Was der Batterieforscher sagt: Maximilian Fichtner
Kurzfassung: Maximilian Fichtner leitet das Helmholtz-Institut Ulm, eines der großen Batterieforschungsinstitute in Europa, und ist Stammgast im Podcast „Geladen". Seine Botschaft der letzten zwei Jahre lässt sich in wenigen Sätzen sagen: Batterien werden billiger und kommen ohne kritische Rohstoffe aus. Natrium und Lithium-Eisenphosphat machen das möglich. Für Autos ist die Batterie dem Wasserstoff weit voraus. Und stationäre Speicher stehen in Konkurrenz zu Gaskraftwerken, nur in Deutschland ist dabei „eher die Bremse drin". Zum Abschluss unserer Serie fassen wir zusammen, was daraus folgt.
Sechs Teile lang ging es in dieser Serie um Technik, Preise, Hersteller und Netzanschlüsse. Zum Schluss lassen wir einen Forscher zu Wort kommen, der seit über zwanzig Jahren an Energiespeichern arbeitet und der in der deutschen Öffentlichkeit zu den bekanntesten Stimmen dazu gehört.
Foto: Maximilian Fichtner nach der Verleihung des Wissenschaftspreises der Stadt Ulm 2024 — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / -stk
Wer er ist
Maximilian Fichtner, Jahrgang 1961, hat in Karlsruhe Chemie studiert. Am damaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe, dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie (KIT), leitete er ab 2001 die Arbeitsgruppe „Energiespeichersysteme". Bevor er zu den Batterien kam, hat er lange an anderen Speichern geforscht. In einem Vortrag im Dezember 2025 sagte er: „Ich habe zwölf Jahre auf dem Thema Wasserstoff gearbeitet und vier Jahre auf künstlichen Kraftstoffen."
Seit Mai 2013 ist er Professor für Festkörperchemie an der Universität Ulm. Das Helmholtz-Institut Ulm (HIU), das das KIT gemeinsam mit der Universität Ulm gegründet hat, leitete er als geschäftsführender Direktor von 2015 bis 2018 und wieder seit Oktober 2021. Das Institut forscht ausschließlich an elektrochemischen Energiespeichern, also an Batterien.
Was er verantwortet
Neben der Leitung des Instituts hat Fichtner zwei große Forschungsverbünde mit aufgebaut. Seit 2018 ist er Sprecher der Forschungsplattform CELEST, in der Batterieforscher aus Karlsruhe und Ulm zusammenarbeiten. Und er war Gründungssprecher des Exzellenzclusters POLiS, der nach Batterien jenseits von Lithium sucht. Für die zweite Förderphase von 2026 an hat der Cluster neue Sprecher. Außerdem gehört er zur Kerngruppe der europäischen Forschungsinitiative BATTERY2030+.
Seine eigene Forschung gilt Batterien, die ohne Lithium auskommen: auf Basis von Natrium, Magnesium, Calcium, Aluminium oder Chlorid-Ionen. Das HIU gibt rund 450 Veröffentlichungen und 20 Patentanmeldungen von ihm an. 2024 erhielt er den Wissenschaftspreis der Stadt Ulm.
Ein Hinweis zur Einordnung: Seit Juni 2024 sitzt Fichtner im wissenschaftlichen Beirat von GESI Giga Batteries, einem Unternehmen, das Großbatteriespeicher entwickelt. Wo er sich zu Großspeichern äußert, sollte man das wissen.
Foto: Das Helmholtz-Institut Ulm für elektrochemische Energiespeicherung — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Andreas F. Borchert
Der Podcast „Geladen"
Einem breiteren Publikum ist Fichtner aus „Geladen – der Batteriepodcast zur Energiewende" bekannt. Moderiert wird der Podcast von Daniel Messling und Patrick von Rosen, produziert für das KIT. Fichtner ist dort Stammgast: Seit Oktober 2020 war er in rund 30 Folgen zu hören. Laut eigener Angabe hat der Podcast 124.000 Abonnenten und 21 Millionen Abrufe.
Die Folgen mit ihm aus den letzten zwei Jahren, zum Nachhören:
- Folge 235: 10 Mythen zu Batterien, E-Autos und Strom (12. April 2026)
- Folge 227: E-Auto-Reichweiten wissenschaftlich erklärt, mit Markus Lienkamp (22. Februar 2026)
- Folge 220: Energiespeicherung der Zukunft – mit Wasserstoff, E-Fuels, Batterien?, ein Vortrag vom 8. Dezember 2025 (4. Januar 2026)
- Folge 196: Batterieforschung von A bis Z (27. Juli 2025)
- Folge 159: 16 Mythen zu E-Autos, Batterien und deutscher Energiewende (8. Dezember 2024)
Was er sagt
Natrium: die Batterie ohne Lithium
Natrium kommt in jedem Kochsalz vor. Batterien auf dieser Basis brauchen weder Lithium noch Kobalt oder Nickel. In seinem Vortrag vom Dezember 2025 nennt Fichtner sie als Beispiel für „Batterien frei von kritischen Rohstoffen". Im Mai 2026 sagte er dem Magazin Markt und Mittelstand: „Man möchte die Speichertechnik auf eine breitere Materialbasis stellen, um nicht von wenigen Rohstoffen abhängig zu sein." Und: „Die Hersteller von Batteriezellen hatten in den vergangenen Jahren mit starken Schwankungen beim Lithiumpreis zu kämpfen".
Sinngemäß hebt er außerdem hervor, dass Natrium-Batterien bei Kälte deutlich mehr Kapazität behalten als Lithium-Batterien und sich vollständig entladen lagern lassen. Ihre Energiedichte ist niedriger. Für einen stationären Speicher, bei dem das Gewicht kaum eine Rolle spielt, ist das zweitrangig.
Foto: Natrium-Ionen-Zellen von oben — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Brihaspati
Lithium-Eisenphosphat: die Batterie für heute
Viele neue Heim- und Großspeicher nutzen schon heute Lithium-Eisenphosphat, kurz LFP. Fichtner betont, sinngemäß, drei Vorteile: LFP kommt ohne kritische Rohstoffe aus, weil Eisen und Phosphat reichlich vorhanden sind. Es ist sicherer als die nickelhaltigen Zellen, weil es bei hohen Temperaturen keinen Sauerstoff freisetzt, der ein Feuer anfachen könnte. Und es hält mehr Ladezyklen aus. Die Schwäche ist die Kälte: Bei minus 20 Grad sinkt die nutzbare Kapazität deutlich.
Rohstoffe: einmal kaufen statt ständig nachkaufen
„Also ich würde mal sagen Rohstoffe sind für Europäer generell ein Problem", sagte er in Folge 235. Sinngemäß fügte er hinzu: Es sei ein Unterschied, ob ein Rohstoff einmal in eine Batterie eingebaut wird, die dann zehn oder fünfzehn Jahre läuft, oder ob Kraftstoff laufend eingeführt werden muss. Auf einer seiner Folien steht: „Genereller Trend zur Abkehr von kritischen Rohmaterialien", ausdrücklich ohne Kobalt und ohne Nickel.
Preise: ein Vierzigstel
Seit die Lithium-Ionen-Batterie auf dem Markt ist, hat sich ihre Energiedichte laut Fichtners Folien vervierfacht, die Kosten sind auf ein Vierzigstel gefallen. Eine Folie fasst es so zusammen: „90% Kostenreduktion in den letzten 10 Jahren". Als Beleg zeigt er ein chinesisches Elektroauto mit LFP-Batterie und 400 Kilometern Reichweite für rund 14.000 Euro.
In Folge 235 zieht er daraus sinngemäß den Schluss: Eine Kilowattstunde aus Sonne oder Wind, die über einen Batteriespeicher geführt wird, sei inzwischen billiger als eine Kilowattstunde aus dem Gaskraftwerk. Wie sich die Preise entwickelt haben, steht in Teil 3 dieser Serie, „Preise und Mengen".
Foto: Ein BYD Qin Plus EV mit LFP-Batterie. Fichtner nutzt dieses Modell als Beispiel für die Kostenkurve — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Quzhouliulian
Wasserstoff oder Batterie
Hier spricht jemand, der zwölf Jahre lang Wasserstoff erforscht hat. Seine Folien vom Dezember 2025 rechnen den Weg vom Strom bis zum Rad: Ein batterieelektrisches Auto nutzt 75 bis 80 Prozent des eingesetzten Stroms, ein Wasserstoffauto mit Brennstoffzelle 18 bis 20 Prozent. Anschaulicher ist eine zweite Folie: Ein Windrad mit drei Megawatt versorgt bei 20.000 Kilometern im Jahr 1.600 Elektroautos, 600 Wasserstoffautos oder 250 Autos mit synthetischem Kraftstoff.
Selbst im Schwerlastverkehr sei Wasserstoff sinngemäß erst ab einem Preis von vier bis fünf Euro je Kilogramm konkurrenzfähig. Und heutiger Wasserstoff stamme noch zum großen Teil aus fossilen Quellen.
Speicher und Gaskraftwerke
Für unser Thema ist dieser Teil der wichtigste. In Folge 235 sagt Fichtner sinngemäß: Batteriespeicher stehen in gewissem Sinne in Konkurrenz zu Gaskraftwerken. Regelenergie, die bisher Gaskraftwerke liefern, könnten auch Batterien übernehmen. Darin sieht er einen möglichen Grund für Vorbehalte in der Politik.
Weltweit, so Fichtner sinngemäß, würden stationäre Speicher viel einfacher installiert als in Deutschland. Hier sei „eher die Bremse drin", auch über die Netzbetreiber. Nur Erneuerbare zusammen mit Speichern könnten das eine oder andere Gaskraftwerk tatsächlich ersetzen.
Teil 6 dieser Serie, „Wo Deutschland steht", zeigt, wie diese Bremse in Zahlen aussieht: 1.583 Gigawattstunden Speicher beantragt in einem Jahr, 33 Gigawattstunden im Land.
Europa und die Industrie
Zum Scheitern des schwedischen Zellherstellers Northvolt sagt Fichtner sinngemäß, es habe nicht an fehlenden Kunden gelegen, sondern an unrealistischen Zeitplänen, an den Umständen der Corona-Zeit und an ungeduldigen Investoren. Wir ergänzen: Die Beteiligten hätten nur einmal das Buch „Lean Startup" von Eric Ries lesen müssen. Die Bewegung, die er mitgeprägt hat, hat dafür einen Leitsatz: „Nail it, then scale it". Erst im Kleinen beweisen, dass es funktioniert, dann groß bauen. Europa habe gute Forschung, es fehle aber die Nachfrage aus der Industrie. Dafür brauche es politische Lösungen wie Abnahmegarantien. Wer die Zellen heute baut, steht in Teil 4, „Wer die Zellen baut".
Was die Serie zeigt
Sieben Teile, ein Befund:
- Ein Speicher kann mehr als Preise glätten. Er kann Netze entlasten und das System stabil halten, wenn er am richtigen Ort steht und das richtige Signal bekommt.
- Die Technik ist reif. Von Blei über Lithium bis Natrium: Für stationäre Speicher gibt es heute Batterien ohne kritische Rohstoffe.
- Die Preise sind gefallen. Ein Speicher ist heute eine günstige Anlage im Stromsystem.
- Gebaut wird vor allem in Asien. Europa forscht gut und fertigt wenig.
- Deutschland hat die Bausteine, aber nicht den Rahmen. Es fehlt an Anschlüssen und an Regeln für den Ort.
- Die größte Batterie des Landes rollt. Die Batterien der E-Autos fassen fast fünfmal so viel wie alle stationären Speicher zusammen.
- Der Forscher sieht die Bremse in der Regulierung. Die Technik ist bereit.
Daraus folgen unsere Forderungen:
- § 13k „Nutzen statt Abregeln" für E-Autos öffnen. Wer in Stunden lädt, in denen sonst Windräder gedrosselt würden, soll dafür belohnt werden. Dann wird die rollende Batterie zum Speicher, ohne einen neuen Netzanschluss.
- Einen Ortstarif im Netzentgelt. Strom, der im Quartier bleibt, zahlt nur das Ortsnetz. Dann entsteht Speicher dort, wo Solarspitze und Ladelast zusammentreffen.
- Quartierspeicher an der Ortsnetzstation, die vorrangig netz- und systemdienlich eingebunden sind und dafür dauerhaft von Netzgebühren freigestellt werden.
Speicher, die dort laden, wo sonst Strom nicht erzeugt würde, ersetzen Gaskraftwerke und senken die Kosten für alle. Die Batterien dafür gibt es.
Unsere Serie über Batteriespeicher: 1. Was ein Speicher leistet · 2. Von Blei bis Natrium · 3. Preise und Mengen · 4. Wer die Zellen baut · 5. Deutschland und die Batterie · 6. Wo Deutschland steht · 7. Was der Batterieforscher sagt · 8. Blockgebote und der Speicher-Simulator
Steht das Windrad, steht der Standort!
Quellen
- Helmholtz-Institut Ulm: Prof. Dr. Maximilian Fichtner — hiu-batteries.de
- KIT: Expertinnen und Experten – Maximilian Fichtner — kit.edu
- Universität Ulm: Exzellenzcluster POLiS geht in die Verlängerung, 22. Mai 2025 — uni-ulm.de
- Universität Ulm: Wissenschaftspreis der Stadt Ulm für Prof. Maximilian Fichtner — uni-ulm.de
- GESI: GESI Giga Batteries gründet wissenschaftlichen Beirat, Juni 2024 — gesi-deutschland.de
- Geladen – der Batteriepodcast zur Energiewende — geladen.podigee.io
- Maximilian Fichtner: Vortrag „Energiespeicherung der Zukunft", Folien, 8. Dezember 2025 — hiu-batteries.de
- Markt und Mittelstand: Zukunft der Energiespeicherung, 3. Mai 2026 — marktundmittelstand.de
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Was der Batterieforscher sagt: Maximilian Fichtner
https://ladefreun.de/blog/240-was-der-batterieforscher-sagt/
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