Hallo zusammen,
zuerst der Dank, der weiter gilt: Die AgNes-Frist läuft noch bis zum 18. September, und über die Mitmachseite sind inzwischen weit über hundert Stellungnahmen fertig geworden. Wer noch schreiben will, hat gut eine Woche.
Heute geht es um ein zweites Verfahren, das parallel läuft und das kaum jemand auf dem Schirm hat. Es entscheidet über noch mehr als AgNes, folgt aber den gleichen Annahmen.
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Die Liste, aus der später die Rechnung wird
Die Bundesnetzagentur konsultiert bis zum 28. September den Szenariorahmen zum Netzentwicklungsplan. Klingt sperrig, ist aber schnell erklärt: Das ist die Liste der Annahmen, mit der zwanzig Jahre Stromnetz geplant werden. Wie viele Elektroautos 2045 fahren. Wie viel Strom sie brauchen. Wie viele Menschen ihren Verbrauch verschieben. Wie viel Wasserstoff es gibt.
Was in dieser Liste steht, wird später nicht mehr diskutiert. Es wird gerechnet. Wer die Annahme setzt, setzt das Ergebnis.
Wir haben den Entwurf durchgearbeitet, alle 148 Seiten. Was wir gefunden haben, ist keine Kleinigkeit.
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Vierhundert Euro — und ihr sollt trotzdem nicht reagieren
Der Entwurf rechnet für 2045 mit einem Preis von 400 Euro je Tonne Kohlendioxid.
Damit das keine abstrakte Zahl bleibt, hier der Vergleich mit heute. Der gesetzliche CO2-Preis liegt 2026 bei 55 bis 65 Euro je Tonne. In einem Liter Benzin stecken davon rund 15 bis 18 Cent — die amtliche Umrechnung nennt 16,9 Cent bei 55 Euro je Tonne. Bei 400 Euro je Tonne wären es gut 1,10 Euro je Liter. Der Sprit läge also rund einen Euro über dem heutigen Preis, allein wegen des CO2-Anteils.
Wie sich ein CO2-Preis auf Sprit und Strom durchrechnet, haben wir im Frühjahr ausführlich vorgerechnet, mit den echten Vermeidungskosten als Maßstab.
Und jetzt die Probe aufs Exempel. Super E10 kostet in diesen Tagen im Bundesschnitt 2,18 Euro. Rechnet man den CO2-Anteil aus der Netzplanung von 2045 auf heute um, stünden an der Zapfsäule rund 3,30 Euro je Liter.
Wer glaubt im Ernst, dass bei dreieinhalb Euro an der Säule niemand sein Verhalten ändert? Bei sechs Cent Aufschlag ändert sich nichts, das stimmt. Bei einem Euro zehn ändert sich alles: wann getankt wird, was gefahren wird, was als Nächstes gekauft wird.
Das ist die Preiswelt, mit der die Netzplanung rechnet. Und in derselben Rechnung sollen die Leute auf Preise nicht reagieren.
Im selben Dokument steht: 45 Prozent der Haushalte nutzen die Flexibilität ihrer Autos und Wärmepumpen nicht. Auch 2045 nicht. Zwischen 2040 und 2045 bewegt sich dieser Anteil um ganze zehn Prozentpunkte.
Das ist das Menschenbild, das der Netzplanung zugrunde liegt: Der Strom kommt aus der Steckdose, die Rechnung kommt am Monatsende, und reagieren wird schon niemand. Die Leute zahlen einfach.
Wir halten das für falsch, und wir haben gerade den Gegenbeweis geliefert. In einem Behördenverfahren, in dem sonst Verbände und Konzerne unter sich sind, haben über hundert Privatleute eine eigene Stellungnahme geschrieben. Freiwillig, in ihrer Freizeit, zu einem Thema, das man erst verstehen muss.
Wer 400 Euro je Tonne ansetzt und im selben Atemzug annimmt, dass fast die Hälfte der Haushalte davon nichts wissen will, unterschätzt nicht die Technik. Er unterschätzt die Leute.
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Vierzig Millionen Autobatterien, ein Halbsatz
2045 stehen nach diesem Entwurf 39,6 Millionen Elektroautos in Deutschland. Zusammen sind das die größten Speicher, die das Land je hatte.
Was der Entwurf dazu sagt, ist ein Halbsatz auf Seite 64: Rückspeisung ins Netz sei „perspektivisch" ein Potenzial. Danach kommt der Punkt nicht wieder vor. In keinem der drei Szenarien wird damit gerechnet. Null.
Wir haben nachgerechnet, mit belegten Werten und bewusst vorsichtig: rund 297 Gigawattstunden nutzbare Kapazität und rund 109 Gigawatt Leistung. Das ist mehr, als der Entwurf allen Heimspeichern des Landes zusammen zutraut. Fraunhofer hat ausgerechnet, was das bedeutet: Bei der Hälfte bidirektional nutzbarer Ladeenergie bräuchte Deutschland 2040 56 Gigawatt weniger Wasserstoffkraftwerke.
Diese Zahl steht in keinem Szenario, weil die Frage nicht gestellt wird.
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Und was heißt das für dich?
Rechnen wir es auf den Haushalt herunter. Dieselbe Fraunhofer-Untersuchung beziffert, was bidirektionales Laden dem deutschen Energiesystem im Jahr 2040 spart: 8,4 Milliarden Euro pro Jahr. Verteilt auf gut 40 Millionen Haushalte sind das rund 200 Euro je Haushalt und Jahr — Geld, das sonst über Netzentgelte und Strompreis eingesammelt wird, auch bei denen, die gar kein Auto haben.
Dazu kommt, was am eigenen Fahrzeug hängt. Der Feldversuch zum bidirektionalen Lademanagement hat das durchgerechnet: rund 310 Euro im Jahr bei einer 60-Kilowattstunden-Batterie und eigener Photovoltaik, rund 400 Euro bei 100 Kilowattstunden. Im Feldversuch auf dem EUREF-Campus, gemeinsam mit The Mobility House, sind es rund 600 Euro pro Fahrzeug und Jahr — heute schon, mit dem Handel am Intraday-Markt.
Herbert Diess, früher VW-Chef und heute Verwaltungsratsvorsitzender bei The Mobility House, hat das im Juli auf der Power2Drive in einen Satz gefasst: „Man kann 10.000 Kilometer im Jahr gratis Autofahren." Die Gegenprobe: 10.000 Kilometer sind rund 1.800 Kilowattstunden, beim heutigen Ladepreis also etwa 600 Euro. Genau die Größenordnung des Feldversuchs. In Frankreich gibt es das Angebot bereits, mit dem Renault 5.
Zweihundert Euro über die Netzrechnung, dreihundert bis sechshundert am eigenen Auto. Der Szenariorahmen setzt beides auf null.
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Wasserstoff ohne Farbe
Der Entwurf plant große Mengen Wasserstoff ein: für Kraftwerke, für Kraft-Wärme-Kopplung und für Heizkessel in Fernwärmenetzen. Für Wärme braucht Wasserstoff das Fünf- bis Sechsfache an Strom gegenüber der Wärmepumpe.
Auf Seite 59 schreibt der Entwurf selbst, dass der Ausbau der Elektrolyse halbiert wurde, dass sich die gemeldeten Projekte halbiert haben und dass die erwartete Verbilligung ausbleibt. Vier Absätze weiter steht, Wasserstoff stehe „jederzeit bedarfsgerecht zur Verfügung", es gebe „keine strukturellen Restriktionen".
Und jetzt der Punkt, der uns am meisten stört: Die Herkunft des Wasserstoffs kommt im ganzen Dokument nicht vor. Grün, blau, grau — keiner dieser Begriffe steht auf 148 Seiten. In der Emissionstabelle wird Wasserstoff mit null Gramm CO2 geführt, ohne jede Bedingung. Wer aus Erdgas Wasserstoff macht, wird in dieser Rechnung genauso behandelt wie jemand mit Elektrolyse und Windstrom.
Wenn eine Ressource als unbegrenzt, importiert und emissionsfrei gilt, dann ist der billigste Weg, sie zu liefern, der fossile. Gebaut wird die Infrastruktur für grünen Wasserstoff, betrieben werden kann sie mit grauem — und im Modell sieht man den Unterschied nicht.
Wofür Wasserstoff wirklich gebraucht wird, ist seit Jahren sortiert: Ammoniak, Flugkraftstoffe, Methanol, Stahl. Michael Liebreich hat das in einer Grafik zusammengefasst, die inzwischen Branchenstandard ist. Heizen steht dort ganz unten.
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Und die Sonne? Steht still
Eine Zahl noch, die wir dreimal nachgesehen haben, weil wir sie nicht glauben wollten. Die installierte Photovoltaikleistung beträgt im Entwurf 2040 genau 400 Gigawatt — und 2045 auch. Fünf Jahre ohne einen einzigen Zubau, in einem Dokument, das im selben Kapitel die hohen Zubauraten und die niedrigen Kosten der Photovoltaik beschreibt.
Bei den Batterien dasselbe Muster: Der Entwurf stellt eine „deutliche Kostendegression" fest und rechnet dann mit Speichern, deren technische Auslegung sich zwischen 2040 und 2045 um nichts verändert. Zum Vergleich: Batteriepakete kosten heute rund 93 Prozent weniger als 2010.
Was wachsen darf, sind die Rechenzentren: von 4,2 auf 143,2 Terawattstunden. Mehr als der gesamte Ladestrom aller vierzig Millionen Elektroautos. Dort folgt der Entwurf jeder gemeldeten Planung. Bei allem, was Netz sparen würde, bleibt er beim Heute.
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Was wir tun
Wir reichen eine Stellungnahme ein. Sie liegt im Entwurf vor, hat 13 Abschnitte und benennt acht Widersprüche im Dokument, jeden mit beiden Fundstellen. Dazu schlagen wir einen vierten Szenariopfad vor — einen, der die technische Entwicklung fortschreibt, die der Entwurf an anderer Stelle selbst beschreibt.
Wir reichen sie kurz vor Fristende ein und stellen sie am selben Tag online. Dann verlinken wir sie hier, und ihr könnt alles nachlesen und nachprüfen.
Eine Unterschriftenaktion machen wir diesmal nicht. Wer selbst schreiben will, kann das jederzeit tun — die Konsultation steht ausdrücklich jedem offen, und jede Eingabe zählt einzeln.
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Weitergeben
Der wirksamste Schritt kostet nichts: diese Mail an jemanden weiterleiten, der ein Elektroauto fährt oder gerade überlegt, ob sich eines lohnt.
Sonnige Grüße, das Ladefreunde-Team
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