Ladefreunde-Blog · Strommarkt und Macht

Wer spart für wen

17. August 2026 7 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Teil 4 endet mit einer Frage: Wer erhält die langfristige Kapitalrendite, und wem gehört am Ende das Bauwerk?

Für eines der vier deutschen Übertragungsnetze steht die Antwort seit diesem Sommer fest. Sie ist präziser, als man es sich ausdenken würde.

Gebäude der Norges Bank in der Kirkegata in Oslo

Foto: Die Norges Bank in Oslo. Ihre Vermögensverwaltung hält seit Juni 2026 einen Anteil an TenneT Deutschland — via Wikimedia Commons — gemeinfrei / Mahlum

Wer seit dem Sommer an TenneT Deutschland verdient

Am 30. Juni und 3. Juli 2026 wurden zwei Transaktionen vollzogen. Seitdem sieht die Eigentümerliste des Netzbetreibers, der den Norden und Westen Deutschlands mit dem Süden verbindet, so aus:

Anteil Eigentümer Was das ist
46 % APG, GIC und NBIM zusammen APG legt für den niederländischen Pensionsfonds ABP an, den Fonds der dortigen Beamten und Lehrkräfte. GIC ist der Staatsfonds Singapurs. NBIM verwaltet den norwegischen Staatsfonds, der aus Öl- und Gaseinnahmen gespeist wird.
28,9 % TenneT Holding der niederländische Staat
25,1 % KfW die Bundesrepublik Deutschland

Die drei Neuzugänge haben zusammen bis zu 9,5 Milliarden Euro zugesagt, 2,5 Milliarden davon sofort eingezahlt.

Im Bild des ersten Teils: Die Miete für den Ofen wird jeden Monat fällig. Auf dem Brot steht nicht, auf wessen Konto sie geht. Seit diesem Sommer ist es zu einem erheblichen Teil die Altersvorsorge anderer Länder.

Was diese drei bekommen, steht in Teil 3 und 4: eine Verzinsung, die die Bundesnetzagentur festsetzt, auf eine Kapitalbasis, die mit jeder genehmigten Investition wächst, bezahlt über die Netzentgelte auf deutschen Stromrechnungen. Altersvorsorge in Amsterdam und Oslo, finanziert aus dem Posten, der rund dreißig Prozent Ihrer Stromrechnung ausmacht.

Das ist regelkonform, sauber ausgeschrieben und öffentlich dokumentiert. Und es ist die Folge einer Entscheidung, die zwei Jahre vorher fiel.

Der Kauf, der 2024 nicht stattfand

Am 20. Juni 2024 teilten TenneT und die KfW mit, dass ihre Verhandlungen über einen Komplettverkauf von TenneT Deutschland an den Bund ergebnislos beendet seien. Im Raum standen rund 20 Milliarden Euro.

Interessant ist, wie das begründet wurde — je nachdem, wen man fragt.

In der Mitteilung von TenneT hieß es, die Bundesregierung habe erklärt, die Transaktion „aufgrund von Haushaltsproblemen nicht durchführen" zu können.

Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums stellte dagegen klar, der Kauf sei „nicht an der Schuldenbremse gescheitert". Entscheidend sei „der Klärungsbedarf, wie ein vollständiger und dauerhafter Staatsbesitz verhindert werde".

Diese beiden Sätze stehen nebeneinander und sagen nicht dasselbe. Der eine nennt fehlendes Geld. Der andere nennt einen Vorbehalt gegen dauerhaftes Staatseigentum an einer Infrastruktur — also eine ordnungspolitische Entscheidung, keine Kassenlage.

Wirtschaftsminister Robert Habeck bedauerte damals, dass es nicht gelungen sei, die vier Netzbetreiber „in einer Gesellschaft zusammenzufassen"; das hätte den Strom „am Ende günstiger gemacht". Staatssekretär Nimmermann hielt fest, der Bund habe weiterhin Interesse an einer strategischen Minderheitsbeteiligung.

Bei der Minderheitsbeteiligung ist es geblieben.

In derselben Mitteilung steht noch ein Satz, der die deutsche Entscheidung einordnet: Der niederländische Staat hatte TenneT kurz zuvor ein Gesellschafterdarlehen über 25 Milliarden Euro für die Jahre 2024 und 2025 gewährt. Das eine Land lieh seinem Netzbetreiber also 25 Milliarden, während das andere im selben Monat einen Kauf für rund 20 Milliarden absagte.

Das Detlev-Rohwedder-Haus, Sitz des Bundesministeriums der Finanzen in Berlin

Foto: Das Bundesministerium der Finanzen in Berlin — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Palickap

Was im selben Jahr geplant war

2024 war zugleich das Jahr, in dem die Bundesregierung ein anderes Vorhaben betrieb: das Generationenkapital.

Die Konstruktion, Teil des Rentenpakets II und gemeinsames Projekt von Arbeitsminister Hubertus Heil und Finanzminister Christian Lindner, sah so aus: Der Staat nimmt 12 Milliarden Euro Kredit auf, jährlich um drei Prozent steigend, dazu 15 Milliarden aus Bundesvermögen. Eine Stiftung legt das Geld am Kapitalmarkt an. Bis 2036 sollten so 200 Milliarden Euro zusammenkommen, deren Erträge den Rentenbeitrag stabilisieren.

Der Gedanke dahinter: Der Staat kann sich günstig verschulden und das Geld in Anlagen stecken, die mehr abwerfen als der Kredit kostet. Die Differenz finanziert die Rente.

Das Vorhaben wurde wegen des Koalitionsbruchs nicht mehr verabschiedet. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag kommt es nicht mehr vor; an seine Stelle sind Frühstart-Rente und Altersvorsorgedepot getreten.

Plenarsaal des Deutschen Bundestages im Reichstagsgebäude

Foto: Der Plenarsaal des Bundestages. Beide Vorhaben wurden hier verhandelt — via Wikimedia Commons — CC BY 3.0 / Andreas Praefcke

Die beiden Rechnungen nebeneinander

Stellt man die Vorgänge desselben Jahres nebeneinander, ergibt sich ein Bild, das erklärungsbedürftig ist.

Generationenkapital TenneT Deutschland
Vorschlag Staat nimmt Kredit auf und legt am Kapitalmarkt an Staat kauft ein reguliertes Netz
Volumen 12 Mrd € im ersten Jahr, Ziel 200 Mrd € rund 20 Mrd €
Ertrag Kursentwicklung der Weltmärkte, ungewiss Verzinsung, die eine deutsche Behörde festsetzt
Risiko volles Marktrisiko Bau- und Kostenrisiko, reguliertes Umfeld
Ergebnis am Koalitionsbruch gescheitert 2024 abgelehnt, 2026 zu 25,1 % nachgeholt

Der Staat wollte sich also Geld leihen, um es in schwankende Wertpapiere zu stecken — und lehnte im selben Jahr ab, sich Geld zu leihen für eine Anlage, deren Ertrag eine seiner eigenen Behörden festlegt.

Und genau in diese zweite Anlageklasse investieren nun ausländische Altersvorsorge-Vehikel. APG legt für niederländische Beamte und Lehrkräfte an. NBIM verwaltet das norwegische Öl- und Gasvermögen, aus dem dieses Land seine künftigen Renten mitfinanziert. Was das Generationenkapital für deutsche Beitragszahler leisten sollte, leisten deutsche Netzentgelte jetzt für niederländische und norwegische.

Zur besseren Einordnung

Vier Einschränkungen gehören dazu, sonst wird aus einem Befund eine Behauptung.

Erstens ist ein Netzanteil kein Ersatz für ein weltweit gestreutes Wertpapierdepot. Ein Staatsfonds hält beides, aus unterschiedlichen Gründen. Die beiden Vorhaben lösen nicht dasselbe Problem.

Zweitens war das Rentenpaket II ein gemeinsames Vorhaben von SPD und FDP, kein Alleingang. Und der Vorbehalt gegen dauerhaftes Staatseigentum an Infrastruktur ist eine Position, die über Parteigrenzen hinweg vertreten wird.

Drittens hat der niederländische Staat das norddeutsche Netz seit Ende 2009 zuverlässig betrieben und dabei erhebliche Summen investiert. Wer hier Kapital gibt, bekommt es nicht geschenkt, sondern übernimmt Bau-, Kosten- und Terminrisiken.

Viertens hat der Bund die Sache 2026 teilweise korrigiert. Er hält jetzt 25,1 Prozent — gekauft für rund 3,3 Milliarden Euro, finanziert über einen Kapitalmarktkredit der KfW, nicht aus dem Haushalt. Aus dem Bundeshaushalt fließen nur Verwaltungs- und Refinanzierungskosten in niedriger dreistelliger Millionenhöhe.

Dieser vierte Punkt ist zugleich der schärfste. Denn diese Finanzierungsform — die KfW nimmt einen Kredit auf, der Haushalt bleibt weitgehend unberührt — stand 2024 genauso zur Verfügung.

Was das mit dem Laden zu tun hat

Diese Reihe ist keine Abschweifung. Sie erklärt, warum sich das Stromsystem so langsam bewegt.

Wer an einer regulierten Anlagenbasis verdient, hat keinen eingebauten Grund, sich für einen Verbrauch zu interessieren, der sich von selbst in die günstige Stunde verschiebt. Verbrauchsflexibilität vergrößert keine Kapitalbasis. Sie erzeugt keine Abschreibung und keine Verzinsung. Sie spart nur Geld — und zwar bei denen, die die Netzentgelte zahlen.

Deshalb bleibt unsere Forderung dieselbe: Das Preissignal der Überschussstunde muss bis zur Ladesäule durchkommen. Damit Elektroautos genau dann laden, wenn Wind und Sonne mehr liefern, als gebraucht wird.

Die Reihe im Überblick

Sechs Teile, eine Frage.

Die Frage aus Teil 4 lässt sich für TenneT Deutschland jetzt beantworten. Für die 365 bis 392 Milliarden Euro, die bis 2045 noch investiert werden sollen, ist sie offen. Das ist der einzige Grund, warum es sich lohnt, sie zu stellen.

Quellen

Du willst „Nutzen statt Abregeln"?

Zeichne die Petition — jede Stimme zählt. Wir brauchen sie schnell, bevor der Tankrabatt verlängert und unser Vorschlag übersehen wird.

Petition zeichnen →

Was sagst du dazu?

Widerspruch, Ergänzung, eine Zahl, die nicht stimmt, eine Frage, die offen bleibt — schreib es uns. Wir lesen jede Rückmeldung, und sie ändert unsere Texte.

Deine Rückmeldung bezieht sich auf
Wer spart für wen
https://ladefreun.de/blog/180-wer-spart-fuer-wen/
0 / 4000

Die Rückmeldung geht als E-Mail an uns, zusammen mit dem Titel dieses Beitrags. Name und Adresse sind freiwillig; ohne Adresse können wir nicht antworten. Kommen zu einem Beitrag mehrere gehaltvolle Rückmeldungen zusammen, fassen wir den fachlichen Austausch daraus sinngemäß zusammen und stellen ihn unter den Beitrag — ohne Namen, ohne Adressen, ohne Datum. Wenn du das nicht möchtest, schreib es dazu. Geht das Formular nicht, schreib direkt an feedback@ladefreun.de.

Angekommen — danke. Wir lesen mit, und wenn du eine Adresse hinterlassen hast, melden wir uns.

Newsletter abonnieren? Hier auf der Startseite mit deiner E-Mail-Adresse.