Wir stehen hinter dem Akkudoktor. Und gehen einen zweiten Weg
Kurzfassung: Andreas Schmitz, bekannt als Akkudoktor, hat 320.000 Unterschriften gegen einen pauschalen Netzentgelt-Aufschlag für Photovoltaik-Besitzer gesammelt und saß damit bei der Bundesnetzagentur am Tisch. Wir unterstützen seine Petition. Sein Anliegen und unseres sind zwei Hälften derselben Sache: Wind, Sonne und Speicher voranbringen und das Netz entlasten. Er spricht für die Menschen mit eigenem Dach und eigenem Speicher. Wir setzen dort an, wo es sofort geht und allen nützt: beim Laden von Elektroautos, E-Bussen und Fuhrparks, im Quartier und für die Menschen, die kein eigenes Dach haben. Am Ende sollen die Stromkosten und das CO2 für alle sinken.
Foto: Photovoltaik auf einem Wohnhausdach in Heidelberg — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / 4028mdk09
Was der Akkudoktor in Bonn erreicht hat
Die Bundesnetzagentur baut die Netzentgelte um. Das Verfahren heißt AgNes und soll ab 2029 gelten. Der Entwurf sieht vor, dass Haushalte mit Photovoltaik-Anlage einen Aufschlag von 70 bis 90 Prozent auf den Grundpreis zahlen, pauschal, egal wie groß die Anlage ist und ob sie das Netz entlastet.
Andreas Schmitz hat dagegen die Petition „Finger weg von der Photovoltaik" gestartet. Mit 320.000 Unterschriften im Rücken wurde er nach Bonn eingeladen und hat mit den Menschen gesprochen, die die Regeln schreiben. In seinem Video vom 24. September berichtet er davon.
Zwei Sätze aus diesem Gespräch sind für alle wichtig, die sich für die Energiewende einsetzen. Die Rückmeldungen aus Energiewirtschaft, Industrie und von den Netzbetreibern seien bisher „sehr ablehnend" gewesen. Und dass private Haushalte ein solches Interesse haben, mitzumachen, sei der Behörde, sinngemäß, nicht bekannt gewesen.
Das deckt sich mit dem, was wir selbst gefunden haben. Als die Bundesnetzagentur 2024 festlegte, wer beim Verfahren „Nutzen statt Abregeln" mitmachen darf, gingen 21 Stellungnahmen ein. Das Wort „Elektroauto" kommt in keiner einzigen vor. Wer nicht am Tisch sitzt, kommt in den Regeln nicht vor.
Wer an diesem Tisch saß, steht in der Festlegung selbst. Auf eigenen Antrag wurden fünf Unternehmen förmlich am Verfahren beteiligt, im Behördendeutsch „beigeladen": RWE Generation und vier Gesellschaften von Uniper, darunter Uniper Hydrogen. Beigeladene sehen die Akten ein, die Behörde muss sich mit ihren Argumenten auseinandersetzen, und sie können gegen die Entscheidung vor Gericht ziehen. Eine Stellungnahme durfte jeder abgeben, drei Wochen lang, vom 15. April bis 6. Mai 2024. Unter den Einsendern war kein Verbraucher-, Mieter- oder Mobilitätsverband. Das Verfahren lief an der Öffentlichkeit vorbei, auch an uns. Deshalb versuchen wir heute, Elektroautos und Haushalte nachträglich in diese Regeln zu bringen. Beim neuen Netzentgelt-Verfahren AgNes haben wir die Beiladung rechtzeitig selbst beantragt.
Schmitz hat einen Platz an diesem Tisch erkämpft. Dafür gebührt ihm Dank, und deshalb unterstützen wir seine Petition.
Wo wir dieselbe Linie sehen
- Ein Preis, der das Netz nicht kennt, steuert falsch. Schmitz sagt es in Bonn so: Der Börsenpreis gilt für ganz Deutschland und weiß nicht, dass bei euch im Ort gerade der Trafo voll ist. Das ist auch unser Kernargument.
- Freiwillig und klein anfangen. Schmitz schlägt vor, mit den Haushalten zu beginnen, die mitmachen wollen, und daraus zu lernen. Genau diese Möglichkeit steht seit 2023 im Gesetz: § 13k Absatz 3 Satz 6 erlaubt der Bundesnetzagentur, für gebündelte kleine Verbraucher einfachere Regeln festzulegen. Genutzt hat sie das bisher nicht.
- Ohne Messung keine Beteiligung. Solange Smart Meter fehlen, können Haushalte dem Netz nicht zeigen, dass sie helfen.
- Pauschal trifft die Falschen. Auch wir haben der Bundesnetzagentur geschrieben, dass ein Aufschlag, der für ein kleines und ein großes Dach gleich hoch ist, nicht auf dem Verbrauchsprofil beruht. Wer das Netz entlastet, soll weniger zahlen.
Foto: Elektrobusse beim Laden in Ingelheim — via Wikimedia Commons — CC0 / ManuelB701
Wo wir einen anderen Schwerpunkt setzen
Schmitz spricht für eine Gemeinschaft, die schon viel investiert hat: Photovoltaik auf dem Dach, Speicher im Keller, Wallbox in der Garage, oft auch eine Wärmepumpe. Diese Menschen wollen dem Netz helfen und bekommen dafür bisher kaum Werkzeuge. Das Open-Source-Energiemanagement EOS, das er mit seiner Community entwickelt, zeigt, wie weit sie schon sind.
Wir sprechen zusätzlich für die, die diese Möglichkeit nicht haben, und für die, die den Ausbau jenseits der eigenen vier Wände unterstützen möchten: mit Quartierspeichern, mit Ortstarifen, die Bürgerenergie und Energy Sharing stärken, und vor allem mit dem forcierten Umstieg im Verkehrssektor. In Deutschland leben rund 20 Millionen Haushalte zur Miete. Sie haben kein eigenes Dach, keinen eigenen Speicher, oft keinen eigenen Stellplatz. Sie zahlen die Netzentgelte voll und kommen bisher kaum an günstigen Strom aus der Nachbarschaft. Ein Ortstarif würde das Quartier entlasten, statt Solarspitzen zu kappen. Der pauschale Aufschlag der Bundesnetzagentur dagegen arbeitet mit dem Rasenmäher statt mit dem Messer.
Unser Vorschlag löst den Konflikt auf, statt ihn zu verschärfen: nicht wer ein Dach hat, soll zahlen oder sparen, sondern wer dem Netz hilft, soll sparen. Das gilt für den Heimspeicher genauso wie für die Ladesäule im Wohnviertel.
Das Gemeinsame: nutzen, was schon steht, und mehr davon bauen
2025 wurden in Deutschland fast 10 Terawattstunden Wind- und Solarstrom nicht erzeugt, weil das Netz an der Stelle den Strom nicht aufnehmen konnte. Sieben von zehn dieser Kilowattstunden waren Windstrom, oft nachts und im Winter. Das Umsteuern kostete 3,1 Milliarden Euro, bezahlt von allen über die Netzentgelte.
Gleichzeitig stehen die Speicher schon da. Anfang 2026 fuhren rund zwei Millionen Elektroautos, heute sind es deutlich mehr, mit zusammen weit über 120 Gigawattstunden Batterie. Das ist mehr als alle Batterie- und Pumpspeicher im Land zusammen, und es wird schnell mehr: Im August war fast jeder dritte Neuwagen elektrisch. Dazu kommen über 2,4 Millionen Heimspeicher. Das Verfahren „Nutzen statt Abregeln", § 13k, hätte 2025 rund 3 Terawattstunden an zuschaltbare Verbraucher verteilen können. Verteilt wurden 0,003, wie wir im „Verschiebebahnhof" nachzeichnen.
Darin sind wir uns mit Schmitz einig: Die Anlagen, die heute stehen, müssen voll genutzt werden, und der Ausbau von Wind, Sonne und Speichern muss weitergehen. Wer investiert hat, darf nicht bestraft werden, und wer das Netz entlastet, soll etwas davon haben. Das gilt besonders für die rollenden Speicher, die bisher nicht mitgedacht werden.
Warum wir beim sofort Machbaren anfangen
Vieles, was Schmitz und wir uns wünschen, braucht Jahre:
- Dynamische Netzentgelte: Im AgNes-Entwurf steht wörtlich: „Von der Bildung und Abrechnung dynamischer Netzentgelte für Letztverbraucher sieht die Bundesnetzagentur zunächst ab." In Bonn hieß es „wir sind dran". Auf dem Papier steht „zunächst nicht".
- Smart Meter: Die Pflichtquote von 90 Prozent soll frühestens 2030 erreicht sein. Schneller ginge es mit zwei Vereinfachungen, die sofort möglich sind: keine Zusatzkosten für weitere Messstellen, und die Abrechnung über den geeichten Zähler, der in Wallbox oder Ladesäule ohnehin eingebaut ist. Das EU-Recht verlangt das bereits: Seit Juli 2024 müssen Netzbetreiber für die Abrechnung von Flexibilität die Daten einer eigenen Messeinrichtung am Gerät akzeptieren, wenn kein Smart Meter die Daten liefert (Artikel 7b der Strombinnenmarkt-Verordnung).
- Bidirektionales Laden, bei dem das Auto Strom zurückgibt, braucht passende Fahrzeuge, Wallboxen, Normen und eigene Abrechnungsregeln. In der Breite ist es vor den 2030er-Jahren nicht zu erwarten.
Das Laden von Elektroautos, E-Bussen und Fuhrparks geht dagegen jetzt:
- Es ist da. Die Fahrzeuge fahren, die Ladepunkte stehen, beides wurde mit öffentlichem Geld gefördert. Und wie es da ist: in einer Dimension, die für Kraftwerksbetreiber beängstigend sein muss. Die Batterien der Elektroautos und Plug-in-Hybride fassen heute schon über 150 Gigawattstunden, beim jetzigen Tempo werden es Mitte 2027 rund 200 sein. Fahren 2045 alle 49 Millionen heute zugelassenen Pkw elektrisch, mit je 100 Kilowattstunden, sind es fast 5.000 Gigawattstunden. Zum Vergleich: Der größte Batteriespeicher in Rheinland-Pfalz, im Juni in Worms eingeweiht, fasst 65 Megawattstunden, also 0,065 Gigawattstunden. Alle Großspeicher in Deutschland zusammen kommen auf knapp 8 Gigawattstunden, alle Heimspeicher auf rund 24.
- Es ist gemessen. Jeder öffentliche Ladepunkt hat einen geeichten Zähler. Betriebshöfe für Busse und Flotten messen ihren Verbrauch ohnehin viertelstündlich.
- Es ist planbar. Fahrpläne stehen am Vortag fest.
- Es nimmt Wind und Sonne auf, mittags wie nachts.
- Das Gesetz gibt es schon. § 13k muss nur so geändert werden, dass verlagerter Verbrauch zählt und die Messung an der Ladeeinrichtung genügt. Die Formulierung dafür liegt beim Bundestag.
Foto: Solarsiedlung in Freiburg-Vauban — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Andreas Schwarzkopf
Heimspeicher netzdienlich machen, Quartierspeicher vorziehen
Was fordert Schmitz konkret? Zuerst wehrt er den pauschalen Aufschlag für alle Photovoltaik-Besitzer ab. Sein eigentliches Ziel geht weiter: Heimspeicher und Elektroauto sollen dann laden, wenn es für das Netz sinnvoll ist, und so für das Gesamtsystem nutzbar werden. Anfangen will er freiwillig mit den Haushalten, die mitmachen wollen, ausdrücklich auch mit Mietern und kleinen Balkonspeichern. Das wollen wir auch. Nur stehen dem heute zwei Dinge im Weg.
Erstens die Messung. Von den Heimspeichern, die bei den Netzbetreibern als steuerbar gemeldet sind, haben 867 einen eigenen Zählpunkt. Rund 128.000 hängen am Sammelzähler des Hauses. Für das Netz sind sie damit unsichtbar, und beim Verfahren „Nutzen statt Abregeln" sind sie bisher außen vor.
Zweitens das Jahr. Die Stromspeicher-Inspektion 2026 der HTW Berlin zählt 150 bis 300 volle Ladezyklen im Jahr: Im Sommer arbeitet der Speicher fast täglich, im Winter kaum. Ein Speicher, der nur für das eigene Haus fährt, ist im Sommer mittags oft schon voll, wenn die Solarspitze kommt, und steht im Winter still.
Deshalb setzen wir im Netz auf Quartierspeicher, einen gemeinsamen Speicher für ein Wohnviertel, idealerweise in Bürgerhand:
- Er ist günstiger. Eine Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass ein Quartierspeicher gegenüber vielen einzelnen Heimspeichern ökonomisch vorteilhaft ist.
- Er kann dem Netz dienen. Dieselbe Studie zeigt: Ein Speicher, der nur den Eigenverbrauch erhöht, nutzt im Jahresmittel rund 20 Prozent seiner Kapazität. Der Rest wäre frei für das Netz. Ein Quartierspeicher mit einem Betreiber und einem Zähler an der Trafostation kann diese Kapazität anbieten. Tausende Kellerspeicher können das praktisch nicht.
- Er steht am richtigen Ort, dort, wo Solarspitze und Ladelast zusammentreffen.
- Er ist für alle da, auch für Mieterinnen und Mieter, Genossenschaften und Energy Sharing.
Damit Quartierspeicher so schnell wachsen können wie Heimspeicher, müssen die Regeln sich ändern: das Messkonzept, die Umlagen beim Ein- und Ausspeichern und vor allem das Netzentgelt. Strom, der hinter demselben Trafo erzeugt, gespeichert und verbraucht wird, soll nur die Netzebene bezahlen, die er tatsächlich nutzt: ein lokaler Netztarif. Wie der aussieht und warum er einfacher ist als Knotenpreise, erklären wir in „Netzentgelt nutzergerecht". Heimspeicher bleiben dabei wichtig. Sie sollen zusätzlich dem Netz helfen dürfen und dafür belohnt werden. Wir sind deshalb auch für virtuelle Quartierspeicher: Viele Heimspeicher im selben Ortsnetz werden gebündelt wie ein Speicher gesteuert, preisdienlich, netzdienlich und systemdienlich. Was diese drei Begriffe unterscheidet, steht in „Was ein Speicher leistet".
Foto: Balkonkraftwerk in Tauberbischofsheim — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Triplec85
Worum es am Ende geht
Jede Kilowattstunde Wind- oder Solarstrom, die genutzt statt nicht erzeugt wird, senkt die Kosten des Netzengpassmanagements, die alle über die Netzentgelte zahlen. Und sie ersetzt am Abend Strom aus Gas. Das senkt die Stromkosten und das CO2 für alle: für den Hausbesitzer mit Speicher genauso wie für die Mieterin mit Balkonkraftwerk und den Busbetrieb der Stadtwerke.
Schmitz kämpft dafür, dass die Menschen, die schon investiert haben, nicht bestraft werden. Wir kämpfen dafür, dass alle etwas davon haben, und zwar jetzt. Beides gehört zusammen.
Unterschreiben Sie seine Petition „Finger weg von der Photovoltaik". Und unterstützen Sie uns auf ladefreun.de.
Steht das Windrad, steht der Standort!
Quellen
- Akkudoktor (Andreas Schmitz): „Ich war DA! Versucht das schlimmste zu verhindern!", YouTube, 24. September 2026 — youtube.com/watch?v=WPIl0-ZYOfg
- Petition „Finger weg von der Photovoltaik" — weact.campact.de
- Bundesnetzagentur: Festlegungsentwurf AgNes (Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom), 6. August 2026, Tenorziffer 8.2 und 12.5
- Bundesnetzagentur/SMARD: Netzengpassmanagement Gesamtjahr 2025 — smard.de
- Übertragungsnetzbetreiber: Informationsveranstaltung zur wettbewerblichen Ausschreibung nach § 13k EnWG, 22. Januar 2026 (netztransparenz.de)
- Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt: Monitoringbericht 2025, Tabelle 28 (Stichtag 31.12.2024)
- HTW Berlin: Stromspeicher-Inspektion 2026 — solar.htw-berlin.de
- Knoefel, J.; Herrmann, B. (2021): Technisch-ökonomische Bewertung von Quartierspeichern, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung — ioew.de
- Verordnung (EU) 2019/943, Artikel 7b, eingefügt durch Verordnung (EU) 2024/1747 — eur-lex.europa.eu
- Bundesnetzagentur: Festlegung der Kriterien zur Zusätzlichkeit nach § 13k Abs. 3 S. 3 EnWG, 28. Juni 2024, Az. 4.12.05.04/1 — bundesnetzagentur.de
- Kraftfahrt-Bundesamt: Fahrzeugbestand zum 1. Januar 2026 — kba.de
- RWTH Aachen: Mobility Charts (Batteriekapazität der E-Fahrzeuge, Stand 1. August 2026) und Battery Charts (stationäre Speicher, Stand 30. September 2026) — battery-charts.de
- Timbra: Einweihung des ersten Batteriespeichers Worms, 15. Juni 2026 — timbra-group.de
- § 13k Energiewirtschaftsgesetz — gesetze-im-internet.de
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