Die Ladesäule als Netzhelfer: Was ein Test in Hamburg zeigt
Kurzfassung: Der Hamburger Netzbetreiber hat geprüft, ob Schnellladesäulen das Stromnetz stabilisieren können, und zwar mit Blindleistung, die bisher vor allem große Kraftwerke liefern. Das Ergebnis, über das der Deutschlandfunk am 30. September berichtet hat: Im Prinzip geht das, gesteuert über Software, ohne neue Hardware. Was fehlt, sind ein Markt, ein Standard und ein Geschäftsmodell. Das ist ein anderer Dienst als unser Vorschlag zu § 13k, aber dieselbe Erkenntnis: Die Ladesäulen stehen schon, und ihr Nutzen für das Netz bleibt liegen.
Foto: Elektroauto an einer Schnellladesäule — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Tomás Freres
Was in Hamburg getestet wurde
Hamburger Energienetze betreibt das Stromverteilnetz der Stadt. Auf dem eigenen Betriebshof haben die Fachleute verschiedene Typen von Gleichstrom-Schnellladesäulen durchgemessen, darunter eine Säule mit 50 Kilowatt. Die Frage war, ob die Säulen auf Befehl Blindleistung ins Netz geben oder aus dem Netz nehmen können.
Die Antwort fiel im Deutschlandfunk sinngemäß so aus: Im Prinzip geht das. Der Netzbetreiber steuert die Säule über ihre Software an und teilt ihr mit, wie sie sich verhalten soll. Zusätzliche Geräte braucht es nicht. Einige Hersteller liefern Blindleistung sogar dann, wenn gerade kein Auto lädt, bei anderen ist das noch nicht freigeschaltet. Mit einfachen Wandladestationen, den Wallboxen, geht es nicht. Nötig sind Schnellladesäulen, die mit Gleichstrom laden.
Was Blindleistung ist
Ein Bild aus dem Beitrag hilft: In einem Glas Bier sind etwa 80 Prozent Flüssigkeit und 20 Prozent Schaum. Die Flüssigkeit ist die Wirkleistung, der Strom, der Motoren dreht und Akkus lädt. Der Schaum ist die Blindleistung. Sie leistet keine Arbeit, aber ohne sie hält das Wechselstromnetz die Spannung nicht. Sie ist das Schmiermittel des Netzes.
Bisher haben vor allem große Kraftwerke Blindleistung geliefert. Mit jedem Kraftwerk, das vom Netz geht, fehlt ein Stück davon. Netzbetreiber gleichen das heute mit teuren Spulen in Umspannwerken aus. Ladesäulen wären eine Alternative, die ohnehin da ist, und ihre Zahl wächst jedes Jahr.
Wichtig für das Verständnis: Blindleistung hält die Spannung, und die ist eine örtliche Größe. Sie ist etwas anderes als die Frequenz von 50 Hertz, die im ganzen europäischen Verbundnetz gleich ist.
Foto: Schnellladesäule eines Ladeparks in Wien — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / D-Kuru
Warum es noch nicht im Alltag ankommt
Laut dem Beitrag fehlen drei Dinge: ein Geschäftsmodell, eine einheitliche Software für die Ladesäulen und Hersteller, die überzeugt sind, dass es sich lohnt.
Das Geschäftsmodell fehlt aus einem einfachen Grund. Seit 2024 ist festgelegt, dass Netzbetreiber Blindleistung über einen Markt beschaffen. Betreiber von Nieder- und Mittelspannungsnetzen sind von dieser Pflicht aber ausgenommen. Genau dort hängen die meisten Ladesäulen. Für sie gibt es heute keinen geregelten Weg, mit Blindleistung Geld zu verdienen, auch wenn sie es technisch könnten.
Was es sonst schon gibt
Ladesäulen können dem Netz auf mehreren Wegen helfen. Einiges davon läuft bereits:
- Ladesäulen mit eigener Batterie puffern Lastspitzen ab und können so auch an schwachen Netzanschlüssen schnell laden. Am großen Tesla-Ladepark in Hilden stehen dafür Speicher mit 2 Megawattstunden.
- Ladeparks am Mittelspannungsnetz müssen nach den Anschlussregeln des Fachverbands VDE schon heute Blindleistung bereitstellen können. Die Fähigkeit ist also oft eingebaut, sie wird nur nicht genutzt.
- Momentanreserve, der schnelle Stoß, der Frequenzschwankungen im ersten Moment abfängt, wird seit Januar 2026 über einen Markt beschafft. Ladesäulen spielen darin bisher keine Rolle.
Foto: Schnellladesäule in Dornbirn — via Wikimedia Commons — CC0 / Jeka pes
Was das mit uns zu tun hat
Der Hamburger Test und unser Vorschlag zu § 13k sind zwei verschiedene Dienste:
| Der Hamburger Test | Unser Vorschlag zu § 13k | |
|---|---|---|
| Worum es geht | Blindleistung, hält die Spannung | Wirkleistung, Strom, der sonst nicht erzeugt würde |
| Wann | jederzeit, auch ohne ladendes Auto | in den Stunden, in denen Wind- und Solaranlagen abgeregelt würden |
| Ziel | teure Spulen im Netz ersetzen | Strom nutzen statt abregeln, Umsteuerkosten senken |
| Wer steuert | der Verteilnetzbetreiber per Software | die Übertragungsnetzbetreiber über ein Anreizverfahren |
Der Test zeigt also nicht, dass Schnellladesäulen Überschussstrom aufnehmen. Er zeigt aber dasselbe wie unsere Arbeit an § 13k: Ladesäulen sind ein Teil des Netzes, der heute sein Potenzial nicht ausschöpft. Und er zeigt dasselbe Hindernis. Die Technik ist da, die Regeln hinken hinterher. Bei der Blindleistung fehlt der Markt für die unteren Netzebenen, bei § 13k fehlen die Zulassung der Ladepunkte und die Messung an der Säule.
Unsere Forderungen ergänzen sich deshalb:
- Blindleistung auch in den unteren Netzebenen marktgestützt beschaffen, damit Ladesäulen dafür bezahlt werden können.
- Eine einheitliche Schnittstelle für die Steuerung von Ladesäulen durch den Netzbetreiber, statt Insellösungen je Hersteller.
- § 13k für Ladepunkte öffnen, damit dieselben Säulen in Überschussstunden auch Strom aufnehmen, der sonst verloren ginge. Wie das gehen soll, steht in „Netzentgelt nutzergerecht" und in unserem Beitrag „Wir stehen hinter dem Akkudoktor".
Eine Ladesäule, die nur lädt, wenn ein Auto davorsteht, nutzt einen Bruchteil dessen, was sie kann.
Steht das Windrad, steht der Standort!
Quellen
- Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 30. September 2026: Schnellladesäulen – wie sie das Stromnetz stabilisieren könnten (Beitrag von Frank Grotelüschen) — deutschlandfunk.de
- Netztransparenz: Marktgestützte Beschaffung von Blindleistung nach § 12h EnWG — netztransparenz.de
- Netztransparenz: FAQ Momentanreserve — netztransparenz.de
- VDE FNN: Hinweis „Netzbildende Eigenschaften" — vde.com
- ADS-TEC Energy: ChargeBox — ads-tec-energy.com
- electrive, 3. Februar 2020: Größter Tesla-Supercharger Europas am Kreuz Hilden geplant — electrive.net
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Die Ladesäule als Netzhelfer: Was ein Test in Hamburg zeigt
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