Ladefreunde-Blog · Kolumne (Klima / Ozean / CO2-Senke / Feedstock)

Sargassum — wenn die Algenplage zum Rohstoff wird

12. Juni 2026 22 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Sargassum — wenn die Algenplage zum Rohstoff wird

Nahaufnahme von angeschwemmtem Sargassum an einem Strand auf Barbados

Foto: Angeschwemmtes Sargassum an einem Strand auf Barbados — die kleinen Kugeln sind gasgefüllte Schwimmblasen, mit denen sich die Alge an der Wasseroberfläche hält — via Wikimedia Commons — CC0 / Clump

Die meisten Klimageschichten laufen so: Wir haben ein Problem, und die Lösung kostet Geld, Fläche oder Verzicht. Diese hier läuft andersherum. Es gibt ein Problem von der Größe eines halben Kontinents — und ausgerechnet in diesem Problem steckt ein Rohstoff, um den man sonst mühsam konkurrieren müsste.

Sie läuft aber auch anders, als wir sie zuerst erzählt haben. Dieser Text ist überarbeitet, weil mehrere Zuschriften ihn an verschiedenen Stellen zerlegt haben. Was dabei herauskam, ist interessanter als die erste Fassung — und es endet an einem Punkt, an dem wir nicht damit gerechnet hatten.

Das Problem: ein Algenteppich über 8.000 Kilometer

Seit etwa 2011 bildet sich im Atlantik jedes Jahr aufs Neue etwas, das es vorher so nicht gab: der Great Atlantic Sargassum Belt. Ein Teppich aus Braunalgen, der sich in Spitzenmonaten über rund 8.000 Kilometer von Westafrika bis in den Golf von Mexiko zieht.

Während dieser Text entsteht, läuft der stärkste Anfall, der je gemessen wurde: Im Juni 2026 trieben rund 33,6 Millionen Tonnen Algenmasse im atlantisch-karibischen Becken, im Karibischen Meer der höchste Juni-Wert seit Beginn der Satellitenbeobachtung.

An der offenen See ist das ein Ökosystem — Schildkröten, Fische und Krebse leben darin. An der Küste ist es eine Plage. Angeschwemmtes Sargassum zersetzt sich am Strand, setzt dabei Schwefelwasserstoff frei — der Geruch nach faulen Eiern —, greift Metall an, verursacht Gesundheitsbeschwerden und erstickt küstennahe Ökosysteme. Martinique, die mexikanische Karibikküste und Florida trifft es regelmäßig; für Regionen, die vom Tourismus leben, ist es ein wirtschaftliches Problem ersten Ranges.

Woher der Teppich kommt — und warum das die erste Überraschung ist

Hier liegt ein Widerspruch, über den man leicht hinwegliest: Der offene Ozean ist in weiten Teilen nährstoffarm. Wenn dort nichts wächst — wie entsteht dann ein Algenteppich von der Größe eines Kontinents?

Die Antwort hat drei Teile, und keiner davon ist "die Alge braucht keine Nährstoffe".

Erstens: Der Gürtel treibt nicht in der Wüste. Er liegt im äquatorialen Atlantik, und dort kommt einiges zusammen — die Nährstofffahne des Amazonas, in geringerem Maß Kongo und Mississippi, Auftriebswasser vor Westafrika, äquatorialer Auftrieb, Saharastaub und Einträge aus Vegetationsbränden. Der Gürtel sitzt an der einen Stelle des offenen Atlantiks, an der es etwas zu holen gibt.

Zweitens: Den Stickstoff holt sich das System aus der Luft. Das Auftriebswasser am Äquator bringt Phosphor im Überschuss nach oben — mehr, als der vorhandene gebundene Stickstoff aufnehmen kann. Diesen Phosphor-Überschuss nutzen stickstofffixierende Bakterien, die den Luftstickstoff in eine pflanzenverfügbare Form bringen. Ein Teil davon sitzt direkt auf der Alge: Dass auf pelagischem Sargassum stickstofffixierende Cyanobakterien wachsen, ist seit 1972 bekannt; inzwischen sind auch heterotrophe Stickstofffixierer im Sargassum-Mikrobiom als Treiber der Blüten beschrieben. Eine Arbeit in Nature Geoscience führt den Zusammenhang 2025 zusammen: Der aufgetriebene Phosphor treibt die Stickstofffixierung, und diese treibt die Blüte. Die Alge bringt ihren Dünger also zum Teil selbst mit — über Untermieter, die aus der Luft ernten.

Drittens, und das ist der unangenehme Teil: Ein wachsender Anteil kommt von uns. Eine Arbeitsgruppe um Brian Lapointe hat Sargassum-Proben aus den Jahren 1983 bis 1989 mit Proben von 2010 bis 2019 verglichen. Im Gewebe stieg der Stickstoffgehalt um 35 Prozent, der Phosphorgehalt sank um 42 Prozent, das Verhältnis der beiden verschob sich um 111 Prozent. Eine solche Verschiebung passt nicht zu ozeanischen Quellen wie Auftrieb und Fischausscheidungen, sondern zu landbasierten: Abwasser, Abschwemmung von Feldern, Stickstoffeinträge aus der Luft. Zur Einordnung: Rund 85 Prozent allen jemals hergestellten Stickstoffkunstdüngers wurden nach 1985 produziert.

Ein Teil des Teppichs ist Dünger, der aufs Meer ausgewandert ist.

Das ist mehr als eine Pointe. Es bestimmt, was man mit der Alge sinnvollerweise anstellt — und wir kommen am Ende darauf zurück.

Person hält eine Handvoll Sargassum-Algen mit sichtbaren Schwimmblasen

Foto: Sargassum aus der Nähe — an den Küsten der Karibik ein Entsorgungsproblem, auf offener See ein eigenes Ökosystem — via Wikimedia Commons — Public domain / NOAA

Das Leben einer Alge, die nie einen Boden berührt

Sargassum der offenen See ist holopelagisch: Es vollzieht seinen gesamten Lebenszyklus frei schwimmend an der Oberfläche. Kein Meeresboden, keine Verankerung, keine Leinen — gasgefüllte Schwimmblasen halten es oben. Daraus folgt ein wirtschaftlicher Hebel, der leicht zu übersehen ist: Klassische Algenzucht braucht teure Offshore-Infrastruktur. Eine frei schwimmende Alge braucht das nicht.

Vermehrt wird sich ausschließlich durch Zerbrechen. Eine sexuelle Fortpflanzung ist bei den pelagischen Arten nicht bekannt; ein Büschel reißt in Stücke, und jedes Stück wächst weiter. Das erklärt, warum ein Teppich exponentiell wachsen kann, sobald die Nährstoffe stimmen.

Wie schnell, hängt von der Art ab. Messungen in der mexikanischen Karibik ergeben Verdopplungszeiten von rund 13 Tagen für Sargassum fluitans III, 22 Tagen für S. natans I und 31 Tagen für S. natans VIII. Über alle Studien hinweg reicht die Spanne von 9 bis 200 Tagen, die meisten Werte liegen zwischen 10 und 30 Tagen.

Der Jahresrhythmus folgt daraus: Aufbau im Winter und Frühjahr im östlichen und äquatorialen Atlantik, Westdrift mit den Strömungen, Maximum im Sommer vor der Karibik und im Golf, Rückgang im Herbst. Ein Teil strandet, ein Teil zersetzt sich, ein Teil sinkt.

Das Sinken funktioniert mechanisch: Bei rauer See werden Aggregate untergedrückt; ab einer gewissen Tiefe hält der Druck die Schwimmblasen nicht mehr aus, sie kollabieren, und was einmal kollabiert ist, kommt nicht mehr hoch. Dass davon tatsächlich etwas ankommt, ist belegt — Tauchgänge mit Fernsteuerungs-Robotern des NOAA-Schiffs Okeanos Explorer haben Sargassum am Tiefseeboden im Golf von Mexiko, in der Karibik und vor dem Südosten der USA gefunden, in Größenordnungen von null bis über 112 Fundstücken je Tauchgang.

Diesen letzten Punkt sollte man sich merken. Er entscheidet später eine Frage, an der sich ein ganzes Geschäftsmodell aufhängt.

Sargassum-Alge mit verzweigten Blättern und runden Schwimmblasen im Wasser

Foto: Die Struktur der Alge — verzweigte Blätter und die charakteristischen runden Schwimmblasen, die den gesamten Lebenszyklus an der Oberfläche ermöglichen — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Rebecca R. Helm

Wer daran arbeitet

Die Meeresbiologin Mar Fernández Méndez forscht am Alfred-Wegener-Institut, dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. 2023 gründete sie nach einem Erfolg bei der „Carbon to Value"-Challenge der deutschen Agentur für Sprunginnovationen das Unternehmen MacroCarbon, das vor den Kanaren eine Demonstrationsfarm betreibt.

Victor Smetacek, emeritierter Meeresbiologe am selben Institut und Pionier der Eisendüngungs-Experimente, liefert die große Vision dahinter: nährstoffarme Zonen des offenen Ozeans — die sogenannten Ozeanwüsten — durch frei schwimmende Algenfarmen in Kohlenstoffsenken zu verwandeln.

In der Luftfahrt wird Sargassum als möglicher Ausgangsstoff für nachhaltige Kraftstoffe diskutiert, weil es die Feedstock-Lücke füllen könnte, an der dort bislang alles hängt. Ob das trägt, rechnen wir weiter unten nach.

→ Zwei Podcast-Folgen dazu liegen in unserer Podcast-Sammlung

Vier Wege, ein Kohlenstoff

Hier stand in der ersten Fassung dieses Textes ein Satz über Biokohle und ein Satz über das Versenken von Biomasse, dicht nebeneinander. Eine Leserin las daraus, die Biokohle solle im Meer versenkt werden — und schrieb zu Recht, dass die auf dem Acker besser aufgehoben wäre. Der Einwand hat einen Fehler im Text getroffen: Das sind zwei verschiedene Wege, und sie schließen sich auf demselben Kohlenstoff gegenseitig aus.

Sortieren wir also.

Weg Was herauskommt Was übrig bleibt Klimawirkung
Vergären (Biogas) Methan Gärrest mit Stickstoff, Phosphor, Kalium Substitution: ersetzt Erdgas
Verkohlen (Pyrolyse) Öl und Gas als Kraftstoff, Pflanzenkohle Pflanzenkohle mit Kalium, Phosphor, Mineralien Gemischt: Kraftstoffanteil substituiert, Kohleanteil bleibt festgelegt
Nass verflüssigen (HTL) Rohöl-Ersatz Prozesswasser mit Stickstoff und Phosphor, Feststoffanteil Substitution, Nährstoffe rückführbar
Versenken nichts nichts an Land Entnahme — soweit sie zusätzlich ist

Vergären ist der Weg, an den man zuerst denkt, und er funktioniert schlechter als erwartet. Unbehandeltes Sargassum liefert im Labor rund 72 bis 93 Milliliter Methan je Gramm organischer Trockenmasse. Maissilage liegt in der Größenordnung von 350 Litern je Kilogramm — also das Vier- bis Fünffache. Die Gründe stecken in der Alge selbst: viel Schwefel, der als Schwefelwasserstoff die methanbildenden Bakterien vergiftet; Polyphenole und schwer abbaubare Fasern; Salz; und ein Aschegehalt, der bei Makroalgen bis an 50 Prozent reichen kann. Mit Vorbehandlung wird es besser — eine alkalische Peroxid-Behandlung hebt den Wert auf rund 236 Milliliter, die abgetrennte Flüssigfraktion allein auf etwa 160 Liter je Kilogramm. Das ist dann brauchbar, kostet aber Verfahrensschritte.

Und hier liegt die Antwort auf die Düngerfrage, die den Anstoß zu diesem Abschnitt gegeben hat. Bei der Vergärung überlebt der Stickstoff. Die Bakterien holen sich Kohlenstoff und Wasserstoff; Stickstoff, Phosphor und Kalium bleiben im Gärrest zurück, der Stickstoff überwiegend als Ammonium, also in der Form, die Pflanzen direkt aufnehmen. Ein Gärrest ist ein Dünger. In Anzuchtversuchen mit Tomaten schnitt Sargassum-Gärrest gegenüber Vergleichssubstraten gut ab.

Beim Verkohlen überlebt er nicht. Stickstoff beginnt ab etwa 200 Grad mit den Gasen zu entweichen; bei 500 Grad ist über die Hälfte weg, und was in der Kohle bleibt, sitzt in ringförmigen Molekülen so fest, dass Pflanzen kaum herankommen — in Auswaschungsversuchen lösen sich nur wenige Prozent. Kalium und Phosphor dagegen bleiben, sie verflüchtigen sich erst bei 700 bis 800 Grad. Pflanzenkohle ersetzt also Kali und teilweise Phosphat, aber keinen Stickstoffdünger. Ausgerechnet der Nährstoff, dessen Herstellung aus Erdgas am meisten Energie kostet, ist der, den dieser Weg nicht liefert.

Was Pflanzenkohle dafür kann: Sie ist porös und hält Ammonium und Nitrat im Wurzelraum fest. Auswertungen vieler Feldversuche finden im Mittel rund 13 Prozent weniger Nitrat im Sickerwasser, bei längeren Versuchszeiträumen über 26 Prozent, in einzelnen Synthesen bis 37 Prozent — und zwar in Acker und Gartenbau, nicht im Grünland. Sie liefert keinen Stickstoff, aber sie hält den vorhandenen davon ab, ins Grundwasser zu gehen.

Nass verflüssigen passt zu nasser Biomasse am besten, weil das Trocknen entfällt — bei 280 bis 400 Grad unter hohem Druck entstehen ein Rohöl-Ersatz, ein Feststoffanteil und ein Prozesswasser. In diesem Prozesswasser landen je nach Bedingungen bis zur Hälfte des Stickstoffs und fast der gesamte Phosphor, der Stickstoff überwiegend als Ammonium. Das ist eine nutzbare Nährstofflösung; in der Forschung wird sie in die Algenkultur zurückgeführt oder als Struvit gefällt. Der Nährstoffkreis lässt sich also schließen — über das Wasser, nicht über die Kohle.

Versenken heißt: rohe Biomasse, gebündelt, in die Tiefsee. Nicht Biokohle. Wer versenkt, verwertet nichts, trocknet nichts und ersetzt keinen fossilen Rohstoff — der gesamte Kohlenstoff geht nach unten, und darin liegt der Reiz. Der Haken kommt gleich.

Der Weg zum Kerosin — und wo er endet

Eine Frage drängt sich auf, sobald man die Wege nebeneinander sieht. Die Alge muss ohnehin eingesammelt werden. Vergären kann man sie nass, ohne einen Tropfen Wasser auszutreiben. Aus Methan wird Methanol, aus Methanol wird Kerosin. Ist das der Weg, auf dem die Luftfahrt endlich an einen Rohstoff kommt, der niemandem etwas wegnimmt?

Chemisch: ja. Jeder einzelne Schritt funktioniert, und der letzte ist gerade erst offiziell geworden. Bis vor Kurzem endete diese Kette in einer Zulassungslücke — Methanol als Ausgangsstoff für Flugturbinenkraftstoff war nicht zertifiziert. Mitte 2026 hat die zuständige Normungsorganisation ASTM den Weg freigegeben. Der Pfad ist damit offen.

Dann rechnen wir ihn durch.

Wie viel wird überhaupt eingesammelt? Der größte einzelne Sammler ist die mexikanische Karibikküste: In der Saison 2025 wurden im Bundesstaat Quintana Roo rund 92.800 Tonnen von den Stränden geholt. Martinique kam 2026 bis Ende Juli auf über 11.500 Tonnen. Eine belastbare Gesamtstatistik für die Region gibt es nicht. Nehmen wir großzügig an, die gesamte betroffene Küste sammelte zehnmal so viel wie Quintana Roo: eine Million Tonnen nasse Algenmasse im Jahr.

Davon sind etwa zwölf Prozent Trockenmasse, also 120.000 Tonnen. Bis zur Hälfte davon ist Asche und Sand — bleiben rund 60.000 Tonnen organische Substanz. Mit der guten, vorbehandelten Methanausbeute von 236 Millilitern je Gramm ergibt das rund 14 Millionen Kubikmeter Methan, also etwa 10.000 Tonnen. Durch die Umwandlung zu Methanol und weiter zu Kerosin geht bei jedem Schritt Kohlenstoff verloren; realistisch bleiben am Ende etwa 6.000 Tonnen Flugkraftstoff.

Die Welt verbraucht im Jahr rund 360 Millionen Tonnen Kerosin.

6.000 Tonnen sind davon ein Sechzigtausendstel. Anders gesagt: Ein einzelnes Kurzstreckenflugzeug vom Typ A320 verbrennt in einem Jahr Liniendienst etwa 7.000 Tonnen. Die gesamte eingesammelte Algenmasse der Karibik würde nicht einmal ein einziges Flugzeug ein Jahr lang in der Luft halten. Selbst wenn man großzügiger rechnet und das Ergebnis verdoppelt, ändert sich an dieser Aussage nichts.

Die Chemie funktioniert. Nur fällt ein Rohstoff, der als Entsorgungsproblem anfällt, auch nur in der Menge an, in der er stört — und die ist, gemessen an der Luftfahrt, winzig.

Zwei Ergänzungen, damit das Bild vollständig ist. Wer aus nasser Biomasse Flüssigkraftstoff machen will, nimmt besser die Nassverflüssigung: Sie führt in einem Schritt zu einem Rohöl-Ersatz, statt über Gas und Methanol drei Umwandlungen zu durchlaufen, die jede für sich Verluste hat. Und das Arsen, das auf dem Düngerpfad alles blockiert, ist hier weniger im Weg — es bleibt im Rückstand und landet nicht im Tank. Wohin der Rückstand soll, bleibt trotzdem zu klären.

Wofür die Menge dagegen reicht

Dieselben 14 Millionen Kubikmeter Methan sind rund 140 Gigawattstunden Wärme oder gut 50 Gigawattstunden Strom. Für die Luftfahrt ist das nichts. Für eine Karibikinsel, die ihren Strom aus importiertem Diesel macht, ist es Geld, Versorgungssicherheit und ein Entsorgungsproblem weniger — alles drei auf einmal.

Der Maßstab ist also nicht falsch. Er ist nur ein anderer als der, in dem die Geschichte erzählt wurde. Richtig für die Insel, zu klein für den Flugverkehr.

Und dann kommt die Stelle, an der die Rechnung kippt — diesmal zugunsten von etwas anderem.

Biogas besteht nur etwa zur Hälfte aus Methan. Die andere Hälfte ist CO2, und in diesem CO2 steckt ungefähr genauso viel Kohlenstoff wie im Methan. Gibt man Wasserstoff dazu, wird auch diese Hälfte zu Methanol. Die Kohlenstoffausbeute verdoppelt sich, ohne dass ein Gramm zusätzliche Biomasse nötig wäre.

Was dafür gebraucht wird, ist Strom für die Elektrolyse: rund 200 Gigawattstunden. In Deutschland wurden 2024 etwa 9.400 Gigawattstunden Wind- und Sonnenstrom abgeregelt — gar nicht erst erzeugt, weil die Leitung fehlte. Der Strom für diesen Schritt entspräche gut zwei Prozent davon.

Damit steht das Verhältnis auf dem Kopf, und zwar zu unseren Gunsten:

Der Strom ist nicht das Knappe. Die Biomasse ist es.

Wer Flugkraftstoff in relevanter Menge will, sucht deshalb an der falschen Stelle, wenn er nach Rohstoffen sucht. Algen, Altspeiseöl, Reststroh — das sind alles Mengen, die irgendwann ausgehen, weil sie als Abfall anfallen und Abfall endlich ist. Was nicht ausgeht, ist die Sonnenstunde am Mittag, in der mehr Strom da ist als gebraucht wird. Kohlenstoff aus einer konzentrierten Quelle plus Strom aus den Überschussstunden — das ist der einzige Pfad, der mit dem Bedarf mitwachsen kann.

Einzelwirkung, Gesamtwirkung — und die Frage nach dem Zusätzlichen

Die vier Wege lassen sich nicht addieren. Ein Kohlenstoffatom kann entweder verbrannt oder festgelegt werden.

Substitution ist keine Entnahme. Methan, Kraftstoff und Rohöl-Ersatz aus der Alge ersetzen fossile Rohstoffe, die sonst gefördert würden. Das ist wertvoll — aber der Kohlenstoff der Alge geht dabei wieder in die Luft. Unterm Strich bleibt eingespart, was nicht gefördert wurde, nicht das, was gewachsen ist.

Nur zwei Wege legen Kohlenstoff wirklich fest: der Kohleanteil aus der Pyrolyse, wenn er in den Boden geht — und das Versenken. Und für den ersten spricht bei gleicher Dauerhaftigkeit, dass er auf dem Acker zusätzlich etwas leistet, statt am Meeresboden nur zu liegen.

Beim Versenken kommt die unbequeme Frage. Sargassum sinkt ohnehin — die Schwimmblasen kollabieren bei rauer See, und am Tiefseeboden findet man die Alge. Wer das Versenken als Klimaleistung verkaufen will, muss also nicht zeigen, dass Biomasse unten ankommt. Er muss zeigen, dass mehr unten ankommt als ohne sein Zutun. Diese Zusätzlichkeit ist der eigentliche Prüfstein, und sie ist schwer zu messen.

Und dann ist da die Gesamtbilanz des Gürtels selbst. Eine Arbeit von Bach und Kollegen hat den natürlichen Gürtel des Jahres 2018 mit allen Rückkopplungen durchgerechnet: die Kalkbildner, die auf der Alge siedeln und bei ihrer Schalenbildung CO2 freisetzen, und das Plankton, dem die Alge Nährstoffe entzieht. Der erste Effekt kostet 17 Prozent, der zweite 32 Prozent. Übrig blieb eine Netto-Bindung von 0,42 Millionen Tonnen Kohlenstoff — mit einem Unsicherheitsbereich, der von minus 0,03 bis 0,8 reicht. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass der Gürtel unter dem Strich gar keine Senke ist. Als Nebenbefund derselben Arbeit: Der Albedo-Effekt der Teppiche, die Sonnenlicht zurückwerfen, ist womöglich größer als der CO2-Effekt.

Wenn das schon für den natürlichen Bestand gilt, muss jede angebaute Variante diese Hürde erst nehmen.

Wo die Rechnung endgültig kippt

Der Sprung von der Demonstrationsfarm zur Klimalösung ist kein Sprung in der Größe, sondern einer in der Art.

Denn die Vision zielt nicht auf den bestehenden Gürtel, sondern auf die Ozeanwüsten. Und die heißen so, weil dort nichts wächst. Nährstoffarm ist keine Nebeneigenschaft dieser Gebiete, sondern ihre Definition. Alles, was oben über Amazonasfahne, Auftrieb und Stickstofffixierung steht, gilt dort nicht. Wer in der Wüste Algen anbauen will, muss die Nährstoffe aus mehreren hundert Metern Tiefe heraufholen.

Die Forscher um Smetacek haben dafür eine elegante Antwort, und sie verdient es, korrekt wiedergegeben zu werden: keine Motorpumpen, sondern Rohre nach einem Prinzip, das Henry Stommel 1956 beschrieben hat. In den Subtropen ist das Oberflächenwasser warm und salzig, das Tiefenwasser kalt und salzärmer. Zieht man Tiefenwasser in einem Rohr nach oben, nimmt es Wärme durch die Rohrwand auf — Wärme wandert schnell, Salz langsam. Oben angekommen ist es warm und immer noch salzärmer als seine Umgebung, also leichter, also steigt es weiter. Einmal angestoßen, läuft das von selbst. Keine Motoren, kein Treibstoff, kein Lärm.

Das ist echte Physik und im Meer erprobt. Der Haken sitzt bei der Fördermenge. Eine Arbeit des Kieler GEOMAR von 2025 beziffert ein Referenz-Rohr auf 1,4 Tausendstel Kubikmeter pro Sekunde; um auf die Rate zu kommen, die als praktische Untergrenze gilt, braucht es Bündel aus rund vierzig Rohren. Rechnet man die Nährstoffmenge zurück, die für die großen Entnahmeziele nötig wäre, landet man bei einer Zahl von Rohren im Milliardenbereich. Ein Manager eines der beteiligten Unternehmen hat dazu selbst gesagt, er halte schon Hunderttausende Rohre im Ozean weder für praktikabel noch für gut für das Meeresleben.

Dazu kommen zwei Effekte, die eine Forschungsgruppe des GEOMAR 2025 untersucht hat. Erstens zehrt intensive Meeresfarm-Wirtschaft Sauerstoff über große Wasservolumen. Zweitens gibt heraufgeholtes Tiefenwasser CO2 an die Atmosphäre ab, weil der Ozean geschichtet ist und in der Tiefe große Mengen davon speichert. Ein Teil dessen, was oben eingefangen wird, entweicht also unten.

Der Bremsklotz, der über allem liegt: Arsen

Was auch immer man mit der Alge vorhat — an dieser Stelle kommen alle Wege zusammen.

Sargassum reichert Arsen an, dazu Cadmium, Blei, Molybdän und Zink; die sulfatierten Zuckerverbindungen der Zellwand binden solche Stoffe aus dem Wasser. Eine Untersuchung von Strandproben aus Barbados fand in 22 von 23 Proben mehr Arsen, als für landwirtschaftliche Böden zulässig ist — der Grenzwert liegt bei 20 Milligramm je Kilogramm Trockenmasse, für Düngemittel bei 40.

Das bleibt nicht im Boden. In einem Versuch von WWF Mexiko und STINAPA Bonaire wuchs Gemüse auf Sargassum-gedüngtem Boden: Pak Choi enthielt 37-mal so viel Arsen wie die Vergleichspflanzen, Zucchini 21-mal, Spinat 4-mal; beim Cadmium lag Pak Choi um das Zweieinhalbfache höher.

Verkohlen löst das nicht, sondern verschärft es tendenziell: Die Feststoffausbeute sinkt mit steigender Temperatur, die Mineralien bleiben zurück und konzentrieren sich damit auf. Blei und Cadmium verflüchtigen sich oberhalb von 600 bis 700 Grad zu einem nennenswerten Teil, Arsen und Zink bleiben weitgehend im Feststoff. Auch der Gärrest aus der Vergärung enthielt in der genannten Untersuchung Arsen und Zink — die Autoren halten eine Nachbehandlung vor der landwirtschaftlichen Nutzung für nötig.

Dazu kommt das Seesalz. Sargassum bringt Natrium in einer Größenordnung mit, die Böden auf Dauer versalzen würde; vor jeder Ackernutzung steht deshalb Waschen.

Nichts davon ist ein Ausschlussgrund. Es ist die Ansage, dass zwischen „liegt am Strand herum" und „geht aufs Feld" eine Verfahrenskette mit Wäsche, Analytik je Charge und Arsen-Speziierung liegt. Wer diese Kette nicht mitrechnet, rechnet zu günstig.

Was von der Geschichte bleibt

Als beliebig skalierbare Senke hält Sargassum der Rechnung nicht stand. Die Rohrzahlen, die Sauerstoffzehrung, die Zusätzlichkeitsfrage und die Unsicherheit über die Netto-Bindung stehen alle gegen die große Version. Als Rohstoffquelle für die Luftfahrt hält es ebenfalls nicht stand — nicht wegen der Chemie, sondern wegen der Menge.

Und genau dorthin hat sich die Branche inzwischen auch bewegt: weg von Farmen in den Ozeanwirbeln, hin zum Abfangen vor den Küsten und zur Verwertung dessen, was ohnehin ankommt.

Dort ist es weiterhin interessant. Die Alge muss eingesammelt werden, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nur, ob sie danach als Sondermüll verbucht wird oder als Rohstoff — als Gas für die Insel, als Gärrest für den Acker.

Am Ende schließt sich ein Kreis, den man nicht erwartet hätte. Ein wachsender Teil des Stickstoffs, der diesen Teppich wachsen lässt, stammt von Feldern, aus Abwässern und aus der Luft — er ist einmal als Dünger ausgebracht worden und dann davongeschwommen. Ihn über den Gärrest zurück auf den Acker zu bringen, wäre kein Almosen an die Landwirtschaft. Es wäre die Rückgabe von etwas Geliehenem.

Warum diese Geschichte hierher gehört

Weil die Rechnung am Ende dieselbe ist wie unsere.

Wir sind losgezogen mit der Frage, ob ein Abfallstoff die Luftfahrt versorgen kann, und stehen jetzt vor dem Ergebnis: Der Rohstoff geht aus, lange bevor er zählt. Was nicht ausgeht, ist der Strom in den Stunden, in denen zu viel davon da ist. In Deutschland werden Windräder in genau diesen Stunden gedrosselt — der Strom wird gar nicht erst erzeugt. Es ist der einzige Posten in dieser ganzen Rechnung, von dem es mehr gibt, als wir verbrauchen, und der einzige, der von selbst wächst.

Zwei sehr verschiedene Sachverhalte, ein gemeinsamer Fehler im Blick: Ein vorhandener Überschuss wird als Last behandelt statt als Rohstoff.

Die Frage ist in beiden Fällen dieselbe. Nicht: Wie bauen wir teuer etwas Neues? Sondern: Wie nutzen wir das, was ohnehin schon da ist?

Quellen und Hinweise

Zum Gürtel und seinen Nährstoffen

Zu Wachstum, Lebenszyklus und natürlichem Absinken

Zur Verwertung

Zum Kerosin-Pfad

Zu Schadstoffen

Zu Senke, Sauerstoff und Farmen

Das Ausbauziel von 100 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr bis 2040 ist eine Angabe des betreffenden Unternehmens und als solche gekennzeichnet — eine Roadmap, kein Ergebnis. Zur Einordnung in beide Richtungen: Deutschland hat 2022 rund 660 Millionen Tonnen ausgestoßen; global gelten fünf bis fünfzehn Milliarden Tonnen Entnahme pro Jahr als nötig.

Korrekturhinweis: Eine frühere Fassung dieses Textes stellte den Vorteil „keine Düngung" neben die Vision der Ozeanwüsten-Farmen, ohne den Widerspruch zwischen beidem zu benennen, und ließ die Trocknungsenergie unerwähnt. Eine fachliche Zuschrift hat darauf hingewiesen; der Abschnitt „Wo die Rechnung endgültig kippt" ergänzt beides. Eine zweite Zuschrift einer Leserin hat gezeigt, dass der Text Senkenpfad und Nutzungspfad nicht auseinanderhielt — daraus ist der Abschnitt „Vier Wege, ein Kohlenstoff" entstanden. Der Abschnitt „Der Weg zum Kerosin" ist ergänzt, weil die erste Fassung Sargassum als Ausgangsstoff für Flugkraftstoff nannte, ohne die Menge zu prüfen.

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