Konzession statt Ausverkauf: Wie Madagaskar Dörfer ans Netz bringt
Kurzfassung: Auf dem Land in Afrika leben Hunderte Millionen Menschen ohne Strom, und das große Netz wird viele von ihnen auf Jahrzehnte nicht erreichen. Die Antwort heißt Mini-Grid: ein kleines eigenes Stromnetz mit Solaranlage und Batterie für ein Dorf. In Madagaskar baut so etwas die Firma Kintana, eine Tochter des Münchner Ökostromversorgers Polarstern, auf Grundlage einer Konzession: ein Recht auf Zeit, das der Staat vergibt, kein Verkauf des Netzes. Davon erzählt eine neue Folge des Podcasts „Mission Energiewende". Und es zeigt, was wir auch in Deutschland brauchen: Strom, der dort genutzt wird, wo er entsteht.
Foto: Solar-Mini-Grid in Bayelsa, Nigeria — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Rupumped
Die Folge
In „Mission Energiewende", dem Klimapodcast von detektor.fm, nimmt Ina Lebedjew mit auf einen Kontinent, auf dem nach Angaben der Folge jeden Tag rund 100.000 Solarmodule installiert werden. Die Folge streift Südafrika, Kenia, die Demokratische Republik Kongo, Libyen und die Seychellen. Ihr Mittelpunkt ist Madagaskar und ein Gespräch mit Moritz Brauchle, dem Chef von Kintana. Sie dauert eine knappe halbe Stunde und lohnt sich: Energiewende in Afrika – Am Puls der Transformation. Wir haben sie in unsere Podcast-Empfehlungen aufgenommen.
Warum kleine Netze
Nach Zahlen der Internationalen Energieagentur hatten 2024 weltweit rund 730 Millionen Menschen keinen Zugang zu Strom. Acht von zehn davon leben in Afrika südlich der Sahara, wo nur etwa jeder Zweite angeschlossen ist.
Das große Netz in jedes Dorf zu ziehen, dauert Jahrzehnte und kostet Summen, die viele Länder nicht haben. Bisher springt der Dieselgenerator ein, laut, teuer und abhängig von Lieferungen. Ein Mini-Grid geht anders vor: Eine Solaranlage, eine Batterie und ein paar Kilometer Leitung versorgen ein Dorf oder eine Kleinstadt, ohne auf die Fernleitung zu warten.
Die Weltbank hat das 2023 durchgerechnet. Danach sind Mini-Grids für mehr als 60 Prozent der Menschen ohne Strom in Afrika südlich der Sahara die günstigste Lösung. Rund 380 Millionen Menschen ließen sich bis 2030 so versorgen, mit Strom für etwa 20 US-Cent je Kilowattstunde. Gebaut sind bisher gut 3.000 solcher Netze. Mit dem Programm „Mission 300" wollen Weltbank und Afrikanische Entwicklungsbank bis 2030 300 Millionen Menschen anschließen. Nach eigenen Angaben sind es inzwischen über 50 Millionen. Das britische Forschungsinstitut ODI hat diese Zahl nachgeprüft und hält sie für zu optimistisch.
Foto: Dorf im Westen Madagaskars — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Smiley.toerist
Madagaskar und Kintana
In Madagaskar haben laut Weltbank nur 36 Prozent der Menschen Strom. Im Mai 2026 hat die Weltbank dort ein Programm über 250 Millionen US-Dollar aufgelegt, das bis 2030 mehr als 2,5 Millionen Menschen versorgen soll, ein großer Teil davon über Mini-Grids und Solaranlagen für einzelne Häuser.
Kintana ist eines der Unternehmen, die solche Netze bauen und betreiben. Der Name heißt auf Malagasy „Sterne". Brauchle sagt in der Folge: „Wir haben 2021 angefangen, hier Systeme zu bauen. Drei Ortschaften haben wir bereits elektrifiziert." Das erste Netz in Mahavelona beschreibt Polarstern als das erste rein solar betriebene Netz Madagaskars: 120 Kilowatt Solarleistung, 115 Kilowattstunden Batterie, 117 Strommasten. Bezahlt wird im Voraus, wie beim Prepaid-Handy. Nach Angaben auf der Kintana-Website haben bisher rund 3.900 Menschen Zugang, bis Jahresende sollen es laut Brauchle 10.000 sein.
Grundlage ist eine Konzession auf 25 Jahre. Das Konzessionsgebiet umfasst nach Angaben des Unternehmens 340.000 Menschen.
Wer dahintersteht
Das Geld kommt, so Brauchle, „von der Gesellschaft Polarstern aus München". Polarstern ist ein Ökostrom- und Ökogasversorger, 2011 in München gegründet. Nach eigenen Angaben gehört er heute vollständig der Gründerfamilie, ist als B Corporation zertifiziert und Mitglied der Gemeinwohl-Ökonomie. Seine Mission formuliert das Unternehmen so: „Mit Energie die Welt verändern. Wirklich."
Finanziert wird das Engagement im Ausland aus dem Kundengeschäft in Deutschland: Pro Kundenvertrag fließen nach Unternehmensangaben jedes Jahr 20 Euro in Projekte in Madagaskar und Kambodscha. Als Partner nennt Kintana unter anderem die Weltbank, das Welternährungsprogramm und SOS-Kinderdorf.
Foto: Solar-Container für die Dorfversorgung in Cinzana-Gare, Mali — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Torsten Schreiber
Konzession statt Ausverkauf
Eine Konzession ist ein Recht auf Zeit. Der Staat vergibt ein Versorgungsgebiet für eine bestimmte Laufzeit, die sich nach der Höhe der Investition richtet. Über seine Regulierungsbehörde behält er die Hand auf den Bedingungen und den Tarifen. In Madagaskar regelt das das Elektrizitätsgesetz von 2017. Das Netz wird nicht verkauft, es wird auf Zeit anvertraut, gegen die Pflicht, es zu bauen und zu betreiben.
In Deutschland lief es bei den großen Übertragungsnetzen anders. Zwischen 2009 und 2012 wechselten alle vier den Eigentümer, und mit ihnen die Leitungen, die Stromkunden über Jahrzehnte bezahlt hatten. Wie das ablief, haben wir in „Wie das Netz zur Ware wurde" beschrieben. Was das für die Frage bedeutet, wem eine bezahlte Leitung eigentlich gehört, steht in „Wem gehört die Leitung, wenn sie bezahlt ist?". Die Konzession ist das Gegenmodell: Der Staat gibt das Recht auf Zeit, nicht das Eigentum für immer.
Was Deutschland daraus lernen kann
Ein Mini-Grid ist im Kern das, was wir für deutsche Wohnviertel fordern: Strom wird erzeugt, gespeichert und verbraucht, wo er entsteht, ohne Umweg über das Höchstspannungsnetz. In Madagaskar ist das die einzige realistische Lösung. Bei uns wäre es die günstigste für viele Quartiere, wenn die Regeln es zuließen. Heute zahlt Strom, der nur ein paar hundert Meter durch das Ortsnetz fließt, das Netzentgelt aller Ebenen. Warum wir deshalb einen Ortstarif und Quartierspeicher fordern, steht in „Netzentgelt nutzergerecht".
Das Dorf in Madagaskar und das Quartier in Mannheim haben dieselbe Frage: Wer darf den Strom nutzen, der vor der eigenen Haustür entsteht, und zu welchem Preis?
Steht das Windrad, steht der Standort!
Quellen
- detektor.fm, Mission Energiewende: Energiewende in Afrika – Am Puls der Transformation, 29. September 2026 — detektor.fm
- Internationale Energieagentur: Access to electricity stagnates, leaving globally 730 million in the dark — iea.org
- Weltbank, 26. Februar 2023: Solar Mini Grids Could Sustainably Power 380 Million People in Africa by 2030 — worldbank.org
- Weltbank, 6. Mai 2026: Madagascar: New World Bank Program Set to Provide Reliable and Affordable Energy to over 2.5 Million People by 2030 — worldbank.org
- Weltbank, 16. Juni 2026: Mission 300 — worldbank.org
- ODI: The World Bank says Mission 300 accelerated 50 million electricity connections in Africa. We checked — odi.org
- Polarstern: Über uns und Madagaskar — polarstern-energie.de
- Kintana — kintana-energy.com
- Madagaskar, Loi n° 2017-020 portant Code de l'Électricité — assemblee-nationale.mg
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Konzession statt Ausverkauf: Wie Madagaskar Dörfer ans Netz bringt
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