Kosten oder Investition — was am Ende dasteht
„Die Energiewende kostet 5,4 Billionen Euro." Der Satz macht seit einer Weile die Runde, mal mit dieser Zahl, mal mit einer anderen. Er stammt aus einer Rechnung, die den Aufwand bis 2049 zusammenzählt: Erzeugungsanlagen, Netze, Betrieb, Wartung, Ersatz.
An der Arithmetik ist selten etwas auszusetzen. Das Problem steckt in einem einzigen Wort.
Foto: Bau einer Hochspannungsleitung. Was hier ausgegeben wird, steht in vierzig Jahren noch. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / 5snake5
Der Unterschied, den jeder Handwerksbetrieb kennt
In jeder Bilanz der Welt werden zwei Arten von Ausgaben getrennt geführt, und der Unterschied ist keine Buchhalter-Spitzfindigkeit.
Ein Bäcker, der Mehl kauft, hat Kosten. Das Mehl ist nach dem Backen weg. Nächste Woche muss er wieder welches kaufen, zum dann gültigen Preis.
Derselbe Bäcker, der einen Ofen kauft, hat eine Investition. Der Ofen steht danach fünfzehn Jahre in der Backstube. Er taucht in der Bilanz als Vermögen auf, er wird über die Nutzungsdauer abgeschrieben, und wenn der Betrieb verkauft wird, ist er Teil des Preises.
Beides sind Ausgaben. Beides tut im Moment der Zahlung gleich weh. Aber nach zehn Jahren hat der eine Vorgang nichts hinterlassen und der andere einen Ofen.
Die Debatte über die Energiewende wirft diese beiden Kategorien routinemäßig in einen Topf. Sie addiert Netze, Kraftwerke und Speicher — sämtlich Ofen — mit Betriebs- und Brennstoffkosten — sämtlich Mehl — und nennt das Ergebnis „Kosten".
Die Rechnung, die dabei nicht aufgemacht wird
Wenn man Kosten zusammenzählen will, muss man alle zusammenzählen. Auch die des Weiterso.
Deutschland hat 2024 für Nettoimporte fossiler Energieträger rund 76 Milliarden Euro ausgegeben: 51 Milliarden für Erdöl, 19 für Erdgas, 5 für Steinkohle. Das sind etwa 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung oder rund 900 Euro je Einwohner. 2024 war dabei ein günstiges Jahr. Der Durchschnitt seit 2008 liegt bei rund 81 Milliarden, das Krisenjahr 2022 bei 146 Milliarden.
Dem gegenüber steht der Investitionsbedarf für die Stromnetze. Eine Untersuchung des IMK beziffert ihn bis 2045 auf rund 650 Milliarden Euro — etwa 328 Milliarden im Übertragungsnetz, 323 im Verteilnetz. Der zweite Entwurf des Netzentwicklungsplans 2037/2045 vom März 2026 kommt für das Übertragungsnetz auf 365 bis 392 Milliarden.
Jetzt nebeneinander, auf dieselbe Zeitachse:
| Posten | Zeitraum | Summe | Was danach dasteht |
|---|---|---|---|
| Fossile Energieimporte | 20 Jahre, zu je rund 81 Mrd | rund 1.600 Mrd € | nichts |
| Stromnetze | bis 2045 | rund 650 Mrd € | ein Netz |
Über zwanzig Jahre gibt Deutschland für Brennstoff, der verbrannt wird, in der Größenordnung von eineinhalb Billionen Euro aus. Über denselben Zeitraum wird über 650 Milliarden für Netze diskutiert, die danach vierzig Jahre stehen.
Nur eine dieser beiden Zahlen ist regelmäßig Gegenstand von Empörung.
Wo das Geld landet
Die zweite Frage, die selten gestellt wird: Wer bekommt es?
Bei den fossilen Importen 2024 ging das Geld vor allem nach Norwegen — rund dreißig Prozent des Gesamtwerts —, in die USA mit neunzehn und in die Niederlande mit siebzehn Prozent. Diese Wertschöpfung findet außerhalb statt. Sie erzeugt dort Arbeitsplätze, Steueraufkommen und Investitionskraft, und sie fällt jedes Jahr neu an.
Bemerkenswert an derselben Statistik: Russland lag 2021 noch bei fünfunddreißig Prozent des Gesamtwerts, 2024 bei 0,1 Prozent. Innerhalb von drei Jahren wurde damit eine Abhängigkeit ersetzt, die vorher als unersetzlich galt — in der Amtszeit von Wirtschaftsminister Robert Habeck. Ersetzt wurde allerdings der Lieferant, nicht das Prinzip. Auch unter seiner Nachfolgerin Katherina Reiche wird der Bedarf eingekauft, nur aus anderen Ländern und zu einem wachsenden Teil als verflüssigtes Gas per Schiff.
Bei einer Leitung, einem Umspannwerk oder einem Speicher sieht die Verteilung anders aus. Ein erheblicher Teil geht in Planung, Genehmigung, Tiefbau, Montage und Wartung — also an Betriebe, die vor Ort arbeiten müssen, weil ein Mast sich nicht importieren lässt, wenn er einmal steht. Die Komponenten selbst kommen zum Teil aus dem Ausland; über den gesamten Lebenszyklus bleibt der Anteil, der im Inland anfällt, dennoch deutlich höher als beim Rohstoffkauf.
Und es gibt einen Unterschied, der nicht in Prozentpunkten steht: Der Bau ist einmal. Die Rechnung für Öl kommt wieder und ist volatil, unberechenbar. Sowohl geopolitisch, wirtschaftspolitisch als auch umweltpolitisch ist das äußerst heikel, zuweilen verantwortungslos.
Was hier nicht behauptet wird
Die Unterscheidung hält nur stand, solange man sie sauber anwendet.
Investitionen sind nicht umsonst. Sie müssen finanziert werden, Zinsen sind real, und bei Netzen landen sie über die Netzentgelte auf den Stromrechnungen. Wer 650 Milliarden investiert, verteilt eine Belastung über Jahrzehnte — er lässt sie nicht verschwinden. Wie hoch sie ausfällt, entscheidet sich allerdings nicht allein an der Investitionssumme, sondern daran, wem die Netze gehören und was sie verdienen dürfen — eine spürbare Auswirkung der verfehlten Privatisierung der Monopol-Netze. Nachgezeichnet haben wir das in der Serie Strommarkt und Macht: wie das Netz zur Ware wurde, wer über den Zutritt entscheidet, wie festgesetzt wird, was ein Netz verdienen darf, was über fünfzig Jahre obendrauf kommt, wer die Rendite tatsächlich bezieht und nach welcher Regel ab 2029 verteilt wird, wer für das Netz bezahlt.
Anlagen haben Betriebskosten. Wartung, Ersatzteile, Personal, irgendwann der Ersatz. Das ist Mehl, kein Ofen, und es gehört in jede Vollkostenrechnung.
Nicht jede Investition hinterlässt etwas Nützliches. Ein Gaskraftwerk, das mit dem Zusatz „H2-ready" gebaut wird und diese Umstellung nie erfährt, steht am Ende der Nutzungsdauer ebenfalls da — als Anlage, für die es keinen Brennstoff gibt, den man verantworten kann. Das ist eine Fehlinvestition, und Fehlinvestitionen sind Kosten im Investitionsgewand. Was hinter diesem Zusatz steckt, haben wir gesondert untersucht.
Die Prüffrage lautet deshalb nicht „Investition oder Kosten?", sondern: Was steht am Ende der Nutzungsdauer da, und wofür ist es dann noch zu gebrauchen?
Bei einer Leitung: eine Leitung. Bei einer Windenergieanlage: ein Fundament, ein Standort, ein Netzanschluss — die teuersten Teile eines Repowering. Bei einem Kubikmeter verbranntem Gas: nichts, und dazu eine Menge CO₂, die jemand irgendwann bezahlen wird.
Warum das eine geopolitische Frage ist
Der Unterschied zwischen Kosten und Investition ist zugleich der Unterschied zwischen zwei Verhandlungspositionen.
Wer Brennstoff kauft, verhandelt jeden Tag neu, zum jeweiligen Tagespreis, mit dem, der gerade liefern kann. Sein Spielraum endet dort, wo die Lieferung endet — und wer die Lieferung kontrolliert, kontrolliert einen Teil seiner Politik. Wie schnell das praktisch wird, war im Februar 2026 an der Straße von Hormus zu besichtigen.
Wer eine Anlage baut, verhandelt einmal. Danach hat der Wind keinen Außenminister und die Sonne keine Exportquote.
Das ist der Grund, warum China seit Jahren elektrifiziert, ohne dabei von Klimaschutz zu sprechen: Eine Investition in Erzeugung ist eine Investition in Handlungsfähigkeit. Wer die Mittel der Erzeugung besitzt, muss nicht darum bitten.
Deutschland führt dieselbe Debatte unter umgekehrten Vorzeichen. Die 76 Milliarden für Importe, die jedes Jahr neu anfallen, stehen in keiner Schlagzeile; die 650 Milliarden für Netze, die einmal über Jahrzehnte investiert werden, in vielen. Beides sind Ausgaben. Nur eine davon hinterlässt etwas.
Der Posten, der in keiner dieser Rechnungen vorkommt
Es gibt eine Maßnahme, die in beiden Spalten fehlt, weil sie in keine passt.
In Deutschland fallen jedes Jahr Stunden an, in denen mehr Strom erzeugt werden könnte, als gebraucht wird. Windräder werden abgeregelt, der Börsenpreis fällt unter null, und die Kosten dieser Abregelung stehen am Ende auf den Netzentgelten — also auf den Rechnungen aller.
Diesen Strom in Autobatterien fließen zu lassen, verlangt keine Investition: keine Leitung, kein Kraftwerk, kein Speicher, kein Terminal. Es verlangt eine Änderung in der Abrechnung.
Es ist damit der einzige Posten in dieser gesamten Debatte, der weder Ofen noch Mehl ist und dennoch schön duftet. Er kostet nichts und hinterlässt trotzdem etwas — nämlich jede Kilowattstunde, die sonst weggeworfen worden wäre.
Wenn eine Maßnahme mit diesem Verhältnis von Aufwand und Ertrag an Verfahrensfragen scheitert, dann liegt das nicht an ihrem Preis.
Quellen
- Statistisches Bundesamt und Auswertungen zu den Nettoimporten fossiler Energieträger 2024
- IMK — Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung: Investitionsbedarf in die deutschen Stromnetze bis 2045
- Netzentwicklungsplan Strom 2037/2045, zweiter Entwurf, März 2026, netzentwicklungsplan.de
- Energiewende Campus: Die Kosten der Energiewende — Investitionen unter der Lupe
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Kosten oder Investition — was am Ende dasteht
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