Zwei Antworten auf die Mittagsspitze
Kurzfassung: Die Mittagsspitze ist real. An Sommertagen speisen Deutschlands Solaranlagen um 13 Uhr im Mittel 42 Gigawatt ein, in der Spitze 58,5 — abends sind es anderthalb. In 794 Viertelstunden dieses Sommers war der Strom deshalb nichts mehr wert. Der Gesetzentwurf beantwortet das mit einer Kappung: Neue Dachanlagen dürfen dauerhaft nur die Hälfte einspeisen. Es gibt eine zweite Antwort — die Leistung nehmen. Denn sechs Stunden später kostet dieselbe Kilowattstunde das Sechsfache.
Foto: Ein Gaskraftwerk. Um acht Uhr abends läuft es, und dann bestimmt es den Preis für alle — auch für den Strom, der mittags niemanden gefunden hat. Via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Mef.ellingen
Was die Mittagsspitze ist
Sie ist eine Leistung, keine Preisfrage. Um die Mittagszeit liefern alle Solaranlagen des Landes gleichzeitig ihr Maximum, während der Verbrauch flach ist. Was dabei entsteht, muss das Netz in derselben Sekunde aufnehmen und irgendwohin bringen.
Wir haben die Viertelstundenwerte dieses Sommers ausgewertet, vom 1. Juni bis zum 10. September:
| Tageszeit | Mittlere Solarleistung in Deutschland |
|---|---|
| 3 Uhr | 0 GW |
| 13 Uhr | 42,4 GW |
| 20 Uhr | 1,5 GW |
Der höchste Einzelwert lag bei 58,5 Gigawatt, gemessen am 13. August um 13 Uhr. Zum Vergleich: Die Netzlast Deutschlands liegt an einem Sommermittag in der Größenordnung von 55 bis 65 Gigawatt.
Das ist die Mittagsspitze, und sie ist keine Erfindung.
Woran man sie merkt
An zwei Stellen, und beide sind messbar.
An den Preisen. In diesem Sommer gab es 794 Viertelstunden mit negativen Preisen — rund acht Prozent aller Viertelstunden. Ihr Schwerpunkt liegt zwischen 11 und 16 Uhr, das Maximum um 13 Uhr. In diesen Viertelstunden lieferten die Solaranlagen im Mittel 37,1 Gigawatt. Ein negativer Preis heißt: Es wird dafür bezahlt, dass jemand den Strom abnimmt. Deutlicher lässt sich ein Überschuss nicht ausdrücken.
An der Abregelung. 2025 wurden in Deutschland 9.379 Gigawattstunden nicht erzeugt, weil das Netz sie nicht abtransportieren konnte. Die häufigste Abregelungsstunde des Jahres war nach unserer Auswertung der Netztransparenz-Daten die Stunde von 10 bis 11 Uhr UTC — also die Mittagszeit. Nachts liegt die Zahl bei weniger als der Hälfte.
Wer sagt, mittags sei zu viel da, hat recht.
Wie groß das Problem ist
Hier lohnt der genaue Blick, denn neben dem ersten Befund stehen drei weitere.
Der Überschuss wächst nicht. Der Anteil negativer Viertelstunden ist von 9,5 Prozent im Sommer 2025 auf 8,1 Prozent in diesem Sommer gesunken — bei gewachsener Solarleistung. Was sich verändert hat, ist der Preis des Gases, nicht die Menge der Sonne.
Die Abregelung ist überwiegend Wind. Von den 9.379 nicht erzeugten Gigawattstunden entfielen 2025 rund 2.704 auf Photovoltaik. Der größere Teil ist Windenergie im Norden, und der fällt nicht mittags an.
Im Ortsnetz ist die Spitze nicht angekommen. Der Hersteller E3/DC hat über das Pfingstwochenende 2026 die Spannung an 110.000 Hausanschlüssen gemessen und fand auch in Gebieten mit hoher Anlagendichte keine Überlastungen; 80 bis 90 Prozent des Dachstroms blieben im Ortsnetz. Die Zahlen stammen von einem Unternehmen, das Speicher verkauft — eine vergleichbare öffentliche Auswertung gibt es von keinem der rund 850 Netzbetreiber.
Die Spitze ist also da. Wo genau sie zum Problem wird, ist die Frage, die niemand öffentlich beantwortet.
Die erste Antwort: kappen
Der Regierungsentwurf zum EEG 2027 sieht vor, dass neue Dachanlagen unter 100 Kilowatt am Netzverknüpfungspunkt dauerhaft höchstens 50 Prozent ihrer installierten Leistung ins Netz abgeben dürfen. Begründet wird das mit dem Glätten der Mittagsspitzen und mit dem Anreiz, Speicher zu bauen.
Das wirkt. Eine Leistung, die nicht eingespeist werden darf, belastet kein Betriebsmittel.
Es hat nur zwei Eigenschaften, die in der Begründung nicht vorkommen.
Die Kilowattstunde entsteht nicht. Was nicht eingespeist und nicht selbst verbraucht wird, ist weg. Sie wird nicht verschoben und nicht später nachgeholt.
Die Grenze gilt am Hausanschluss. Alles dahinter teilt sich die Hälfte — auch ein Batteriespeicher und ein Auto, das rückspeisen kann. Der Verband der Automobilindustrie warnt deshalb vor einem Rückschlag für bidirektionales Laden. Die Maßnahme, die den Überschuss glätten soll, begrenzt zugleich die Geräte, die ihn aufnehmen könnten.
Die zweite Antwort: nehmen
Und hier wird interessant, was der Markt in denselben Viertelstunden sagt.
| Tageszeit | Mittlerer Preis, Sommer 2026 |
|---|---|
| 12 bis 15 Uhr | 3,2 ct/kWh |
| 19 bis 22 Uhr | 19,5 ct/kWh |
Der Faktor ist sechs. Und er ist keine Ausnahme: An 101 von 102 Sommertagen lag der Tagestiefstpreis zwischen 10 und 16 Uhr; alle 102 Viertelstunden über 30 Cent lagen zwischen 18 und 23 Uhr.
Das ist keine Gegenrede zur Mittagsspitze. Es ist ihr Preisschild. Jede Kilowattstunde, die vom Mittag in den Abend wandert, ist im System rund sechzehn Cent wert — und zwar ohne dass irgendjemand ein Kraftwerk baut.
Dafür braucht es einen Verbraucher, der mittags am Netz hängt und bis zum Abend Zeit hat. Den gibt es millionenfach: Fahrzeuge, die zwischen elf und vier auf einem Stellplatz stehen. Dazu Quartierspeicher, Wärmepumpen und Warmwasserspeicher — Lasten, denen ein Zeitfenster genügt.
Warum die zweite Antwort nicht im Entwurf steht
Weil ihr drei Voraussetzungen fehlen, und alle drei sind älter als dieses Gesetz.
Es fehlt die Messung: 5,5 Prozent der deutschen Stromzähler sind digital, und ohne Lastgang gibt es keinen Stundenpreis. Es fehlt das Preissignal: Wer keinen dynamischen Tarif hat, merkt vom Mittag nichts. Und es fehlt die Adresse: Eine Wallbox hinter dem Hauszähler hat keinen eigenen Zählpunkt, also kann ihr niemand eine Menge zuteilen. Wie weit die Digitalisierung zurückliegt und warum eine Messung allein nicht genügt, haben wir gesondert beschrieben.
Solange das so bleibt, ist Kappen die einzige Antwort, die technisch verfügbar ist. Das ist der eigentliche Befund: Die Grenze im Entwurf ist keine Entscheidung gegen die Flexibilität — sie ist das, was übrig bleibt, wenn es sie nicht gibt.
Was diesen Sommer verändert hat
Ein Wort noch zum Abend, denn dort ist in diesem Jahr etwas passiert.
Im März hat Iran Flüssiggasanlagen in Katar angegriffen. Der Gaspreis stieg von durchschnittlich 36 Euro je Megawattstunde auf rund 74. Der Großhandelspreis für Strom stieg von 103 auf 149 Euro — also um 45 Prozent, während sich das Gas verdoppelte. Den Unterschied haben Wind und Sonne gemacht.
In unserer Auswertung sieht man die Folge: Das Sommermittel liegt mit 115,74 Euro je Megawattstunde knapp fünfzig Prozent über den beiden Vorjahren, und die Zahl der Viertelstunden über 30 Cent stieg von 8 auf 102. Der teuerste Wert des Sommers waren 74,7 Cent je Kilowattstunde, am 24. Juni um Viertel vor sieben abends.
Diese Preise werden in den Stromverträgen Ihres Versorgers für 2027 durchschlagen, rechnen Sie damit. Und sie machen die Verschiebung vom Mittag in den Abend wertvoller, als sie es je war.
Quellen
- Solarleistung und Viertelstundenpreise Gebotszone DE-LU, Sommer 2024, 2025 und 2026 (je 01.06. bis 10.09.), abgerufen am 11.09.2026 — eigene Auswertung über die Schnittstelle der Energy-Charts des Fraunhofer ISE; Daten CC BY 4.0, Bundesnetzagentur | SMARD.de
- Abregelung 2025: 9.379 GWh, davon Photovoltaik rund 2.704 GWh; Engpassmanagement 3,071 Mrd. € — Bundesnetzagentur
- Häufigste Abregelungsstunde 2025 (10 bis 11 Uhr UTC, 151 Stunden) — eigene Auswertung der Netztransparenz-Schnittstelle
- Messung an 110.000 Hausanschlüssen über Pfingsten 2026, keine Überlastungen, 80 bis 90 Prozent Verbleib im Ortsnetz — E3/DC, wiedergegeben im pv magazine, 15.06.2026
- 50-Prozent-Begrenzung, Geltung am Netzverknüpfungspunkt, Erfassung von Speichern und bidirektional ladenden Fahrzeugen, Warnung des VDA — Regierungsentwurf EEG 2027, BT-Drs. 21/7867; Fachberichterstattung August 2026
- Gaspreis von 36 auf rund 74 €/MWh, Großhandelsstrompreis von 103 auf 149 €/MWh nach Beginn der Iran-Eskalation — strom-report, 20.03.2026
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Zwei Antworten auf die Mittagsspitze
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