Ladefreunde-Blog · Strommarkt und Macht

Sieben Cent gegen siebenundfünfzig

11. September 2026 7 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Kurzfassung: Eine Solaranlage von 2004 bekommt 57 Cent je Kilowattstunde. Eine von 2026 bekommt 7,78. Die teuren Jahrgänge laufen nach zwanzig Jahren aus, einer nach dem anderen — der erste ist Ende 2024 herausgefallen. Gestrichen wird jetzt die Vergütung für die neuen Anlagen, also für den billigsten Teil des Bestands. Der teure Teil verschwindet ohnehin von selbst.

Reihen von Solarmodulen einer Freiflächenanlage an einer Autobahn

Foto: Eine Freiflächenanlage. Was sie je Kilowattstunde kostet, hängt fast vollständig am Jahr ihrer Inbetriebnahme. Via Wikimedia Commons — CC0 / Tom-bna

Wie das EEG rechnet

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz zahlt keine Subvention auf den ganzen Strompreis. Es zahlt die Differenz: Der Betreiber bekommt seinen festgelegten Satz, der Strom wird an der Börse verkauft, und was dazwischen fehlt, kommt aus der Förderung.

Daraus folgt: Die Kosten des EEG bestehen aus zwei Zahlen, und beide ändern sich.

Die eine ist die Vergütung. Sie steht für jede Anlage bei ihrer Inbetriebnahme fest und gilt zwanzig Jahre.

Die andere ist der Marktwert. Er ist der Durchschnittspreis, den Solarstrom in einem Monat an der Börse erzielt. Er schwankt mit dem Gaspreis, mit dem Wetter und mit der Nachfrage.

Die alten Jahrgänge

Eine Dachanlage, die 2004 ans Netz ging, bekommt rund 57 Cent je Kilowattstunde. Zwanzig Jahre lang. Diese Anlagen sind Ende 2024 aus der Förderung gefallen.

Die Jahrgänge danach liegen darunter, aber immer noch weit über allem, was heute gezahlt wird: 2009 rund 43 Cent, 2012 noch etwa 24. Jeder dieser Jahrgänge fällt zwanzig Jahre nach seiner Inbetriebnahme heraus — 2009 fällt Ende 2029, 2012 Ende 2032.

Der teure Teil des EEG ist also ein auslaufendes Vermögen an Verpflichtungen. Er wird jedes Jahr kleiner, ohne dass jemand etwas tun muss.

Der neue Jahrgang

Eine Dachanlage, die heute in Betrieb geht, bekommt bei Teileinspeisung 7,78 Cent je Kilowattstunde, bei Volleinspeisung 12,34.

Was ihr Strom an der Börse wert ist, haben wir für 2025 nachgerechnet: 5,41 Cent je Kilowattstunde. Die Differenz, also das, was die Förderung tatsächlich kostet, beträgt für diese Anlage rund 2,4 Cent.

Für die Anlage von 2004 beträgt dieselbe Differenz rund 52 Cent.

Das ist der Faktor zwanzig. Eine neue Anlage belastet die Förderung je Kilowattstunde um etwa ein Zwanzigstel dessen, was ein Jahrgang aus der Anfangszeit kostet.

Was 2022 passiert ist

Es gibt einen Fall, in dem die Rechnung ins Positive kippte, und er liegt nicht lange zurück.

Im Frühjahr 2022, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, stieg der Gaspreis und mit ihm der Strompreis. Der Monatsmarktwert Solar erreichte im März 2022 rund 20,7 Cent je Kilowattstunde — mehr, als jede nach etwa 2011 gebaute Anlage an Vergütung bekommt. Für diese Anlagen zahlte das EEG in solchen Monaten nichts; ihr Strom brachte an der Börse mehr ein, als ihnen zusteht, und die Differenz floss auf das EEG-Konto.

Das Konto stieg bis August 2022 auf 17,4 Milliarden Euro. Im selben Jahr wurde die EEG-Umlage auf der Stromrechnung abgeschafft.

Das ist der Beleg für den Mechanismus: Wenn der Marktpreis steigt, wird das EEG billiger und kann sich sogar selbst finanzieren. Und weil der Marktpreis am Gas hängt, und weil der Emissionshandel Gas Jahr für Jahr teurer macht, zeigt der Trend in dieselbe Richtung.

Was 2026 ist

Hier muss man genau sein, sonst hält das Argument nicht.

Das EEG-Konto ist derzeit nicht aus eigener Kraft positiv. Es schloss 2025 mit einem Überschuss von 1,54 Milliarden Euro ab — bei einem Zuschuss von 16,5 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt. Im Juli 2026 stand ein Monatssaldo von plus 88 Millionen Euro, nachdem 1,646 Milliarden Euro überwiesen worden waren; ohne diese Überweisung wäre der Monat mit über anderthalb Milliarden im Minus geblieben.

Der Grund ist nicht der neue Jahrgang. Er sind die alten, und dazu kommt ein zweiter Effekt, der weniger bekannt ist.

Warum der Marktwert von Solarstrom so niedrig ist

Wir haben es selbst gerechnet, weil sich die amtliche Zahl nicht maschinell abrufen ließ. Der Marktwert Solar ist der Preis, den Solarstrom im Mittel tatsächlich erzielt — also der mit der Einspeisung gewichtete Durchschnitt aller Viertelstundenpreise. Beide Reihen liegen öffentlich vor, die Rechnung ist eine Zeile.

Das Ergebnis:

Durchschnittspreis Marktwert Solar Anteil
2025 9,10 ct/kWh 5,41 ct/kWh 59 %
2026, bis 10. September 10,43 ct/kWh 5,29 ct/kWh 51 %

In diesem Jahr erzielt Solarstrom also gut die Hälfte dessen, was Strom im Mittel kostet. Der Abstand hat sich gegenüber dem Vorjahr vergrößert: Der Durchschnittspreis ist gestiegen, der Marktwert Solar ist es nicht.

Zur Quelle. Die amtlichen Monatsmarktwerte veröffentlichen die vier Übertragungsnetzbetreiber auf netztransparenz.de. Sie waren am 11. September 2026 über die dortige Schnittstelle in dem uns zugänglichen Berechtigungsumfang nicht abrufbar, und die Weboberfläche gibt sie maschinell nicht heraus. Unsere eigene Rechnung liegt für die Monate dieses Jahres, für die wir Veröffentlichungen vergleichen konnten, dicht an den amtlichen Werten — Januar 11,04 gegen 11,02, Februar 7,80 gegen 7,72, März 5,59 gegen 5,46, Juli 5,41 gegen 5,23 Cent. Für den April weichen wir stärker ab (1,91 gegen 1,32). Wir führen deshalb unsere eigenen Zahlen und nennen die Methode dazu.

Der Grund liegt in der Gleichzeitigkeit: Solaranlagen erzeugen alle zur selben Zeit. In diesen Stunden ist viel Strom im Markt und der Preis niedrig; abends, wenn er hoch ist, liefern sie nichts. Wie weit das auseinanderliegt, haben wir für diesen Sommer ausgewertet: mittags 3,2 Cent, abends 19,5 Cent.

Dieser Abschlag ist der eigentliche Kostentreiber im heutigen EEG — nicht die Höhe der Vergütung für neue Anlagen, sondern die Tatsache, dass ihr Strom nur die Hälfte wert ist, weil niemand da ist, der ihn in diesen Stunden nimmt.

Welches Problem gelöst wird

Der Regierungsentwurf zum EEG 2027 streicht die feste Einspeisevergütung für Neuanlagen und begrenzt ihre Einspeiseleistung dauerhaft auf 50 Prozent. An die Stelle der Vergütung soll die Direktvermarktung treten — ob die im kommenden Jahr funktionieren kann, steht in einem eigenen Beitrag. Begründet wird beides mit Kosten und mit Mittagsspitzen.

Gespart wird damit an dem Teil des Bestands, der 2,4 Cent je Kilowattstunde kostet. Der Teil, der 52 Cent kostet, ist von der Novelle nicht berührt — er läuft ohnehin aus, nach Kalender, ohne Gesetzesänderung.

Und die Einsparung ist kleiner, als sie aussieht. Neue Anlagen sind der Jahrgang, der den Durchschnitt drückt: Je mehr junge, billige Anlagen im Bestand sind, desto niedriger liegt die mittlere Vergütung, die das EEG zahlt. Wer den Zubau dieser Anlagen bremst, verlangsamt genau die Verdünnung, die das System billiger macht. Die Mengen sollen stattdessen auf Freiflächen entstehen — warum dieser Kostenvergleich unvollständig ist, steht in einem eigenen Beitrag.

Der Hebel, der nicht genutzt wird

Es gibt eine Stellschraube am EEG-Konto, die nichts kostet und die im Entwurf nicht vorkommt: den Marktwert.

Die Rechnung ist einfach. Deutschland hat 2025 rund 70 Terawattstunden Solarstrom erzeugt. Ein Cent mehr Marktwert je Kilowattstunde sind bei dieser Menge rund 700 Millionen Euro im Jahr. Nicht jede dieser Kilowattstunden hängt an einer festen Vergütung — die Größenordnung des Hebels steht damit trotzdem fest.

Der Marktwert steigt, wenn in den Solarstunden mehr verbraucht wird. Jede Kilowattstunde, die mittags zusätzlich abgenommen wird, hebt den Preis in genau der Stunde, in der Solaranlagen ihre Erlöse machen — und senkt damit die Differenzkosten des EEG.

Die größte verfügbare Last dafür steht bereits im Land und wird mittags überwiegend nicht bewegt. Rund 60 Millionen Fahrzeuge sind in Deutschland zugelassen; ein wachsender Teil davon fährt elektrisch, und die allermeisten stehen zwischen 11 und 16 Uhr. Damit sie aufnehmen können, was da ist, braucht es eine Messung, ein Preissignal und einen Zählpunkt, an den sich ein Angebot richten kann.

Das ist die Arbeit, an der wir sitzen. Und es ist derselbe Hebel, der auch das EEG-Konto entlastet.

Quellen

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