Ladefreunde-Blog · Strommarkt und Geopolitik

Was auf dem Sprechzettel stand

17. September 2026 3 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Ein Sprechzettel ist das Blatt, das ein Ministerium seiner Hausspitze vor einem Termin in die Mappe legt: Wer sitzt gegenüber, was ist unsere Position, was soll gesagt werden. Er zeigt nicht, was am Ende besprochen wurde. Er zeigt, was vorbereitet war — und das ist oft aufschlussreicher.

Für eine Reise nach Texas sind diese Blätter jetzt öffentlich.

Skyline der Innenstadt von Houston, Texas

Foto: Houston, Texas — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / David Daniel Turner

Die Reise

In der zweiten Märzhälfte 2026 fuhr Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche für zweieinhalb Tage zur CERAWeek nach Houston — der wichtigsten Branchenkonferenz der Öl- und Gaswirtschaft. Es war ihr achter Besuch dieser Konferenz.

Wie die Unterlagen öffentlich wurden

Das Recherchebüro FragDenStaat, die Deutsche Umwelthilfe und Greenpeace forderten die Vorbereitungsunterlagen an — nach dem Informationsfreiheitsgesetz und dem Umweltinformationsgesetz. Beide Gesetze geben jedem das Recht, Akten der Verwaltung einzusehen.

Der Weg dorthin dauerte:

Bearbeitungszeit des Ministeriums über drei Monate ohne Antwort
Gebühr je Anfrage Höchstsatz, 500 Euro — bei vier Anfragen
Herausgabe erfolgte erst nach einer Untätigkeitsklage der Umwelthilfe
Umfang 92 Seiten, umfangreich geschwärzt

Gegen den Bescheid haben alle drei Widerspruch eingelegt.

Was vorbereitet war

Langfristige Gasverträge. Für das Gespräch mit ExxonMobil lautete der Sprechpunkt, US-Lieferungen seien „entscheidend für die Gasversorgung der kommenden Jahre", deutsche Unternehmen hätten „weiteres Interesse an langfristigen Gaslieferverträgen mit US-LNG-Exporteuren". Bemerkenswert daran ist ein Nebensatz aus derselben Vorlage: Dem Ministerium fehlten „belastbare Details zu den Plänen deutscher Unternehmen" — es sollte Exxon und BP fragen, ob denen konkrete Gespräche bekannt seien.

LNG-Exportterminal Sabine Pass an der US-Golfküste

Foto: LNG-Exportterminal Sabine Pass an der US-Golfküste — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Quintin Soloviev

Kleine Atomreaktoren. Auf dem Programm stand ein Rundtisch mit NuScale, X-energy, Holtec, GE Hitachi und Westinghouse, dazu die Zahl, in Europa seien bis 2050 zwischen 17 und 53 Gigawatt aus solchen Reaktoren möglich. In derselben Akte steht der Satz: „In den USA hat bislang kein SMR-Projekt die Bauphase erreicht."

Der Satz fürs Podium. „Intermittent renewables cannot power a G7 economy alone." Wetterabhängige Erzeugung allein könne eine große Industrienation nicht versorgen.

Die Linie dahinter. Deutschland sollte sich als Land präsentieren, das wie die USA auf einen Ansatz von allem etwas setzt — Wind, Sonne, Gas, Öl, Speicher, Netze, Atomkraft.

Was fehlt

Die 92 Seiten enthalten fast nur Vorbereitung. Gesprächsprotokolle und Nachbereitungen sind gar nicht dabei. Für ein Drittel der geplanten Termine liegen überhaupt keine Unterlagen vor. Und die stärksten Schwärzungen betreffen zwei Stellen: die Passagen zu ExxonMobil — und die zur EU-Methanverordnung, jener Regel, die Lecks und Abfackeln entlang der Gaskette begrenzen soll. Nach ihrer Rückkehr kritisierte die Ministerin sie öffentlich.

Was in Houston zugesagt wurde, steht damit weiterhin nicht fest. Was vorbereitet war, schon.

Die Zahl, die über allem steht

Im August 2025 hat die EU im Handelsabkommen mit den USA zugesagt, bis Ende 2028 amerikanische Energie im Wert von 750 Milliarden Dollar abzunehmen — Flüssiggas, Öl und Nukleartechnik. Das sind rund 250 Milliarden im Jahr. 2024 hat die EU tatsächlich US-Energie für etwa 76 Milliarden gekauft.

Die Zusage verlangt also mehr als eine Verdreifachung. Ohne neue Langfristverträge ist sie nicht zu erfüllen.

Zwei Richtungen, eine Bewegung

Im vierten Teil dieser Reihe stand ein Brief aus Doha: Ein Lieferant setzt ein europäisches Gesetz unter Druck. Hier läuft es andersherum — ein europäisches Ministerium wirbt beim Lieferanten um lange Bindungen.

Zusammen ergibt das das Muster, um das es in dieser Reihe geht. Auf der einen Seite Lieferverträge über 20 bis 27 Jahre, auf der anderen neue deutsche Gaskraftwerke mit 15-Jahres-Verpflichtung, deren erste Ausschreibung am 8. September 2026 überzeichnet war. Und der Satz vom Podium in Houston ist derselbe, mit dem zu Hause gegen Wind und Sonne argumentiert wird — wir haben ihn nachgerechnet:

Zappelstrom gegen Astrostrom

Die Reihe

  1. Fossile leben länger
  2. Der Anteil, der mitredet
  3. Als der Eigentümer Nein sagte
  4. Der Brief aus Doha
  5. Washington am Golf
  6. Was daraus bei uns folgt
  7. Was auf dem Sprechzettel stand (dieser Beitrag)

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