Ladefreunde-Blog · Strommarkt und Macht

Konzession statt Ausverkauf: Wie Madagaskar Dörfer ans Netz bringt

1. Oktober 2026 5 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Kurzfassung: Auf dem Land in Afrika leben Hunderte Millionen Menschen ohne Strom, und das große Netz wird viele von ihnen auf Jahrzehnte nicht erreichen. Die Antwort heißt Mini-Grid: ein kleines eigenes Stromnetz mit Solaranlage und Batterie für ein Dorf. In Madagaskar baut so etwas die Firma Kintana, eine Tochter des Münchner Ökostromversorgers Polarstern, auf Grundlage einer Konzession: ein Recht auf Zeit, das der Staat vergibt, kein Verkauf des Netzes. Davon erzählt eine neue Folge des Podcasts „Mission Energiewende". Und es zeigt, was wir auch in Deutschland brauchen: Strom, der dort genutzt wird, wo er entsteht.

Solaranlage eines Mini-Grids im Bundesstaat Bayelsa in Nigeria

Foto: Solar-Mini-Grid in Bayelsa, Nigeria — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Rupumped

Die Folge

In „Mission Energiewende", dem Klimapodcast von detektor.fm, nimmt Ina Lebedjew mit auf einen Kontinent, auf dem nach Angaben der Folge jeden Tag rund 100.000 Solarmodule installiert werden. Die Folge streift Südafrika, Kenia, die Demokratische Republik Kongo, Libyen und die Seychellen. Ihr Mittelpunkt ist Madagaskar und ein Gespräch mit Moritz Brauchle, dem Chef von Kintana. Sie dauert eine knappe halbe Stunde und lohnt sich: Energiewende in Afrika – Am Puls der Transformation. Wir haben sie in unsere Podcast-Empfehlungen aufgenommen.

Warum kleine Netze

Nach Zahlen der Internationalen Energieagentur hatten 2024 weltweit rund 730 Millionen Menschen keinen Zugang zu Strom. Acht von zehn davon leben in Afrika südlich der Sahara, wo nur etwa jeder Zweite angeschlossen ist.

Das große Netz in jedes Dorf zu ziehen, dauert Jahrzehnte und kostet Summen, die viele Länder nicht haben. Bisher springt der Dieselgenerator ein, laut, teuer und abhängig von Lieferungen. Ein Mini-Grid geht anders vor: Eine Solaranlage, eine Batterie und ein paar Kilometer Leitung versorgen ein Dorf oder eine Kleinstadt, ohne auf die Fernleitung zu warten.

Die Weltbank hat das 2023 durchgerechnet. Danach sind Mini-Grids für mehr als 60 Prozent der Menschen ohne Strom in Afrika südlich der Sahara die günstigste Lösung. Rund 380 Millionen Menschen ließen sich bis 2030 so versorgen, mit Strom für etwa 20 US-Cent je Kilowattstunde. Gebaut sind bisher gut 3.000 solcher Netze. Mit dem Programm „Mission 300" wollen Weltbank und Afrikanische Entwicklungsbank bis 2030 300 Millionen Menschen anschließen. Nach eigenen Angaben sind es inzwischen über 50 Millionen. Das britische Forschungsinstitut ODI hat diese Zahl nachgeprüft und hält sie für zu optimistisch.

Dorf im Westen Madagaskars an der Nationalstraße 7

Foto: Dorf im Westen Madagaskars — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Smiley.toerist

Madagaskar und Kintana

In Madagaskar haben laut Weltbank nur 36 Prozent der Menschen Strom. Im Mai 2026 hat die Weltbank dort ein Programm über 250 Millionen US-Dollar aufgelegt, das bis 2030 mehr als 2,5 Millionen Menschen versorgen soll, ein großer Teil davon über Mini-Grids und Solaranlagen für einzelne Häuser.

Kintana ist eines der Unternehmen, die solche Netze bauen und betreiben. Der Name heißt auf Malagasy „Sterne". Brauchle sagt in der Folge: „Wir haben 2021 angefangen, hier Systeme zu bauen. Drei Ortschaften haben wir bereits elektrifiziert." Das erste Netz in Mahavelona beschreibt Polarstern als das erste rein solar betriebene Netz Madagaskars: 120 Kilowatt Solarleistung, 115 Kilowattstunden Batterie, 117 Strommasten. Bezahlt wird im Voraus, wie beim Prepaid-Handy. Nach Angaben auf der Kintana-Website haben bisher rund 3.900 Menschen Zugang, bis Jahresende sollen es laut Brauchle 10.000 sein.

Grundlage ist eine Konzession auf 25 Jahre. Das Konzessionsgebiet umfasst nach Angaben des Unternehmens 340.000 Menschen.

Wer dahintersteht

Das Geld kommt, so Brauchle, „von der Gesellschaft Polarstern aus München". Polarstern ist ein Ökostrom- und Ökogasversorger, 2011 in München gegründet. Nach eigenen Angaben gehört er heute vollständig der Gründerfamilie, ist als B Corporation zertifiziert und Mitglied der Gemeinwohl-Ökonomie. Seine Mission formuliert das Unternehmen so: „Mit Energie die Welt verändern. Wirklich."

Finanziert wird das Engagement im Ausland aus dem Kundengeschäft in Deutschland: Pro Kundenvertrag fließen nach Unternehmensangaben jedes Jahr 20 Euro in Projekte in Madagaskar und Kambodscha. Als Partner nennt Kintana unter anderem die Weltbank, das Welternährungsprogramm und SOS-Kinderdorf.

Containeranlage mit Solarmodulen zur Stromversorgung im Dorf Cinzana-Gare in Mali

Foto: Solar-Container für die Dorfversorgung in Cinzana-Gare, Mali — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Torsten Schreiber

Konzession statt Ausverkauf

Eine Konzession ist ein Recht auf Zeit. Der Staat vergibt ein Versorgungsgebiet für eine bestimmte Laufzeit, die sich nach der Höhe der Investition richtet. Über seine Regulierungsbehörde behält er die Hand auf den Bedingungen und den Tarifen. In Madagaskar regelt das das Elektrizitätsgesetz von 2017. Das Netz wird nicht verkauft, es wird auf Zeit anvertraut, gegen die Pflicht, es zu bauen und zu betreiben.

In Deutschland lief es bei den großen Übertragungsnetzen anders. Zwischen 2009 und 2012 wechselten alle vier den Eigentümer, und mit ihnen die Leitungen, die Stromkunden über Jahrzehnte bezahlt hatten. Wie das ablief, haben wir in „Wie das Netz zur Ware wurde" beschrieben. Was das für die Frage bedeutet, wem eine bezahlte Leitung eigentlich gehört, steht in „Wem gehört die Leitung, wenn sie bezahlt ist?". Die Konzession ist das Gegenmodell: Der Staat gibt das Recht auf Zeit, nicht das Eigentum für immer.

Was Deutschland daraus lernen kann

Ein Mini-Grid ist im Kern das, was wir für deutsche Wohnviertel fordern: Strom wird erzeugt, gespeichert und verbraucht, wo er entsteht, ohne Umweg über das Höchstspannungsnetz. In Madagaskar ist das die einzige realistische Lösung. Bei uns wäre es die günstigste für viele Quartiere, wenn die Regeln es zuließen. Heute zahlt Strom, der nur ein paar hundert Meter durch das Ortsnetz fließt, das Netzentgelt aller Ebenen. Warum wir deshalb einen Ortstarif und Quartierspeicher fordern, steht in „Netzentgelt nutzergerecht".

Das Dorf in Madagaskar und das Quartier in Mannheim haben dieselbe Frage: Wer darf den Strom nutzen, der vor der eigenen Haustür entsteht, und zu welchem Preis?

Steht das Windrad, steht der Standort!

Quellen

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