Der größte Gasspeicher des Landes ist zu neun Prozent gefüllt
Am 5. September 2026 lagen im Gasspeicher Rehden 3,24 von 35,74 Terawattstunden. Das sind 9,1 Prozent. Rehden ist der größte Gasspeicher Deutschlands, er fasst allein rund ein Fünftel der nationalen Speicherkapazität, und er gehört dem Bund.
Foto: Die obertägigen Anlagen des Erdgasspeichers Rehden — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Axel Hindemith
Wie er dem Bund gehört, ist eine Geschichte in drei Schritten: 2015 verkauft, 2022 zurückgeholt, 2026 abbezahlt. Und am Ende steht er trotzdem leer.
Was dort unten liegt
Rehden ist ein ausgefördertes Erdgasfeld in 2.000 Metern Tiefe: poriges Gestein, in das Gas zurückgepresst wird. Wintershall holte dort ab den fünfziger Jahren Gas heraus; 1993 wurde der leere Speicherhorizont zum Lager umgebaut. Das Arbeitsgasvolumen liegt bei 3,9 Milliarden Kubikmetern, nach Angabe des Betreibers 35,74 Terawattstunden.
Zur Größenordnung: Deutschland verbrauchte 2025 rund 864 Terawattstunden Erdgas. Rehden gefüllt entspricht also gut vier Prozent eines Jahresverbrauchs — und alle deutschen Speicher zusammen, rund 250 Terawattstunden, knapp drei Monaten. Speicher überbrücken keine Jahre, sie überbrücken Winter.
Betrieben wird Rehden von astora, heute SEFE Storage. Und damit beginnt der Teil, der selten erzählt wird.
2015: der Tausch
Im Herbst 2015 vollzogen BASF und Gazprom ein Geschäft, das seit 2012 vorbereitet worden war. Es lief nicht über Geld, sondern über Anteile.
Gazprom übernahm die Gashandelsgesellschaften WINGAS, WIEH und WIEE vollständig — und mit ihnen den Speicherbetreiber astora, also Rehden, Jemgum und den Anteil am österreichisch-deutschen Speicher Haidach. Dazu kamen 50 Prozent an Wintershall Noordzee, dem Fördergeschäft in der südlichen Nordsee.
Wintershall bekam im Gegenzug den wirtschaftlichen Gegenwert von 25,01 Prozent an den Blöcken IV und V der Achimov-Formation des Urengoi-Feldes in Westsibirien — Zugang zu Förderung statt Besitz an Infrastruktur.
Vollzogen wurde der Tausch zum 30. September 2015.
Foto: Gasaufbereitung im Feld Sapoljarnoje bei Nowy Urengoi — die Region, in der Wintershall im Gegenzug Förderanteile erhielt — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Regierung der Russischen Föderation
Der Brief vom 19. August 2015
Ein solches Geschäft braucht die Zustimmung der Bundesregierung. Sie kam in einem Brief des damaligen Bundeswirtschaftsministers Sigmar Gabriel an den damaligen BASF-Vorstandsvorsitzenden Kurt Bock, datiert auf den 19. August 2015. Der entscheidende Satz: „Gegen den Tausch (bestehen) aus Sicht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie keine energiepolitischen Bedenken."
Im Ministerium selbst waren zu diesem Zeitpunkt Bedenken vermerkt, und zwar „im Hinblick auf die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland". Öffentlich wurde beides erst am 30. Juni 2022, durch eine Recherche von correctiv.
Flankiert wurde das Geschäft von einer Investitionsgarantie des Bundes über 1,8 Milliarden Euro für die Wintershall-Investition in Westsibirien. Die deutsche Seite gab also Speicher ab und sicherte gleichzeitig das ab, was sie dafür bekam.
Zur zeitlichen Einordnung: Die Annexion der Krim lag im März 2014. Zwischen ihr und dem Brief liegen siebzehn Monate.
Foto: Sigmar Gabriel 2015, damals Bundesminister für Wirtschaft und Energie — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / A.Savin
Was der Winter 2021/22 sichtbar machte
Sechs Jahre später fiel eine Zahl auf. Am 1. November 2021 war Rehden zu 9,5 Prozent gefüllt. Jemgum, ebenfalls Gazprom, lag bei 83 Prozent, die übrigen deutschen Speicher Mitte November bei rund 77 Prozent. Ein Speicher, der ein Fünftel der Kapazität stellt, fehlte im Bestand.
Nach dem Winter wurde er nicht wieder befüllt. Am 2. April 2022 standen dort noch rund 0,5 Prozent.
Zwei Tage später, am 4. April 2022, stellte das Bundeswirtschaftsministerium Gazprom Germania und damit astora unter Treuhandverwaltung der Bundesnetzagentur. Am 14. November 2022 übernahm der Bund das Unternehmen vollständig: Kapitalschnitt, Kapitalerhöhung über 225,6 Millionen Euro. Aus Gazprom Germania wurde SEFE. Der Anlass stand in der Bilanz — über drei Milliarden Euro Verluste bis Ende August bei rund einer Milliarde Eigenkapital.
Im Dezember 2022 genehmigte die EU-Kommission eine Rekapitalisierung über 6,3 Milliarden Euro; eine KfW-Kreditlinie von bis zu 13,8 Milliarden wurde dabei teilweise in Eigenkapital umgewandelt und auf 7,5 Milliarden zurückgeführt. Auflage: Die Bundesbeteiligung muss bis Ende 2028 deutlich sinken.
Unter staatlicher Regie füllte sich Rehden dann schnell. Am 13. Oktober 2022 waren es 83,2 Prozent, zum 1. November rund 90, am 5. November 2023 dann 99,3 Prozent.
Was daraus wurde
Die Rettung ist bezahlt. SEFE führte die Staatshilfen in drei Tranchen zurück — Januar 2025, September 2025, April 2026 — und ersetzte am 2. April 2026 die letzte KfW-Linie durch eine Kreditlinie über 2 Milliarden Euro von 27 Banken. Der Bund ist weiterhin Alleineigentümer.
Der Speicher selbst erzählt eine andere Geschichte. Am 2. Juli 2025 lag Rehden bei 2,33 Prozent, während die deutschen Speicher im Schnitt 50,66 Prozent erreichten. Im Februar 2026 waren es unter 7 Prozent, am 5. September 9,1.
Die Gründe stehen bei Betreiber und Ministerium und sind wirtschaftlicher Natur:
- Der Sommer-Winter-Spread ist negativ. Wer im Sommer einlagert und im Winter verkauft, verliert dabei Geld. Damit fehlt der Anlass, Speicherkapazität zu buchen.
- Eine Buchungspflicht gibt es nicht. Kunden müssen keine Kapazität nehmen.
- Die Vorgaben sind gesunken. Das EU-Ziel wurde auf 83 Prozent flexibilisiert, erreichbar zwischen dem 1. Oktober und dem 1. Dezember, mit zehn Prozentpunkten Spielraum. Die deutsche Verordnung nennt seit Mai 2025 80 Prozent zum 1. November statt 90.
- Das Geld für die Befüllung ist umgeleitet. Die Gasspeicherumlage, die die staatliche Notbefüllung finanziert hatte, ist zum 1. Januar 2026 entfallen; die aufgelaufenen Kosten von bis zu 3,4 Milliarden Euro übernimmt der Klima- und Transformationsfonds, künftige Befüllung liefe über den Bundeshaushalt.
- Küstennähe schlägt Volumen. Aus Sicht des Ministeriums lassen sich die Kavernen nahe den Flüssiggas-Terminals schneller und günstiger füllen als das große Feld in Niedersachsen.
Verhandelt wird die Befüllung derzeit mit SEFE und mit Uniper. Beide gehören dem Bund.
Foto: Rohrsegment in Lubmin, dem deutschen Anlandepunkt von Nord Stream — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Assenmacher
Drei Entscheidungen, ein Speicher
2015 galt Rehden als Handelsware: Infrastruktur gegen Förderanteile, abgesegnet mit einem Satz über fehlende energiepolitische Bedenken. 2022 galt er als Teil der Versorgungssicherheit, für die der Bund ein Unternehmen übernahm und Milliarden bereitstellte. 2026 gilt er als unwirtschaftlich, weil der Markt das Einlagern nicht vergütet und niemand dazu verpflichtet ist.
Der Speicher hat sich in diesen elf Jahren nicht verändert. Verändert hat sich, was er kosten darf.
Was das mit unserer Petition zu tun hat
An der Frage, wie voll ein Gasspeicher ist, hängt ein anderer Hebel als der, den man zuerst vermutet: der Verbrauch. Ein erheblicher Teil des deutschen Gases geht in Kraftwerke, die Strom erzeugen — und genau dieser Teil lässt sich verschieben.
Der bestehende § 13k EnWG („Nutzen statt Abregeln") erlaubt es, zusätzlichen Stromverbrauch in die Stunden zu legen, in denen Wind- und Solaranlagen sonst abgeregelt werden. Was dafür fehlt, ist eine Festlegung der Bundesnetzagentur, die das Preissignal an die Verbrauchsorte durchreicht — an die Schnellladesäule ebenso wie an die Wallbox. In den Stunden, in denen heute Windräder abgeregelt werden, kostet Laden dann nichts.
Jede Kilowattstunde, die so verschoben wird, ersetzt einen Anteil Gasverstromung. Das senkt den Gasbedarf, um den bei jedem Füllstandsziel gerechnet wird — ohne Vertragspartner im Ausland, ohne Bürgschaft und ohne neue Umlage.
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Der größte Gasspeicher des Landes ist zu neun Prozent gefüllt
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