Hallo zusammen,
ein kleines Gedankenspiel zum Einstieg, und ein Wortspiel gleich dazu.
Die Abkürzung CDU steht, wie wir alle wissen, nicht für Carbon Direct Usage — fürs direkte Weiterverbrennen von Kohlenstoff. Aber wenn man der Energie-Debatte dieser Wochen zuhört, könnte man kurz ins Grübeln kommen. Denn ein Muster zieht sich durch: Das Verbrennen ist privatisiert — billig, profitabel, schnell. Das Wieder-Herausholen aus der Luft ist sozialisiert — teuer, mühsam, eine öffentliche Aufgabe für später. Den Gewinn steckt der eine ein, die Rechnung fürs Aufräumen schicken wir an die Allgemeinheit. Und an die Zukunft.
Heute schauen wir uns an, warum diese Rechnung energetisch nicht aufgehen kann — und werfen danach einen Blick auf eine Idee, bei der ein Problem ausnahmsweise seine eigene Lösung mitbringt.
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1. DAC — die Luftnummer
„Direct Air Capture" (DAC) ist das Versprechen, das CO2 einfach wieder aus der Luft zu saugen. Klingt nach Freibrief: erst verbrennen, später absaugen. Nur scheitert das an simpler Physik. In der Umgebungsluft steckt CO2 mit gerade einmal 0,04 Prozent — man muss also riesige Luftmengen durch die Anlage zwingen, um an die paar Moleküle zu kommen.
Der Preis dafür ist gewaltig. Heutige Anlagen brauchen grob 1.500 bis 5.500 Kilowattstunden Strom, um eine einzige Tonne CO2 aus der Luft zu holen. Die größte Anlage der Welt (Climeworks „Mammoth" auf Island) liegt am oberen Ende. Um nur den Jahres-Ausstoß eines durchschnittlichen Haushalts wieder einzufangen, müsste man ungefähr dessen kompletten Jahres-Stromverbrauch noch einmal obendrauf aufwenden. Und das kostet aktuell rund 600 bis 1.000 Dollar pro Tonne.
Jetzt die Maßstabs-Frage. Heute holt DAC weltweit ungefähr 10.000 Tonnen im Jahr aus der Luft. Die Internationale Energieagentur hält für ihren Netto-Null-Pfad allein bis 2030 rund 70 Millionen Tonnen für nötig — das Siebentausendfache, in vier Jahren. Wir stehen also nicht kurz vor dem Ziel. Wir stehen am Anfang eines extrem teuren, extrem stromhungrigen Wegs.
Das ist die eigentliche Pointe der Luftnummer: Verbrennen ist billig, weil der Schaden nirgends auf der Rechnung steht. Das Herausholen ist teuer, weil es die wahren Kosten erst sichtbar macht. Wer auf „wir saugen es später wieder raus" setzt, kauft sich nur die Erlaubnis, heute weiter günstig zu verbrennen — und reicht die Differenz weiter.
2. Die Preisbildung verrät die Wahrheit
Es gibt einen Ort, an dem die wahren Kosten heute schon ablesbar werden: den Strommarkt. In Stunden mit viel Wind und Sonne fällt der Börsenpreis ins Negative — am 1. Mai 2026 zeitweise bis auf minus 85,5 ct/kWh im Intraday-Handel. Negativ heißt: Es ist gerade so viel sauberer Strom da, dass er fast nichts mehr wert ist. Statt ihn zu nutzen, wird er dann oft abgeregelt — die Anlagen werden gedrosselt, der Strom gar nicht erst erzeugt.
Und genau hier kippt das DAC-Argument vollends. Eine Absaug-Anlage mit 2.000 Kilowattstunden pro Tonne konkurriert um exakt denselben grünen Strom, den wir in der Überschussstunde lieber ins Auto laden würden. Die billigste, schnellste Tonne CO2 ist immer die, die gar nicht erst entsteht.
Der Preis fürs Absaugen sagt uns dabei noch etwas anderes — nämlich was eine Tonne CO2 tatsächlich kostet. Denn solange man sie für rund 800 Euro wieder aus der Luft holen kann, ist das die ehrliche Rechnung für alles, was heute in die Luft geht. Wir haben das einmal durchgerechnet, und die Zahlen sind unbequem: Bei diesem Preis müsste ein Liter Benzin gut 2,20 Euro mehr kosten — statt der rund 17 Cent, die heute als CO2-Preis drinstecken. Der Liter läge dann bei gut vier Euro. Und in einer Stunde, in der ein Gaskraftwerk den Strompreis setzt, läge der Börsenpreis nicht bei acht, sondern bei etwa 42 Cent je Kilowattstunde.
Der eigentliche Befund steckt aber im Vergleich der Stunden. In einer Überschussstunde ändert sich durch einen ehrlichen CO2-Preis gar nichts — Wind und Sonne haben keine Brennstoff- und keine CO2-Kosten, der Preis bleibt bei null oder darunter. Ein ehrlicher CO2-Preis macht Strom also nicht gleichmäßig teuer. Er macht den Zeitpunkt zur entscheidenden Größe.
Deshalb unsere Forderung — die zeitliche Erweiterung des §13k EnWG: In den Stunden, in denen der Preis ins Negative dreht, soll der Strom an der Schnellladesäule nutzbar werden. Nutzen statt abregeln. Ein Marktsignal, das bis an die Säule durchschlägt. Das ist die Gegenthese zur Luftnummer: nicht teuer hinterher aufräumen, sondern den sauberen Strom jetzt verwenden, solange er im Überfluss da ist.
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3. Wie Algen das Klima retten könnten
Zum Schluss eine Geschichte, die andersherum läuft — bei der ein Problem seine Lösung gleich mitliefert.
Seit rund 15 Jahren treibt im Atlantik ein gigantischer Teppich aus Sargassum-Algen, in Spitzenmonaten ein Gürtel von Westafrika bis in die Karibik. An den Stränden ist das eine Plage: Die Algen verrotten, stinken nach faulen Eiern, vergraulen Tourist:innen, ersticken Küsten. Ein Entsorgungsproblem von der Größe eines kleinen Kontinents.
Forscherinnen und Forscher — unter ihnen Mar Fernández Méndez vom Alfred-Wegener-Institut — drehen die Frage um: Was, wenn diese Alge ein Rohstoff ist? Sargassum wächst frei schwimmend an der Meeresoberfläche, allein aus Sonne, Meerwasser und gelöstem CO2. Kein Acker, kein Süßwasser, kein Dünger. Damit umgeht es genau die Konkurrenz, an der pflanzliche Klimalösungen sonst scheitern — den Streit zwischen Tank, Teller und Heizung. Geerntet und verarbeitet könnte daraus Biokohle oder Kraftstoff werden, der fossile Rohstoffe ersetzt und Kohlenstoff bindet.
Ehrlich bleiben muss man bei den großen Zahlen: Das sind heute Demonstrations-Anlagen und Roadmaps, kein erprobter Maßstab, und großflächige Eingriffe ins Meer haben ihre eigenen offenen Fragen. Aber die Grundidee teilt denselben Geist wie unsere Petition: einen vorhandenen Überschuss nutzen, statt ihn als reines Problem zu verwalten. Dort die Algenmasse, hier der abgeregelte Strom.
Zwei Podcast-Folgen dazu liegen frisch in unserer Podcast-Sammlung
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Der rote Faden
Beide Geschichten sagen dasselbe: Es kommt nicht darauf an, am Ende teuer aufzuräumen, sondern vorne klug zu nutzen, was ohnehin da ist. Die billigste Tonne CO2 ist die vermiedene. Der wertvollste Strom ist der, den wir in der Überschussstunde tatsächlich verwenden, statt ihn wegzuwerfen.
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