Ladefreunde-Blog · Strommarkt und Geopolitik

Hormus, und was China daraus gemacht hat

12. August 2026 5 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Zwischen dem Iran und dem Oman liegt eine Meerenge, die an ihrer schmalsten Stelle rund neunundfünfzig Kilometer breit ist. Durch sie fahren normalerweise täglich Tanker mit etwa zwanzig Millionen Barrel Rohöl — ein Fünftel des Weltbedarfs. Im Februar 2026 fuhr dort nichts mehr.

Satellitenaufnahme der Straße von Hormus zwischen Iran und Oman

Foto: Die Straße von Hormus aus dem Orbit. Eine Engstelle, an der ein Fünftel des Welt-Ölhandels vorbeimuss. — via Wikimedia Commons — Public Domain / NASA

Rund zehn Prozent des weltweiten Ölangebots fielen aus. Nach jedem Lehrbuch, das seit 1973 geschrieben wurde, war das der Auslöser einer globalen Krise.

Sie kam nicht in der erwarteten Form. Und der Grund dafür liegt in Entscheidungen, die zehn Jahre vorher getroffen wurden — in einem Land, das keinerlei klimapolitische Vorreiterrolle für sich beansprucht.

Was 1973 anders war

Das Ölembargo der arabischen Staaten traf 1973 auf Volkswirtschaften, die für dieselbe Wirtschaftsleistung sehr viel mehr Öl brauchten als heute und die keine Alternative hatten. In Deutschland führte das zu autofreien Sonntagen, Tempolimits und einer Rezession. Der Preisschock wirkte, weil es keinen Ausweichpfad gab: Wer Öl brauchte, brauchte Öl.

Genau das ist die Bauart einer Abhängigkeit. Sie besteht nicht darin, dass man etwas kauft. Sie besteht darin, dass man es jeden Tag wieder kaufen muss und dabei nichts anderes nehmen kann.

Chinas Ausgangslage

China ist mit Abstand der größte Ölimporteur der Welt. Irak, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Oman decken zusammen etwa vierzig Prozent seiner Rohölimporte — sämtlich Lieferungen, die durch Hormus müssen.

Auf dem Papier war China damit der verwundbarste große Staat überhaupt.

Tatsächlich drosselte Peking seine seewärtigen Ölimporte in der Krise um eine Größenordnung, die dem gemeinsamen Ölverbrauch Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens entspricht — ohne dass die Wirtschaft einen erkennbaren Einbruch verzeichnete.

Das ging aus drei Gründen.

Erstens: strategische Reserven. China hat über Jahre Öl eingelagert, in einem Umfang, den es nicht veröffentlicht. In der Krise wurde daraus gezogen.

Zweitens: eine Stromerzeugung, die nicht am Öl hängt. Chinas Strom kommt aus Kohle, Wasserkraft, Kernkraft und einem Zubau an Wind und Solar, der jede europäische Größenordnung sprengt. Keine dieser Quellen fährt durch Hormus.

Drittens, und das ist der Teil, um den es hier geht: der Verkehr. In China haben Fahrzeuge mit alternativem Antrieb, ganz überwiegend batterieelektrische, inzwischen einen Anteil von über fünfzig Prozent an den Neuzulassungen. Nach Berechnung der Internationalen Energieagentur hätte China ohne diesen Hochlauf rund 300.000 Barrel pro Tag zusätzlich gebraucht.

Ein elektrisches Taxi des Herstellers BYD

Foto: Ein elektrisches Taxi von BYD. In Shenzhen fährt die gesamte Taxiflotte seit Jahren elektrisch. — via Wikimedia Commons — CC BY 2.0 / Mic from Reading

Warum das keine Klimapolitik war

Es lohnt sich, bei der Begründung genau hinzusehen, weil sie in Deutschland fast nie mitgeliefert wird.

China hat nicht elektrifiziert, um Emissionen zu senken. Es hat elektrifiziert, weil Öl über See kommt, Seewege kontrollierbar sind und die Kontrolle nicht in Peking liegt. Elektrifizierung des Verkehrs ist unter dieser Perspektive eine Maßnahme der Versorgungssicherheit — und nebenbei eine Industriepolitik, die einen Weltmarkt erschließt.

Dieselbe Logik in einem Satz: Ein Land, das Öl kauft, ist Kunde. Ein Land, das Batteriezellen, Elektromotoren und Wechselrichter baut, ist Lieferant. Für diese Unterscheidung kursiert seit Anfang 2026 der Begriff des Elektrostaats in Abgrenzung zum Petrostaat, und wir haben ihn in einem eigenen Text beschrieben.

Der Petrostaat verdient daran, dass andere jeden Tag wieder kaufen müssen. Der Elektrostaat verdient daran, dass andere seine Anlagen einmal kaufen — und danach zwanzig Jahre mit dieser Entscheidung leben.

Was mit dem Ölmarkt passiert ist

Die interessanteste Folge von Hormus ist etwas, das ausblieb.

Der Ölpreis enthält seit Jahrzehnten eine Risikoprämie: einen Aufschlag dafür, dass in einer Krise die Nachfrage unelastisch ist, dass also der Preis fast beliebig steigen kann, weil niemand ausweichen kann. Diese Prämie funktioniert nur, solange die Annahme stimmt.

2026 hat der größte Käufer der Welt vorgeführt, dass sie nicht mehr uneingeschränkt stimmt. Wer für einen Teil seines Bedarfs ausweichen kann, verhandelt anders — und zwar dauerhaft, nicht nur in der Krise.

Im April 2026 kam eine zweite Zahl dazu, die in dieselbe Richtung zeigt: Weltweit erzeugten Wind und Solar in diesem Monat erstmals mehr Strom als Erdgas.

Und Deutschland

Die deutsche Reaktion auf dieselbe Krise bestand darin, den Bezug fossiler Moleküle neu zu sortieren. Neue Lieferländer, neue Terminals, neue Verträge, dazu ein Ausbauprogramm für Gaskraftwerke mit dem Zusatz, dass sie eines Tages Wasserstoff verbrennen könnten.

Vor dem kommenden Winter sind die deutschen Gasspeicher zu weniger als der Hälfte gefüllt — der niedrigste Stand zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen. Die katarischen Lieferungen sind eingebrochen. Die europäischen Einkäufe russischen Flüssigerdgases lagen im ersten Halbjahr 2026 auf Rekordniveau, während dieselben Regierungen die Verteidigungsausgaben gegen denselben Staat auf ein Niveau heben, das über die kommenden Jahre in die Billionen geht. Die Kette im Einzelnen steht in einem eigenen Text.

Jede dieser Entscheidungen war für sich genommen begründbar. Zusammengenommen verlängern sie den Zustand, in dem täglich neu eingekauft werden muss, und sie tun es zu einem Zeitpunkt, an dem der größte Wettbewerber vorgeführt hat, wie man aus diesem Zustand herauskommt.

Der Punkt, an dem es billig wird

Es gibt bei uns eine Stelle, an der Unabhängigkeit fast nichts kostet.

In Deutschland fallen jedes Jahr Stunden an, in denen mehr Strom erzeugt werden könnte, als gebraucht wird. Windräder werden abgeregelt, der Börsenpreis fällt unter null, und die Kosten dafür stehen am Ende auf den Rechnungen der Verbraucher. Diesen Strom in Autobatterien zu leiten, verlangt keinen Terminalbau, keine Pipeline, keinen Liefervertrag und kein Abkommen mit einer Regierung.

Es verlangt eine Änderung in der Abrechnung.

Jede Kilowattstunde, die dort ankommt, ersetzt einen Liter, der importiert werden müsste. Und anders als bei jedem Liefervertrag gibt es auf der Gegenseite niemanden, der die Bedingungen ändern kann.

Das ist das Argument, das aus Hormus folgt. Nicht, dass Elektromobilität gut fürs Klima ist — das ist sie auch. Sondern dass sie die einzige Form von Energieversorgung ist, bei der niemand den Hahn zudrehen kann.

Quellen

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