Ladefreunde-Blog · Studienlage und Entscheidungsgrundlagen

Elf Jahrgänge Prognosen — und was davon gehalten hat

16. August 2026 9 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Wer in Berlin über Energie entscheidet, entscheidet auf Grundlage von Studien. Die wenigsten davon stammen aus einer Hochschule. Die meisten kommen von einer Handvoll großer Beratungshäuser, und beauftragt werden sie von Verbänden, Unternehmen oder Ministerien.

Damit ist noch nichts gesagt. Eine beauftragte Studie kann exakt sein und eine unbeauftragte danebenliegen. Prüfbar wird die Sache erst, wenn genug Zeit vergangen ist, um die Prognosen gegen die eingetretenen Zahlen zu halten.

Genau das hat Henrik te Heesen, Professor für erneuerbare Energien am Umwelt-Campus Birkenfeld, am 13. August getan: elf Jahrgänge Studien von BCG, McKinsey, PwC, Deloitte, KPMG und EY, gehalten gegen die Zahlen für 2025.

Der Dienstsitz des Bundeswirtschaftsministeriums in Berlin-Mitte

Foto: Der Berliner Dienstsitz des Bundeswirtschaftsministeriums. Hier laufen die Studien zusammen, auf die sich Energiepolitik stützt — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Ansgar Koreng

Was gehalten hat

Das Ergebnis ist zweigeteilt, und der erste Teil spricht für die Studien.

Die Warnungen zur Infrastruktur haben sich bestätigt. Dass der Netzausbau zum Engpass wird, stand früh in den Papieren und ist eingetreten. Auch die Kosten für das Engpassmanagement — also für die Eingriffe, mit denen die Netzbetreiber Erzeugung und Last verschieben, wenn eine Leitung voll ist — wurden richtig eingeschätzt: Die Prognosen wanderten von einer Milliarde Euro im Jahr auf vier, und tatsächlich lagen sie 2023 bei rund drei Milliarden.

Wie es zu diesen Kosten kommt, wem die Leitungen gehören und was das über fünfzig Jahre ausmacht, beschreiben wir in einer eigenen Reihe aus sechs Teilen.

Zur Reihe „Strommarkt und Macht"

Was nicht gehalten hat

Danebengelegen sind die Annahmen darüber, wie viel Strom gebraucht wird, was er kostet und wie schnell sich Technik durchsetzt.

Gegenstand Annahme oder Zielwert der Studien Stand
Netzausbau über 1.000 km im Jahr 353 km (2023)
Photovoltaik-Zubau 19 GW im Jahr nötig rund 18 GW erreicht
Wind an Land 9 GW im Jahr nötig 5 GW (2023)
Großhandelspreis rund 200 Euro je MWh rund 90 Euro je MWh (2025)
Elektrofahrzeuge schneller Hochlauf langsamer
Wasserstoff „Game Changer" (2018) „absehbar teuer" (2025)

Die Zeile mit dem Großhandelspreis ist die folgenreichste. Wer mit 200 Euro je Megawattstunde rechnet, bekommt andere Antworten auf jede Frage, die danach kommt: Was sich lohnt, was sich nicht lohnt, welche Anlage gebaut werden muss und welche man sich sparen kann. Der Preis ist keine Randgröße im Modell, er ist die Stellschraube, an der die Ergebnisse hängen.

Eine zweite Beobachtung aus derselben Gegenüberstellung: McKinsey hielt 2023 fest, dass sich die erwartete Versorgungslücke auch durch Deindustrialisierung schließen könnte. Die stromintensive Produktion in Deutschland liegt seit 2022 rund 20 Prozent niedriger.

Zwei Zahlen und eine Methode

Zwei der meistzitierten Studien stammen vom Bundesverband der Deutschen Industrie.

„Klimapfade für Deutschland", erstellt von BCG und Prognos, Januar 2018: Mehrinvestitionen von rund 1,5 Billionen Euro bis 2050 für das 80-Prozent-Ziel, rund 2,3 Billionen für 95 Prozent. Das entspricht 1,2 bis 1,8 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.

„Klimapfade 2.0", BDI und BCG, Oktober 2021: rund 860 Milliarden Euro bis 2030, bei einer Stromnachfrage, die 2030 um über 40 Prozent höher liegen soll.

Interessanter als beide Zahlen ist die Angabe, mit der die zweite Studie ihr eigenes Zustandekommen beschreibt: erarbeitet von über 150 Fachleuten aus BDI, BCG und rund 80 Unternehmen und Verbänden, zwischen März und Oktober 2021.

Eine Studie, die so entsteht, bildet den Kenntnisstand derer ab, die an ihr mitgearbeitet haben. So ist das Verfahren gebaut. Und es erklärt, warum Technik, für die es 2021 in diesem Kreis wenig Fürsprecher gab, in den Ergebnissen klein ausfällt.

Reihen von Batteriespeicher-Containern eines Großspeicher-Parks

Foto: Batteriespeicher-Park in Föhren, Rheinland-Pfalz, im Oktober 2025. Großspeicher sind die Technik, die in den Szenarien am deutlichsten fehlt — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / P170

Exkurs: zwei Größen, die in der Wiedergabe verrutschen

Ein kurzer betriebswirtschaftlicher Einschub, weil beide Unterscheidungen darüber entscheiden, wie die Zahlen oben zu lesen sind.

Investition ist nicht Kosten. Die BDI-Studien sprechen von Mehrinvestitionen. In der öffentlichen Wiedergabe werden daraus Kosten, und damit kippt die Bewertung. Öl, Gas und Kohle werden verbrannt: Die Ausgabe ist weg, und im nächsten Jahr steht dieselbe Rechnung wieder da. Ein Windrad, eine Batterie, ein Netz stehen ebenfalls noch da — als Vermögen in der Bilanz, über die Nutzungsdauer abgeschrieben, am Ende mit Fundament, Standort und Netzanschluss als Restwert, auf dem ein Repowering aufsetzt. Im Moment der Zahlung tut beides gleich weh. Nach zehn Jahren hat das eine nichts hinterlassen. Ausführlich steht das in Kosten oder Investition.

Es gibt zwei deutsche Wirtschaften. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn weist für 2023 aus:

Kleine und mittlere Unternehmen Großunternehmen
Anteil am Unternehmensbestand 99,2 % (3,44 Mio) 0,8 %
Abhängig Beschäftigte 19,1 Mio (53,1 %) 16,8 Mio (46,9 %)

Etwas mehr als die Hälfte der Beschäftigten arbeitet also in mittelständischen Betrieben. Das sind zwei verschiedene Rechenwelten. In der einen ist eine Anlage im dreistelligen Millionenbereich ein Projekt, in der anderen eine Stromrechnung eine Position in der Kalkulation, über die niemand verhandelt.

Eine Studie, die mit rund 80 Unternehmen und Verbänden entsteht, bildet überwiegend die rechte Spalte ab. Große Anlagen und lange Verträge sind dort die vertraute Größenordnung.

Für unser Thema ist das der Grund, warum wir bei einer Abrechnungsregel bleiben und nicht bei einem Programm: Eine Regel wirkt in beiden Spalten. Ein Förderprogramm erreicht die linke selten.

Der Rücktest aus Oxford

Dass Kostenprognosen für neue Energietechnik regelmäßig zu hoch ausfallen, ist selbst untersucht worden.

Rupert Way, Matthew Ives, Penny Mealy und Doyne Farmer vom Institute for New Economic Thinking der Universität Oxford haben 2022 in der Fachzeitschrift Joule ein Prognoseverfahren vorgelegt, das sie zuvor an über 50 Technologien rückgetestet haben — also auf alte Daten angewandt und mit dem verglichen, was danach tatsächlich passiert ist. Auf dieser Grundlage haben sie Kostenpfade für Solar, Wind, Batterien und Elektrolyseure gerechnet.

Ihr Befund: Die etablierten Prognosen lagen bei diesen vier Technologien systematisch zu hoch. Ein schneller Übergang zu erneuerbaren Technologien kam in ihrer Rechnung günstiger heraus als der Verbleib beim bestehenden System — noch bevor irgendein Klimaschaden gegengerechnet wird.

Dass eine solche Gegenrechnung überhaupt fehlt, ist ein weiterer Punkt aus der Durchsicht der Beraterstudien: Keine von ihnen stellt den Transformationsinvestitionen die vermiedenen Folgekosten gegenüber. Auf der einen Seite stehen Billionen, auf der anderen eine Null, die keine ist.

Wie so etwas im Einzelfall aussieht, hat Auke Hoekstra von der TU Eindhoven vorgeführt. Er hat eine Studie zur Klimabilanz von Elektroautos auseinandergenommen, die in einer britischen Zeitung erschien und zu dem Ergebnis kam, ein Elektroauto sei erst nach 50.000 Meilen im Vorteil. Mitfinanziert hatten sie unter anderem Aston Martin, Bosch, Honda und McLaren.

Vier Vorgänge

Für die Frage, worauf sich deutsche Energiepolitik gerade stützt, sind vier Vorgänge aus dem laufenden Jahr belegt.

Erstens. Am 13. Januar 2026 übermittelte der Cheflobbyist der EnBW dem Bundeswirtschaftsministerium Vorschläge zur Ausgestaltung der geplanten Kraftwerksausschreibungen. Sie liefen darauf hinaus, Batteriespeicher gegenüber Gaskraftwerken schlechter zu stellen. Ins Lobbyregister des Bundestages eingetragen wurde das Papier erst, nachdem der Spiegel am 9. April 2026 nachgefragt hatte.

Zweitens. Die Studie „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien", erstellt von Berlin-Institut, IÖW und IW Consult, war noch in der vorigen Wahlperiode beauftragt worden. Sie steht seit April 2026 auf der Seite des Ministeriums — ohne Pressemitteilung und ohne Vorstellung. Ihr Ergebnis: Der Ausbau erneuerbarer Energien kann die regionale Wertschöpfung verdoppeln.

Drittens. Für externe Beratung sind 2,2 Millionen Euro jährlich für PR-Leistungen veranschlagt, dazu mindestens 1,2 Millionen über zwei Jahre für deutsche und europäische Industriepolitik. Die Ausschreibung stieß im Haus selbst auf Unverständnis, weil die Fachkompetenz dafür dort vorhanden ist.

Viertens. Im Monitoringbericht zur Energiewende vom September und im Zehn-Punkte-Plan kommen Batteriespeicher praktisch nicht vor. Die zugrunde liegenden Szenarien schreiben die Speicherentwicklung nachträglich fort und setzen zugleich Großtechnik an, die es so noch nicht gibt.

Der vierte Punkt hängt am dritten und ersten. Wer Speicher klein ansetzt, bekommt einen großen Bedarf an Gaskraftwerken heraus. Das ist keine Meinung, sondern eine Folge der Modellrechnung.

Gaskraftwerk am Ihmeufer in Hannover-Linden

Foto: Gasbetriebenes Heizkraftwerk in Hannover-Linden. Je kleiner Speicher im Modell angesetzt werden, desto größer fällt der errechnete Bedarf an solchen Anlagen aus — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Christian A. Schröder

Warum uns das angeht

Wir arbeiten an einer einzigen Stunde: der Stunde, in der Wind und Sonne mehr liefern, als gebraucht wird, und in der Anlagen deshalb abgeregelt werden. Unsere Forderung ist, den Strom dieser Stunde ins Auto zu lassen, statt ihn nicht zu erzeugen.

Diese Stunde existiert in einem Modell nur dann, wenn Speicher und verschiebbare Last darin vorkommen. Fehlen sie in der Annahme, fehlen sie im Ergebnis, und was aus dem Ergebnis folgt, ist eine Kraftwerksliste.

Deshalb ist die Studienlage für uns kein Nebenschauplatz. Sie ist die Stelle, an der über unser Thema entschieden wird, bevor es überhaupt zur Sprache kommt.

Und sie ist die Stelle, an der am wenigsten fehlt. Die Daten liegen vor — gemessen, veröffentlicht, nachprüfbar. Am Umwelt-Campus Birkenfeld, am Kompetenzzentrum Erneuerbare Energien der HAW Hamburg, bei den Fraunhofer-Instituten, an der RWTH Aachen, in Oxford, am MIT, in Eindhoven, in Lappeenranta. Es braucht keine weitere Studie, um die nächste Entscheidung besser zu treffen. Es braucht nur die, die schon da sind.

Zweiter Teil: Wovon das Haus ausgeht — wovon ein Wirtschaftsministerium ausgeht, bevor es die erste Studie beauftragt.

Quellen

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