Ladefreunde-Blog · Strommarkt und Geopolitik

Warum die Finnen die glücklichsten Menschen der Welt sind

17. September 2026 10 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Am 20. März 2026 hat der World Happiness Report Finnland zum neunten Mal in Folge auf Platz eins gesetzt: 7,764 Punkte von zehn, vor Island und Dänemark. Deutschland steht auf Platz 17, fünf Plätze besser als im Jahr davor.

Die Erklärungen sind bekannt. Sauna, Wald, 188.000 Seen, Vertrauen in Institutionen, ein Schulsystem, um das uns halb Europa beneidet.

Es gibt eine kürzere Erklärung. Am 21. September 2022 hat der finnische Staat ein Unternehmen abgegeben, das zu diesem Zeitpunkt rund 60 Millionen Euro Verlust pro Tag machte. Käufer war die Bundesrepublik Deutschland. Der Preis für das finnische Aktienpaket: 480 Millionen Euro. Dass die Deutschen seither im Glücksranking von Platz 22 auf Platz 17 gestiegen sind, zeigt vor allem, dass Glück keine Bilanzkennzahl ist.

Die Konzernzentrale von Fortum in Espoo bei Helsinki, ein Hochhaus am Wasser

Foto: Die frühere Fortum-Zentrale in Espoo bei Helsinki — von hier aus wurde Uniper bis 2022 beherrscht — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / KFP

Das Unternehmen heißt Uniper. Die Geschichte dahinter lohnt sich, weil das Wort, mit dem sie 2022 überall überschrieben wurde — „Verstaatlichung" — den entscheidenden Punkt verdeckt.

Was Uniper ist

Uniper ist ein Energiekonzern mit Sitz in Düsseldorf: rund 7.500 Beschäftigte, 34 Gigawatt installierte Kraftwerksleistung in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Schweden und Ungarn, Gasspeicher mit etwa 9 Milliarden Kubikmetern Arbeitsgasvolumen, rund 70 Wasserkraftanlagen in Schweden mit 1.553 Megawatt und Beteiligungen an allen drei schwedischen Kernkraftstandorten — Oskarshamn zu 54,5 Prozent, Ringhals zu 29,6, Forsmark zu 8,5.

Dazu kommt das Geschäft, das 2022 zum Problem wurde: Gasgroßhandel. Uniper kauft Gas in großen Mengen ein und liefert es weiter, unter anderem direkt an über hundert Stadtwerke und Großabnehmer.

Woher es kommt: die Abspaltung 2016

E.ON teilte sich 2016 in zwei Hälften. Netze, Erneuerbare und Kundengeschäft blieben bei E.ON. Die konventionelle Erzeugung — Kohle, Gas, Wasserkraft — und der globale Energiehandel wurden abgespalten und am 12. September 2016 an die Börse gebracht, mit rund 15.000 Beschäftigten. Der Name ist aus „unique" und „performance" zusammengesetzt.

Mit abgespalten wurde das russische Geschäft: 83,73 Prozent an Unipro, einem börsennotierten russischen Stromerzeuger mit fünf Kraftwerken. Die deutschen Kernkraftwerke blieben bei E.ON, die schwedischen Beteiligungen gingen mit.

E.ON behielt zunächst 46,65 Prozent an der neuen Gesellschaft.

Wem es gehörte: die Anteilsstruktur

Im November 2017 legte der finnische Energiekonzern Fortum ein Übernahmeangebot über 22 Euro je Aktie vor. E.ON hatte den Verkauf seines Pakets bereits vereinbart, andiente im Januar 2018 und erhielt dafür 3,76 Milliarden Euro. Der Vollzug erfolgte am 26. Juni 2018.

Im Oktober 2019 kaufte Fortum weitere 20,5 Prozent von den Finanzinvestoren Elliott und Knight Vinke, für 2,3 Milliarden Euro. Nach dem Vollzug im März 2020 hielten die Finnen rund 70 Prozent, später etwas mehr.

Und hier liegt der Punkt, den das Wort „Verstaatlichung" verdeckt: Fortum gehört zu 51,2 Prozent dem finnischen Staat. Uniper stand also schon vor 2022 unter staatlicher Kontrolle — nur aus Helsinki, nicht aus Berlin.

Warum der deutsche Staat einstieg

Das Geschäftsmodell war auf beiden Seiten langfristig. Uniper hatte Lieferverträge mit Gazprom über Jahre, und es hatte Lieferverpflichtungen gegenüber deutschen Kunden über Jahre. Solange beide Seiten liefen, war die Spanne dazwischen das Geschäft.

Im Juni 2022 kürzte Gazprom die Lieferungen, Ende August stellte der Konzern sie ein. Die Verträge blieben in Kraft — auf beiden Seiten. Uniper musste das fehlende Gas am Spotmarkt zukaufen, zu Preisen, die ein Vielfaches des Vertragspreises erreichten, und zum vereinbarten Preis weiterliefern.

Der Vorstandsvorsitzende nannte Mitte Juni 2022 rund 60 Millionen Euro Verlust pro Tag. Im ersten Halbjahr 2022 summierte sich das auf etwa 12 Milliarden Euro.

Die Rettung lief in drei Stufen:

Insgesamt flossen rund 13,5 Milliarden Euro Eigenkapital in den Konzern. Das Jahr 2022 schloss Uniper mit einem Konzernfehlbetrag von 19,144 Milliarden Euro ab.

Der Grund für den Einstieg liegt in der Position, die Uniper in der Lieferkette hatte. Zwischen Gazprom und den über hundert direkt belieferten Stadtwerken und Großabnehmern stand ein einziges Unternehmen. Ein Zahlungsausfall wäre nicht bei Uniper stehen geblieben, sondern hätte sich durch die Kette bis zu den Endkunden der Stadtwerke fortgesetzt.

Die Alternative war für kurze Zeit geplant und liegt heute im Archiv: eine Gasbeschaffungsumlage von 2,419 Cent je Kilowattstunde, die die Ersatzbeschaffung der Importeure direkt auf die Gasrechnung gelegt hätte. Sie wurde vor dem Start gestrichen. Bezahlt wurde stattdessen aus dem Bundeshaushalt.

Die Genehmigung der EU-Kommission kam mit Auflagen: Verkauf einzelner Geschäftsteile bis Ende 2026, Rückführung des Bundesanteils auf 25 Prozent plus eine Aktie bis Ende 2028.

Das Steinkohlekraftwerk Datteln 4 mit Kühlturm und Kesselhaus

Foto: Datteln 4, rund ein Gigawatt, 2020 in Betrieb gegangen und wegen der EU-Auflagen Anfang 2026 verkauft — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Arnoldius

Das Geschäftsmodell über die Zeit

Erste Phase, 2016 bis 2021: die Spanne. Billiges Pipelinegas aus langfristigen Verträgen, verkauft in einen Markt mit höheren Preisen. Dazu die Finanzierung der Infrastruktur, die das Modell verlängern sollte: 2017 unterschrieben fünf europäische Unternehmen Finanzierungsvereinbarungen für Nord Stream 2, jedes über bis zu 950 Millionen Euro. Uniper hat sein Darlehen von 987 Millionen Euro inzwischen vollständig abgeschrieben. Das Modell hatte eine einzige Annahme: dass der Lieferant liefert.

Zweite Phase, 2022 bis 2024: die Abrechnung. 2022 der Verlust von 19,1 Milliarden Euro. 2023 ein Gewinn von 6,336 Milliarden Euro — die Preise fielen, die Rückstellungen für die offenen Lieferverpflichtungen wurden aufgelöst. Am 7. Juni 2024 sprach ein Stockholmer Schiedsgericht Uniper rund 13 Milliarden Euro Schadenersatz gegen Gazprom Export zu, endgültig und bindend. Ob Geld fließt, ist offen: Gazprom Export erwirkte in St. Petersburg eine Gegenverfügung und fordert seinerseits 14,312 Milliarden Euro in Rubel. Das russische Geschäft ist ebenfalls weg — Unipro steht seit April 2023 unter Verwaltung der russischen Vermögensbehörde, der Verkaufsvertrag von 2022 wurde nie genehmigt, 4,4 Milliarden Dollar sind abgeschrieben.

Dritte Phase, 2025/26: der Normalbetrieb. Das bereinigte EBITDA lag 2025 bei 1,097 Milliarden Euro, der bereinigte Nettogewinn bei 544 Millionen — deutlich unter 2024 (2,612 und 1,653 Milliarden), weil die Sondereffekte auslaufen. Im März 2025 zahlte Uniper 2,6 Milliarden Euro an den Bund zurück, Ende 2025 war die KfW-Linie vollständig zurückgeführt. Für 2025 gibt es die erste Dividende: 0,72 Euro je Aktie, rund 300 Millionen Euro, ausgezahlt im Mai 2026 — davon gehen 99 Prozent an den Bund.

Das künftige Geschäft soll anders aussehen: rund 5 Milliarden Euro Investitionen bis 2030, wasserstofffähige Kraftwerke, in Wilhelmshaven eine Elektrolyse mit 200 Megawatt samt Ammoniak-Import, Gebote über 1,7 Gigawatt in den Kraftwerksausschreibungen im September und Dezember 2026. Ziel: über 80 Prozent CO2-freie Erzeugungskapazität Anfang der 2030er, Klimaneutralität 2040.

Parallel läuft das alte Geschäft weiter. Im Juli 2026 unterschrieb Uniper eine Absichtserklärung für 2 Millionen Tonnen Flüssigerdgas jährlich aus Kanada — Lieferbeginn 2032. Datteln 4 ist verkauft, an die ResInvest Group, Closing am 30. Januar 2026. Maasvlakte 3 bei Rotterdam läuft als letztes kommerzielles Kohlekraftwerk der Niederlande bis Ende 2029, mit Holzpellets in der Mitverbrennung.

Uniper-Anlage im Hafen von Rotterdam

Foto: Uniper-Standort im Hafen von Rotterdam — via Wikimedia Commons — gemeinfrei / Alf van Beem

Wer was bezahlt hat

Der Bund hat 13,5 Milliarden Euro Eigenkapital eingezahlt und eine Kreditlinie über 13 Milliarden Euro bereitgestellt, die vollständig zurückgezahlt ist. Zurückgeflossen sind bisher 2,6 Milliarden Euro plus Dividende. Dazu hält er 99,1 Prozent an einem Unternehmen, dessen Börsenwert derzeit bei rund 18 Milliarden Euro liegt. Ob die Rettung am Ende positiv schließt, entscheidet der Verkaufspreis — das Verfahren läuft seit Mai 2026, rund zehn Interessenten haben sich gemeldet, verbindliche Angebote lagen für den Spätsommer 2026 vor, ein Abschluss ist frühestens im vierten Quartal 2026 möglich.

Die finnische Seite hat rund 6 Milliarden Euro in die beiden großen Aktienpakete gesteckt und 2022 einen Vorsteuerverlust von knapp 6 Milliarden Euro verbucht. Weil der finnische Staat 51,2 Prozent an Fortum hält, landet etwa die Hälfte davon beim finnischen Haushalt.

Die Gaskundschaft zahlte von 2022 bis 2025 die Gasspeicherumlage. Sie finanzierte die Befüllung der Speicher, nicht die Uniper-Rettung, und ist zum 1. Januar 2026 entfallen; die aufgelaufenen Kosten von bis zu 3,4 Milliarden Euro übernimmt der Klima- und Transformationsfonds.

Und Finnland?

Im Rettungsvertrag von 2022 hat sich Fortum etwas gesichert, das in den Schlagzeilen damals unterging: ein Vorkaufsrecht auf die schwedischen Anlagen von Uniper — Wasserkraft und Kernkraftbeteiligungen. Es gilt bis 2026. Im Frühjahr 2026 wurde berichtet, Fortum prüfe einen Rückkauf. Der Konzern nennt das Gerüchte und bestätigt, dass das Recht aktiv ist.

Finnland hat also das Gasgeschäft mit den Gazprom-Verträgen abgegeben und sich den ersten Zugriff auf die Wasserkraftwerke behalten. Ob das die neun Titel im Glücksranking erklärt, steht nicht im World Happiness Report. Passen würde es.

Kraftwerk Wilhelmshaven mit Schornstein und Hafenanlagen an der Jade

Foto: Standort Wilhelmshaven — hier soll die 200-Megawatt-Elektrolyse entstehen — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / JoachimKohler-HB

Was das mit unserer Petition zu tun hat

Uniper ist an einer Stelle gescheitert, die in keiner Bilanz steht: Das Geschäft hing an einer Lieferung, über die ein anderer entschied. Als die ausblieb, blieben die Verpflichtungen — und am Ende die 13,5 Milliarden aus dem Bundeshaushalt.

Erzeugung, die hier steht, hat diesen Vertragspartner nicht. Wind- und Solaranlagen in Deutschland liefern, ohne dass jemand den Hahn zudrehen kann. Ihr Problem ist ein anderes: An vielen Stunden im Jahr steht mehr Strom an, als im Netz untergebracht werden kann. Dann regeln die Netzbetreiber Anlagen ab — der Strom wird nicht erzeugt, die Anlagenbetreiber werden entschädigt, und diese Entschädigung steht in den Netzentgelten. Bezahlt wird sie über die Stromrechnung, von allen.

Für diesen Fall gibt es seit 2024 einen Paragrafen im Energiewirtschaftsgesetz: § 13k EnWG, kurz „Nutzen statt Abregeln". Er erlaubt den umgekehrten Weg — in genau diesen Stunden zusätzlichen Verbrauch zuzuschalten, statt Erzeugung abzuregeln. Der Paragraf steht, angewendet wird er bisher nur in engen Grenzen.

Unsere Petition zielt deshalb auf eine Festlegung der Bundesnetzagentur, die das Preissignal an die Verbrauchsorte durchreicht: an die Schnellladesäule an der Autobahn und an die Wallbox in der Garage gleichermaßen, und über Ladepunkte im Quartier auch für die rund 20 Millionen Mieterinnen und Mieter ohne eigenen Stellplatz.

Die Botschaft dazu ist bewusst schmal gehalten: In den Stunden, in denen heute Windräder abgeregelt werden, kostet Laden nichts. Nicht immer und nicht bei jedem negativen Börsenpreis — in den Abregelungsstunden. Dort steht der vermiedene Eingriff als Gegenrechnung dagegen, und deshalb finanziert sich die Sache im System selbst: Erstattet wird über den Übertragungsnetzbetreiber, nicht aus dem Bundeshaushalt, und der Ladepunktbetreiber streckt den Betrag bis zur Erstattung vor.

Jede Kilowattstunde, die so in eine Abregelungsstunde wandert, ersetzt außerdem einen Anteil Gasverstromung. Das ist der leise Teil der Rechnung: weniger Gasbedarf im Stundenmix heißt weniger Anlass für den nächsten Rettungsschirm.

Ob das glücklich macht, steht in keinem Report. Den Strom zu nutzen, der hier ohnehin erzeugt werden könnte, wäre immerhin ein Anfang.

Petition zeichnen · Hintergrund-Dokument · Woher das Gas in der Heizung kommt

Mehr aus dieser Reihe: Der größte Gasspeicher des Landes ist zu neun Prozent gefüllt · Die Dreißig-Prozent-Grenze · Von 0,59 auf 2,99 und zurück auf null · Der Klimafonds zahlt jetzt das Gas

Du willst „Nutzen statt Abregeln"?

Zeichne die Petition — jede Stimme zählt. Wir brauchen sie schnell, bevor der Tankrabatt verlängert und unser Vorschlag übersehen wird.

Petition zeichnen →

Was sagst du dazu?

Widerspruch, Ergänzung, eine Zahl, die nicht stimmt, eine Frage, die offen bleibt — schreib es uns. Wir lesen jede Rückmeldung, und sie ändert unsere Texte.

Deine Rückmeldung bezieht sich auf
Warum die Finnen die glücklichsten Menschen der Welt sind
https://ladefreun.de/blog/11-uniper-bad-bank/
0 / 4000

Die Rückmeldung geht als E-Mail an uns, zusammen mit dem Titel dieses Beitrags. Name und Adresse sind freiwillig; ohne Adresse können wir nicht antworten. Kommen zu einem Beitrag mehrere gehaltvolle Rückmeldungen zusammen, fassen wir den fachlichen Austausch daraus sinngemäß zusammen und stellen ihn unter den Beitrag — ohne Namen, ohne Adressen, ohne Datum. Wenn du das nicht möchtest, schreib es dazu. Geht das Formular nicht, schreib direkt an feedback@ladefreun.de.

Angekommen — danke. Wir lesen mit, und wenn du eine Adresse hinterlassen hast, melden wir uns.

Newsletter abonnieren? Hier auf der Startseite mit deiner E-Mail-Adresse.