeit unterscheiden.
| preisdienlich | netzdienlich | systemdienlich | |
|---|---|---|---|
| Ziel | Strom verschieben, Preisspitzen glätten | Engpass vor Ort lösen, Netzausbau sparen | Frequenz, Spannung, Wiederaufbau sichern |
| Signal | Börsenpreis, bundesweit gleich | Zustand des Netzes an diesem Ort | Abruf durch den Übertragungsnetzbetreiber |
| Wo es zählt | überall gleich | nur an der richtigen Stelle | überall im Netz |
| Bezahlt heute | ja, am Markt | fast nie | teilweise, über Regelleistung und Momentanreserve |
Foto: Ortsnetzstation in einem Wohnviertel in Varsseveld, Niederlande — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Ziko
Was daraus für uns folgt
- Der Speicher muss den Ort sehen. Ein Ortstarif im Netzentgelt gibt genau dieses Signal: Strom, der im Quartier bleibt, zahlt nur das Ortsnetz. Wie das gehen kann, steht in „Netzentgelt nutzergerecht".
- Quartierspeicher vor Großspeicher im Netz. Ein Speicher an der Ortsnetzstation steht dort, wo Solarspitze und Ladelast zusammentreffen. Wir treten für eine dauerhafte Freistellung von Netzgebühren für Quartierspeicher ein, die zusätzlich zur Preisdienlichkeit vorrangig netz- und systemdienlich eingebunden sind.
- Heimspeicher bündeln. Viele Heimspeicher im selben Ortsnetz können als virtueller Quartierspeicher gesteuert werden und so dem Netz helfen, statt nur dem eigenen Haus.
- Die rollenden Speicher nutzen. Alle Großspeicher in Deutschland zusammen fassen knapp 8 Gigawattstunden. Die Batterien der Elektroautos und Plug-in-Hybride fassen schon über 150. Sie sind preisdienlich nutzbar, sobald Laden in Überschussstunden belohnt wird, und netzdienlich, sobald dieses Laden dort stattfindet, wo Strom sonst nicht erzeugt würde. Das Werkzeug dafür gibt es: § 13k, „Nutzen statt Abregeln". Warum wir dort ansetzen, steht in „Wir stehen hinter dem Akkudoktor".
Ein Speicher, der nur den Börsenpreis sieht, nutzt einen Teil dessen, was er kann, und schafft bisweilen selbst Engpässe und Kosten. Ein Speicher, der auch den Ort und das System sieht, spart Netzausbau, ersetzt Gaskraftwerke und senkt die Kosten für alle.
Unsere Serie über Batteriespeicher: 1. Was ein Speicher leistet · 2. Von Blei bis Natrium · 3. Preise und Mengen · 4. Wer die Zellen baut · 5. Deutschland und die Batterie · 6. Wo Deutschland steht · 7. Was der Batterieforscher sagt · 8. Blockgebote und der Speicher-Simulator
Steht das Windrad, steht der Standort!
Quellen
- Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE): Was ist Netzdienlichkeit?, 2021 — ffe.de
- Deutsche Energie-Agentur (dena): Großbatteriespeicher effizient integrieren, Februar 2026 — dena.de
- Internationale Energieagentur: Battery storage is scaling up and taking on a larger system role, 29. Mai 2026 — iea.org
- pv magazine, 9. Juni 2026: Spatenstich für MaxSolars netzdienlichen Speicher für Bayernwerk — pv-magazine.de
- TransnetBW: Netzbooster Kupferzell — transnetbw.de
- Übertragungsnetzbetreiber: Marktgestützte Beschaffung von Momentanreserve — netztransparenz.de
- WEMAG: Batteriespeicher testet erfolgreich Schwarzstart nach Blackout — wemag.com
- pv magazine, 17. Oktober 2025: Was ist eigentlich netzdienlich? — pv-magazine.de
- RWTH Aachen: Battery Charts (stationäre Speicher, Stand 30. September 2026) und Mobility Charts (Stand 1. August 2026) — battery-charts.de
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Was ein Speicher leistet: preisdienlich, netzdienlich, systemdienlich
https://ladefreun.de/blog/234-was-ein-speicher-leistet/
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