Es begann beim Vorbeifahren. Ein Windpark, der bei kräftigem Wind keinen Rotor bewegt. Dahinter der nächste. Gleiche Sache. Stillstand bei Wind.
Wieso? Was ist da los? Die Frage hat uns festgehalten. Wir wollten verstehen.
Was wir gefunden haben, ist absurd: An dem Windrad, das gerade nicht dreht, hängt 100 % feinster Ökostrom, physisch verfügbar, gerade nicht abrufbar — weil niemand ihn in dieser Stunde abnimmt. Nicht aus Mangel an Bedarf, sondern weil das Preissignal nicht bis zum Verbraucher durchkommt. Der Strom wird vernichtet, und alle Stromkund:innen zahlen für die Vernichtung über die Netzentgelte.
9,4 TWh / Jahr abgeregelt
573 h Negativpreise (2025)
≈1,8 Mrd. € Engpass-Kosten
Die Lösung müsste eigentlich heißen: Last verschieben. Strom dann verbrauchen, wenn er physisch im Überfluss da ist. Nur — bei wem? Der schleppende Smart-Meter-Rollout in Privathaushalten und die Flat-Rate-Mentalität von 40 Millionen Stromkund:innen lassen flächendeckende Lastverschiebung im Privatkundengeschäft in absehbarer Zeit nicht erwarten. Diese Schiene trägt erst in zehn Jahren.
Bis wir abends an der Schnellladesäule standen. 79 Cent pro Kilowattstunde, unabsichtlich zu einer Zeit, in der das Stromsystem am teuersten und am dreckigsten ist — Gas-, Kohle- und Importstrom in der Abendspitze. Und während die Anzeige zählte, kam die simple Frage:
Warum laden wir nicht mittags? Wenn Sonne und Wind den Markt fluten und der Börsenpreis ins Negative kippt — warum nicht genau dann?
Die Infrastruktur ist da. Schnellladesäulen messen eichrechtskonform. Spotpreise sind öffentlich. Die E-Auto-Batterie ist die flexibelste Großspeicher-Infrastruktur, die das Stromsystem aktuell hat — und sie wächst mit jeder Zulassung. Es fehlt eigentlich nur, dass das Preissignal an der Säule ankommt.
Genau hier ist der Punkt, an dem die Energiewende sich selbst trägt — oder eben nicht. Wenn das Signal nicht durchkommt, werfen wir das nächste Jahrzehnt 9+ TWh Ökostrom jährlich weg, fahren E-Autos mit dreckigem Abendstrom und Mieter-Haushalte ohne eigene Wallbox bleiben außen vor. Dann ist die Energiewende leise abgesagt.
Wenn das Signal durchkommt, gewinnen alle gleichzeitig: E-Auto-Fahrer:innen (kostenloses Laden in Überschuss-Stunden), 20 Millionen Mieterhaushalte (erstmals bezahlbarer Zugang zur E-Mobilität), Ladesäulenbetreiber (höhere Marge bei negativem Einkauf plus THG-Quote), alle Stromkund:innen (sinkende Netzentgelte durch weniger Engpassmanagement), Klima (physisch echter Ökostrom statt Greenwashing-Zertifikate), Autoindustrie (günstiger Betrieb als stärkstes Kaufargument).
Und das Beste: Es kostet den Bund nichts. Keine Subvention, kein Fördertopf, kein neues Pilotprogramm. Eine Backend-Regel im Ladesäulen-System, gekoppelt an §13k EnWG („Nutzen statt Abregeln") — eine zeitliche Erweiterung dessen, was seit 2024 für Industriekunden in Norddeutschland bereits funktioniert. Die preisunabhängigen Aufschläge ruhen in Negativpreis-Stunden, das Netzentgelt wird aus dem negativen Großhandelserlös über ein Verrechnungskonto gedeckt. Ordnungspolitisch sauber. Haushaltsneutral. Heute umsetzbar.
Das ist der No-Brainer, der uns nicht losgelassen hat. Eine Maßnahme, bei der Umwelt und Wirtschaft gleichermaßen profitieren. Bei der niemand verliert. Die mit dem geltenden Recht möglich ist und keinen Cent Steuergeld bindet.
Wir sind keine Lobby, kein Verein, keine Partei. Wir sind eine Handvoll Bürger:innen, die das Windrad gesehen haben, das nicht dreht — und nicht aufhören wollen, die Frage zu stellen.