Wer spart für wen
Teil 4 endet mit einer Frage: Wer erhält die langfristige Kapitalrendite, und wem gehört am Ende das Bauwerk?
Für eines der vier deutschen Übertragungsnetze steht die Antwort seit diesem Sommer fest. Sie ist präziser, als man es sich ausdenken würde.
Foto: Die Norges Bank in Oslo. Ihre Vermögensverwaltung hält seit Juni 2026 einen Anteil an TenneT Deutschland — via Wikimedia Commons — gemeinfrei / Mahlum
Wer seit dem Sommer an TenneT Deutschland verdient
Am 30. Juni und 3. Juli 2026 wurden zwei Transaktionen vollzogen. Seitdem sieht die Eigentümerliste des Netzbetreibers, der den Norden und Westen Deutschlands mit dem Süden verbindet, so aus:
| Anteil | Eigentümer | Was das ist |
|---|---|---|
| 46 % | APG, GIC und NBIM zusammen | APG legt für den niederländischen Pensionsfonds ABP an, den Fonds der dortigen Beamten und Lehrkräfte. GIC ist der Staatsfonds Singapurs. NBIM verwaltet den norwegischen Staatsfonds, der aus Öl- und Gaseinnahmen gespeist wird. |
| 28,9 % | TenneT Holding | der niederländische Staat |
| 25,1 % | KfW | die Bundesrepublik Deutschland |
Die drei Neuzugänge haben zusammen bis zu 9,5 Milliarden Euro zugesagt, 2,5 Milliarden davon sofort eingezahlt.
Im Bild des ersten Teils: Die Miete für den Ofen wird jeden Monat fällig. Auf dem Brot steht nicht, auf wessen Konto sie geht. Seit diesem Sommer ist es zu einem erheblichen Teil die Altersvorsorge anderer Länder.
Was diese drei bekommen, steht in Teil 3 und 4: eine Verzinsung, die die Bundesnetzagentur festsetzt, auf eine Kapitalbasis, die mit jeder genehmigten Investition wächst, bezahlt über die Netzentgelte auf deutschen Stromrechnungen. Altersvorsorge in Amsterdam und Oslo, finanziert aus dem Posten, der rund dreißig Prozent Ihrer Stromrechnung ausmacht.
Das ist regelkonform, sauber ausgeschrieben und öffentlich dokumentiert. Und es ist die Folge einer Entscheidung, die zwei Jahre vorher fiel.
Der Kauf, der 2024 nicht stattfand
Am 20. Juni 2024 teilten TenneT und die KfW mit, dass ihre Verhandlungen über einen Komplettverkauf von TenneT Deutschland an den Bund ergebnislos beendet seien. Im Raum standen rund 20 Milliarden Euro.
Interessant ist, wie das begründet wurde — je nachdem, wen man fragt.
In der Mitteilung von TenneT hieß es, die Bundesregierung habe erklärt, die Transaktion „aufgrund von Haushaltsproblemen nicht durchführen" zu können.
Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums stellte dagegen klar, der Kauf sei „nicht an der Schuldenbremse gescheitert". Entscheidend sei „der Klärungsbedarf, wie ein vollständiger und dauerhafter Staatsbesitz verhindert werde".
Diese beiden Sätze stehen nebeneinander und sagen nicht dasselbe. Der eine nennt fehlendes Geld. Der andere nennt einen Vorbehalt gegen dauerhaftes Staatseigentum an einer Infrastruktur — also eine ordnungspolitische Entscheidung, keine Kassenlage.
Wirtschaftsminister Robert Habeck bedauerte damals, dass es nicht gelungen sei, die vier Netzbetreiber „in einer Gesellschaft zusammenzufassen"; das hätte den Strom „am Ende günstiger gemacht". Staatssekretär Nimmermann hielt fest, der Bund habe weiterhin Interesse an einer strategischen Minderheitsbeteiligung.
Bei der Minderheitsbeteiligung ist es geblieben.
In derselben Mitteilung steht noch ein Satz, der die deutsche Entscheidung einordnet: Der niederländische Staat hatte TenneT kurz zuvor ein Gesellschafterdarlehen über 25 Milliarden Euro für die Jahre 2024 und 2025 gewährt. Das eine Land lieh seinem Netzbetreiber also 25 Milliarden, während das andere im selben Monat einen Kauf für rund 20 Milliarden absagte.
Foto: Das Bundesministerium der Finanzen in Berlin — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Palickap
Was im selben Jahr geplant war
2024 war zugleich das Jahr, in dem die Bundesregierung ein anderes Vorhaben betrieb: das Generationenkapital.
Die Konstruktion, Teil des Rentenpakets II und gemeinsames Projekt von Arbeitsminister Hubertus Heil und Finanzminister Christian Lindner, sah so aus: Der Staat nimmt 12 Milliarden Euro Kredit auf, jährlich um drei Prozent steigend, dazu 15 Milliarden aus Bundesvermögen. Eine Stiftung legt das Geld am Kapitalmarkt an. Bis 2036 sollten so 200 Milliarden Euro zusammenkommen, deren Erträge den Rentenbeitrag stabilisieren.
Der Gedanke dahinter: Der Staat kann sich günstig verschulden und das Geld in Anlagen stecken, die mehr abwerfen als der Kredit kostet. Die Differenz finanziert die Rente.
Das Vorhaben wurde wegen des Koalitionsbruchs nicht mehr verabschiedet. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag kommt es nicht mehr vor; an seine Stelle sind Frühstart-Rente und Altersvorsorgedepot getreten.
Foto: Der Plenarsaal des Bundestages. Beide Vorhaben wurden hier verhandelt — via Wikimedia Commons — CC BY 3.0 / Andreas Praefcke
Die beiden Rechnungen nebeneinander
Stellt man die Vorgänge desselben Jahres nebeneinander, ergibt sich ein Bild, das erklärungsbedürftig ist.
| Generationenkapital | TenneT Deutschland | |
|---|---|---|
| Vorschlag | Staat nimmt Kredit auf und legt am Kapitalmarkt an | Staat kauft ein reguliertes Netz |
| Volumen | 12 Mrd € im ersten Jahr, Ziel 200 Mrd € | rund 20 Mrd € |
| Ertrag | Kursentwicklung der Weltmärkte, ungewiss | Verzinsung, die eine deutsche Behörde festsetzt |
| Risiko | volles Marktrisiko | Bau- und Kostenrisiko, reguliertes Umfeld |
| Ergebnis | am Koalitionsbruch gescheitert | 2024 abgelehnt, 2026 zu 25,1 % nachgeholt |
Der Staat wollte sich also Geld leihen, um es in schwankende Wertpapiere zu stecken — und lehnte im selben Jahr ab, sich Geld zu leihen für eine Anlage, deren Ertrag eine seiner eigenen Behörden festlegt.
Und genau in diese zweite Anlageklasse investieren nun ausländische Altersvorsorge-Vehikel. APG legt für niederländische Beamte und Lehrkräfte an. NBIM verwaltet das norwegische Öl- und Gasvermögen, aus dem dieses Land seine künftigen Renten mitfinanziert. Was das Generationenkapital für deutsche Beitragszahler leisten sollte, leisten deutsche Netzentgelte jetzt für niederländische und norwegische.
Zur besseren Einordnung
Vier Einschränkungen gehören dazu, sonst wird aus einem Befund eine Behauptung.
Erstens ist ein Netzanteil kein Ersatz für ein weltweit gestreutes Wertpapierdepot. Ein Staatsfonds hält beides, aus unterschiedlichen Gründen. Die beiden Vorhaben lösen nicht dasselbe Problem.
Zweitens war das Rentenpaket II ein gemeinsames Vorhaben von SPD und FDP, kein Alleingang. Und der Vorbehalt gegen dauerhaftes Staatseigentum an Infrastruktur ist eine Position, die über Parteigrenzen hinweg vertreten wird.
Drittens hat der niederländische Staat das norddeutsche Netz seit Ende 2009 zuverlässig betrieben und dabei erhebliche Summen investiert. Wer hier Kapital gibt, bekommt es nicht geschenkt, sondern übernimmt Bau-, Kosten- und Terminrisiken.
Viertens hat der Bund die Sache 2026 teilweise korrigiert. Er hält jetzt 25,1 Prozent — gekauft für rund 3,3 Milliarden Euro, finanziert über einen Kapitalmarktkredit der KfW, nicht aus dem Haushalt. Aus dem Bundeshaushalt fließen nur Verwaltungs- und Refinanzierungskosten in niedriger dreistelliger Millionenhöhe.
Dieser vierte Punkt ist zugleich der schärfste. Denn diese Finanzierungsform — die KfW nimmt einen Kredit auf, der Haushalt bleibt weitgehend unberührt — stand 2024 genauso zur Verfügung.
Was das mit dem Laden zu tun hat
Diese Reihe ist keine Abschweifung. Sie erklärt, warum sich das Stromsystem so langsam bewegt.
Wer an einer regulierten Anlagenbasis verdient, hat keinen eingebauten Grund, sich für einen Verbrauch zu interessieren, der sich von selbst in die günstige Stunde verschiebt. Verbrauchsflexibilität vergrößert keine Kapitalbasis. Sie erzeugt keine Abschreibung und keine Verzinsung. Sie spart nur Geld — und zwar bei denen, die die Netzentgelte zahlen.
Deshalb bleibt unsere Forderung dieselbe: Das Preissignal der Überschussstunde muss bis zur Ladesäule durchkommen. Damit Elektroautos genau dann laden, wenn Wind und Sonne mehr liefern, als gebraucht wird.
Die Reihe im Überblick
Sechs Teile, eine Frage.
- Teil 1 — Wie das Netz zur Ware wurde: wie die vier Netze zwischen 2009 und 2012 den Eigentümer wechselten
- Teil 2 — Wer den Zutritt bewacht: wer darüber entscheidet, wer an diese Netze angeschlossen wird
- Teil 3 — Wem gehört die Leitung, wenn sie bezahlt ist?: wie festgesetzt wird, was ein Netz verdienen darf
- Teil 4 — Was obendrauf kommt: die Rechnung über fünfzig Jahre und drei Eigentumsmodelle
- Teil 5 — dieser Text: wer die Rendite tatsächlich bezieht
- Teil 6 — Wer ist AgNes?: nach welcher Regel ab 2029 verteilt wird, wer für das Netz bezahlt
Die Frage aus Teil 4 lässt sich für TenneT Deutschland jetzt beantworten. Für die 365 bis 392 Milliarden Euro, die bis 2045 noch investiert werden sollen, ist sie offen. Das ist der einzige Grund, warum es sich lohnt, sie zu stellen.
Quellen
- TenneT: Neue Eigentümerstruktur von TenneT Germany steht (03.07.2026)
- TenneT: TenneT und KfW beenden die Verhandlungen über einen Komplettverkauf von TenneT Deutschland ergebnislos (20.06.2024)
- Handelsblatt: Tennet-Deal gescheitert — Deutschland kauft seine Stromnetze nicht zurück (20.06.2024)
- KfW: Vertragsunterzeichnung zum Einstieg des Bundes bei TenneT Germany
- taz: Staat beteiligt sich an Netzausbau — Bund steigt bei Tennet ein
- Deutscher Bundestag: Materialien zum Rentenpaket II (PDF)
- Rosa-Luxemburg-Stiftung: Die Aktienrente als „Generationenkapital"
- Bundesnetzagentur: Festlegung zur Eigenkapitalverzinsung von Neuanlagen (24.01.2024)
- Netzentwicklungsplan Strom 2037/2045 (2025), zweiter Entwurf
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