Ladefreunde-Blog · Speicher

Blockgebote und der Speicher-Simulator: Warum Kraftwerke im Paket bieten

3. Oktober 2026 9 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Kurzfassung: Am 1. Oktober hat das Fraunhofer ISE einen Preissimulator veröffentlicht. Er rechnet die echte Strombörsen-Auktion jeder Woche neu, mit beliebig vielen zusätzlichen Batteriespeichern. Das Ergebnis für 2025: 20 Gigawatt Speicher hätten die Stunden mit negativen Preisen halbiert und Solarstrom um 35 Prozent wertvoller gemacht. Wie stark Speicher wirken, hängt aber an einem wenig bekannten Detail der Börse: den Blockgeboten. Mit ihnen bieten Kohle- und Gaskraftwerke nicht Viertelstunde für Viertelstunde, sondern im Paket über viele Stunden. Wer Blockgebote ignoriert, überschätzt den Nutzen der Speicher. Wer sie versteht, sieht, wo der Nutzen wirklich landet: nicht nur im Preis, sondern auch darin, dass fossile Kraftwerke gar nicht erst anspringen. Ab Ende 2027 bekommen Speicher an der Börse eine eigene Gebotsform – und die könnte auch für Elektroautos passen.

In den ersten sieben Teilen unserer Serie ging es darum, was ein Speicher leistet, woher er kommt und warum Deutschland ihn so wenig nutzt. Jetzt gibt es zum ersten Mal ein frei zugängliches Werkzeug, das zeigt, was mehr Speicher am Markt bewirkt hätten. Es lohnt sich, genau hinzusehen, wie es rechnet.

Was ist ein Blockgebot?

Jeden Mittag um zwölf schließt an der Strombörse die Auktion für den nächsten Tag. Die meisten Gebote sind einfach: „Ich verkaufe in dieser Viertelstunde 50 Megawatt, wenn der Preis mindestens 40 Euro beträgt." Jede Viertelstunde wird für sich entschieden.

Ein Blockgebot bündelt viele Viertelstunden zu einem Paket. Ein Beispiel: Ein Gaskraftwerk bietet an, von 17 bis 23 Uhr durchgehend 300 Megawatt zu liefern, für mindestens 90 Euro je Megawattstunde. Das Paket gilt ganz oder gar nicht. Es wird nur angenommen, wenn der Durchschnittspreis über alle sechs Stunden mindestens 90 Euro erreicht. Ist der Abendpreis um 19 Uhr hoch, um 22 Uhr aber niedrig, entscheidet der Schnitt.

Die Börse kennt mehrere Spielarten (Euphemia-Beschreibung):

Gerechnet wird das alles von einem gemeinsamen europäischen Verfahren namens Euphemia. Es sucht die Kombination aus angenommenen Geboten und Blöcken, die für alle zusammen den größten Nutzen bringt.

Wieso es Blockgebote gibt

Ein Kohle- oder Gaskraftwerk ist kein Lichtschalter. Es braucht Stunden zum Anfahren, verbrennt dabei Brennstoff, ohne Strom zu verkaufen, und muss danach eine Mindestzeit laufen. Mit einfachen Viertelstunden-Geboten hätte der Betreiber ein Problem: Die Börse könnte ihm die Viertelstunden um 18 und um 20 Uhr zuschlagen, die um 19 Uhr aber nicht. Dann müsste er zweimal anfahren oder eine Stunde lang ohne Erlös weiterlaufen.

Das Blockgebot löst das Problem: Der Betreiber packt Anfahrkosten und Mindestlaufzeit in ein Paket mit einem Durchschnittspreis. Entweder lohnt sich der ganze Einsatz, oder das Kraftwerk bleibt aus. Leonhard Gandhi vom Fraunhofer ISE nennt Blockgebote den wichtigsten Grund, warum die Strompreisbildung in Deutschland komplizierter ist als das bekannte Bild der Merit-Order mit ihren nach Kosten aufgereihten Kraftwerken. Genutzt werden sie „vor allem von fossilen Kraftwerken mit einer gewissen Trägheit" (Energy-Charts Talks, 01.10.2026, ab 3:48).

Auch Großverbraucher bieten im Block, etwa ein Industriebetrieb, der eine Anlage nur durchgehend mehrere Stunden betreiben kann. Ein stationärer Batteriespeicher hat ein verwandtes Problem: Er kann abends nur verkaufen, was er mittags gekauft hat. Kauf und Verkauf gehören zusammen. Ein Elektroauto, das nur gesteuert lädt, kennt dieses Problem nicht. Es kauft nur und verkauft nie. Es muss lediglich bis zur Abfahrt genug geladen haben, und wann genau, ist frei wählbar. Für den Markt ist das die einfachste Form von Flexibilität: kein Paket, kein Verlust durch Hin- und Zurückspeichern, nur ein Verbrauch, der in die billige Stunde wandert.

Was Blockgebote mit Preisen und Speichern machen

Wegen der Blockgebote lässt sich der Strompreis nicht einfach am Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage ablesen. Die Kurven, die man dazu oft sieht, sind laut Gandhi „nur eine Darstellungsform des Ergebnisses". Der Preis entsteht in einer Rechnung, die für jeden Block prüft, ob er ganz angenommen oder ganz abgelehnt wird. Kommt ein Speicher dazu, muss diese Rechnung neu laufen: Der Speicher verändert die Preise, die Preise verändern, welche Blöcke zum Zug kommen, und das verändert wieder den besten Fahrplan des Speichers.

Genau das macht der neue Preissimulator auf Energy-Charts. Er nimmt die echten Gebote jeder Auktion seit Januar 2025, legt eine gedachte Speicherflotte dazu und rechnet so lange hin und her, bis sich der Preis um weniger als 50 Cent je Megawattstunde ändert. Einstellbar sind 0 bis 20 Gigawatt Leistung und 2 bis 6 Stunden Speicherdauer. Das Ergebnis für 2025 mit 20 Gigawatt und 2 Stunden (Fraunhofer ISE):

2025 real mit 20 GW Speicher
Stunden mit negativem Preis 575 271
Stunden über 200 Euro je MWh 169 20
Mittlerer Abstand teuerste zu billigster Viertelstunde am Tag 130 Euro je MWh 53 Euro je MWh
Marktwert Solarstrom 45,08 Euro je MWh 61,02 Euro je MWh

Gandhi sagt dazu auch, was in der Tabelle nicht steht: Mit mehr Speichern müsste „deutlich weniger Leistung abgeregelt werden", weil der überschüssige Strom eingespeichert würde.

Die Blöcke bremsen die Rechnung – und das ist eine gute Nachricht. Der Simulator kann die Blockgebote auch ausschalten und nur die Kurven verschieben. Das nennt Gandhi „methodisch falsch"; diese Rechnung überschätzt die Wirkung der Speicher deutlich, vor allem bei kleinen Flotten. Warum? Unsere Lesart: Senken Speicher den Abendpreis, rechnet sich für manche Gaskraftwerke der ganze Block nicht mehr. Sie fallen aus der Auktion. Damit fehlt Angebot, und der Preis sinkt weniger als gedacht. Der Nutzen verschwindet aber nicht, er wandert: Statt eines noch billigeren Abends gibt es ein fossiles Kraftwerk, das gar nicht erst anspringt.

Und noch ein Nebeneffekt: Weil nur der Durchschnitt über den Block zählt, kann ein Kraftwerk auch durch Viertelstunden mit negativen Preisen hindurch laufen, solange der Rest des Blocks das ausgleicht. Wer sich wundert, warum Kohlekraftwerke an sonnigen Mittagen nicht ganz vom Netz gehen: Auch das gehört zur Erklärung.

Blockgebote: Pro und Contra

Blockgebote bilden ab, wie langsam Kohle- und Gaskraftwerke reagieren. Sie haben aber ihren Preis.

Pro Contra
Für Kraftwerke Anfahrkosten und Mindestlaufzeit werden eingepreist, kein Einsatz mit Verlust Belohnt Trägheit: Wer nicht flexibel ist, bekommt eine eigene Gebotsform
Für den Preis Die Auktion berücksichtigt echte technische Grenzen und vermeidet unrealistische Fahrpläne Der Preis ist schwer nachvollziehbar; er lässt sich nicht an einer Kurve ablesen
Für die Abrechnung Kein Block wird angenommen, der beim Ergebnispreis Verlust macht Umgekehrt können Blöcke abgelehnt werden, obwohl sie sich gerechnet hätten („paradox abgelehnte Blöcke")
Für Wind und Sonne – Ein Block kann ein Kraftwerk durch Stunden mit negativen Preisen im Betrieb halten; fossiler Strom bleibt im Netz, während Ökostrom abgeregelt wird
Für Speicher Speicher können Blöcke aus dem Markt drängen und so fossile Einsätze ganz vermeiden Die passende Gebotsform für Speicher fehlt bis heute; der Schleifenblock verlangt eine genaue Preisprognose, und wer sich verschätzt, macht Verlust

Die Richtung ist klar: Je mehr Wind, Sonne und Speicher im Netz sind, desto weniger braucht die Börse eine Sonderform für träge Kraftwerke – und desto mehr eine für flexible Anlagen.

Ab Ende 2027: ein eigenes Gebot für Speicher

Die europäischen Börsen und Übertragungsnetzbetreiber arbeiten an einer neuen Gebotsform, der „Storage Order". Der Start ist für das vierte Quartal 2027 geplant (NEMO Committee, Webinar 16.06.2026). Der Speicher meldet dann nur noch seine Eigenschaften, die Auktion macht daraus den Fahrplan:

Die Auktion plant den Einsatz dann selbst. Nach dem Entwurf soll die Storage Order „keinen Verlust machen", und der Betreiber braucht keine genaue Preisprognose mehr. Damit wird die Annahme des Fraunhofer-Simulators, die Speicher kennten die Woche im Voraus, ein Stück Wirklichkeit.

Warum uns das interessiert: Ladeleistung je Viertelstunde verschieden – genau so sieht eine Flotte von Elektroautos aus. Nachts stehen viele an der Wallbox, mittags viele am Arbeitsplatz, morgens fahren sie. Und ein Auto, das nur laden, aber nicht zurückspeisen kann, wäre ein Speicher mit Entladeleistung null. Ob Bündler von Elektroautos die neue Gebotsform nutzen dürfen, ist noch offen; die Konsultation lief bis 30. Juni 2026. Die Bauform passt jedenfalls.

Was daraus für uns folgt

Unsere Serie über Batteriespeicher: 1. Was ein Speicher leistet · 2. Von Blei bis Natrium · 3. Preise und Mengen · 4. Wer die Zellen baut · 5. Deutschland und die Batterie · 6. Wo Deutschland steht · 7. Was der Batterieforscher sagt · 8. Blockgebote und der Speicher-Simulator

Steht das Windrad, steht der Standort!

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