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Duck Curve & Großspeicher — die Ente, der Akkudoktor und 159 GWh fahrender Speicher

12. Mai 2026 7 min Lesezeit Ladefreunde-Blog
Grid-Scale-Batteriespeicher in Containerbauweise — die Antwort, die die Welt auf die Duck Curve gefunden hat

Foto: Batteriespeicher-Anlage Theiss, via Wikimedia Commons — CC BY 4.0

Warum eigentlich Negativpreise?

Wir fordern, dass öffentliche Schnellladesäulen in Negativpreis-Stunden kostenlos werden — über eine zeitliche Erweiterung des §13k EnWG. Damit das Wort „Negativpreis-Stunde" überhaupt eine Bedeutung hat, muss verstanden werden, warum es sie gibt. Die Geschichte heißt Duck Curve. Die Antwort, die die Welt schon hat, heißt Großspeicher. Die Antwort, die in Deutschland gerade kämpft, heißt Heim-Akku. Die Antwort, die schon da steht, aber nicht angeschlossen ist, heißt E-Auto-Batterie. Genau das machen wir sichtbar.

Eine kurze Geschichte der Ente

2008. Ein junger Forscher am National Renewable Energy Laboratory in Colorado, Paul Denholm, sitzt vor seinen Modellen. Er fragt sich, was passiert, wenn man die wachsende Photovoltaik-Einspeisung von Kalifornien in den Stromsystem-Lastgang rechnet. Was er findet, ist nicht spektakulär, es ist logisch: mittags, wenn die Sonne sengt, sinkt die Rest-Last — also das, was konventionelle Kraftwerke noch liefern müssen — auf ein Niveau, das vorher nie da war. Abends, wenn die Sonne weg ist und das Land aus der Arbeit nach Hause fährt, springt sie wieder hoch.

Die Mathematiker:innen nennen das einen Lastgang mit hohem Gradient. Die Ingenieur:innen sagen: steile Rampen. Niemand sieht eine Ente.

2013. Beim California Independent System Operator (CAISO) zeichnet jemand das gleiche Diagramm — diesmal mit echten Daten aus 2012/2013/2020-Prognose übereinandergelegt. Die Linie aus 2020 hat einen tiefen Bauch um die Mittagszeit, einen langen Hals nach oben am Abend, und einen Schnabel am frühen Morgen. Eine Ente.

So wird aus einem nüchternen Forschungs-Papier ein Begriff, den heute jede:r Strom-Markt-Praktiker:in kennt: die Duck Curve.

2025. EPRI, das amerikanische Strom-Forschungs-Institut, meldet: aus der Ente ist mittlerweile eine Schlucht geworden. Der Bauch ist so tief, dass das System mittags an manchen Tagen mehr Solar-Strom hat, als es im selben Moment irgendwo unterbringen kann. California 2024: über 50 % der Netzlast mittags aus PV.

Was vor 17 Jahren ein abstraktes Diagramm war, ist heute der tägliche Stresstest am Strommarkt — auch in Deutschland. 573 Negativpreis-Stunden 2025 sind genau dieselbe Ente, nur ohne Vornamen.

Kalifornien hat die Antwort — im Betrieb

Dass Großspeicher den Mittagsbauch der Ente abräumen, ist längst keine Theorie mehr. Kalifornien fährt seine Abendspitze inzwischen zeitweise mehrheitlich aus Batterien, die mittags den Solar-Überschuss aufgenommen haben — mit harten Betriebszahlen und Rekordtagen aus 2024.

Diese konkrete Fallstudie — was Kalifornien aus dem Mittag-zu-Abend- Hub praktisch gemacht hat — haben wir in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben: California Dreaming — wie der Tageshub aus Mittag Abend macht. Hier bleiben wir bei der Frage, warum die Kurve so aussieht und wie schnell der Speicher anderswo gebaut wurde.

Down Under

South Australia, September 2017. Das Stromnetz im südlichsten Bundesstaat hatte gerade einen mehrtägigen Blackout hinter sich. Die politische Frage war: Atomkraft zurück (oder ja erstmals)? Mehr Kohle? Mehr Gas? Oder etwas Neues?

Mike Cannon-Brookes (Atlassian) twittert. Elon Musk antwortet. „100 Tage. Wenn nicht geschafft, ist sie geschenkt." Vertragsunterzeichnung mit ElectraNet am 29. September 2017. Hornsdale Power Reserve: 100 MW Leistung, 129 MWh Kapazität, ko-lokiert mit dem Hornsdale-Windpark.

40 Tage vor Frist am Netz.

Die ersten 12 Monate sparten den südaustralischen Netzbetreibern rund 50 Mio. AUD ein — vor allem an der schnellen Frequenzregelung (FCAS). 2020 wurde Hornsdale auf 150 MW / 194 MWh erweitert.

Victorian Big Battery (Geelong, 2021): 300 MW / 450 MWh — doppelt so groß wie Hornsdale. Waratah Super Battery (NSW, 2025): 850 MW / 1.680 MWh — das ist die Anschlussleistung von 1,5 Atomkraftwerken, erbracht von einer Anlage, die in unter zwei Jahren gebaut wurde.

In Australien dauert von der Idee bis zum Akku im Netz heute kürzer als der durchschnittliche deutsche Anschluss-Genehmigungs-Prozess.

Wo steht Deutschland?

April 2026. Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber haben Anschluss-Anträge für rund 720 Gigawatt Großspeicher auf dem Tisch. Allein EON meldet 330 GW. Zum Vergleich: die installierte deutsche Erzeugungs-Spitzenlast liegt bei rund 90-100 GW. Wir reden über das Sieben- bis Achtfache des heutigen Bedarfs, das jemand bauen will.

Was ist passiert? Ein Boom hat sich vor uns aufgebaut. Negativpreis- Stunden in Wachstum (2024: 457 h, 2025: 573 h, 2026 läuft auf Rekord), KI-Stromhunger, Sektorkopplung, fallende Akku-Preise — die Ökonomie für Speicher kippt vom roten in den schwarzen Bereich.

Das alte Verfahren — Windhund, wer zuerst sich meldet — wurde 2007 für ungefähr zehn Kraftwerks-Anschluss-Anträge pro Jahr gemacht. Jetzt sind es Hunderte pro Monat. Am 1. April 2026 löst die Bundesnetzagentur das Windhund-Verfahren ab durch ein Reifegrad-Verfahren: Flächensicherung, Genehmigungs-Fortschritt, System-Kompatibilität, Bonität müssen nachgewiesen werden. Das soll die Spreu vom Weizen trennen.

Tatsächlich gebaut wird parallel. Q1/2026: knapp 2 GWh neu am Netz. Projektion für das Gesamtjahr: 8-10 GWh. BSW-Solar und klimareporter sprechen vom „Gamechanger". Der Großspeicher kommt in Deutschland an — mit Verzögerung gegenüber Australien und Kalifornien, aber er kommt.

Parallel kämpft eine zweite Bewegung um eine andere Speicher-Ebene. Andreas Schmitz, bekannt als Akkudoktor, hat im Februar 2025 eine Bundestags-Petition (Nummer 177835) eingereicht — für den netz- und systemdienlichen Betrieb von Kleinspeichern. Sein Punkt: 15 GWh stehen schon in deutschen Kellern und an deutschen Hauswänden, sie würden gerne dem Netz helfen — die Regulierung lässt sie nicht. Smart- Meter-Light, Markt-Transparenz, Bürokratie-Abbau hat er gefordert.

Und dann ist da die dritte Ebene. Die, an der wir, die Ladefreunde, arbeiten. Zwei Millionen zugelassene E-Autos in Deutschland, im Mittel 60 kWh Akku — das sind 120 GWh elektrochemischer Speicher auf deutschen Straßen. Mit Plug-in-Hybriden zusammen rund 159 GWh. Das ist das Drei- bis Vierfache aller deutschen Pumpspeicher zusammen (40 GWh) und das 14- bis 19-Fache vom Goldisthal-Pumpspeicher (8,5 GWh). Bereits gebaut, bereits bezahlt, dezentral verteilt — wartet auf das Preissignal.

Drei Speicher, ein Mechanismus

Wer Energiewende ernst meint, denkt heute in drei Speicher-Säulen:

  1. Großspeicher am Netz — was die Profis bauen. Reform 1.4.2026, Pipeline 720 GW, 8-10 GWh dieses Jahr am Netz. Akkudoktor ist nicht diese Welt, wir auch nicht.
  2. Heimspeicher in 15 GWh Bestand — was der Akkudoktor frei kämpfen will. Bürokratie-Last, Netzdienlichkeit, Smart-Meter-Light.
  3. Mobile Speicher in 159 GWh Auto-Akkus — unsere Welt.

Alle drei brauchen dasselbe Preissignal: in der Stunde mit Negativpreis kostet die Kilowattstunde Null, in der Stunde mit Übersignal hat sie ihren Marktwert. Unsere Forderung — die zeitliche Erweiterung des §13k EnWG für öffentliche Schnellladesäulen und Großabnehmer-Anschlüsse — ist der Beitrag, der die dritte Säule in genau dieselbe Logik einbettet, in der die ersten beiden längst arbeiten.

Wir sind keine Konkurrenz zum Akkudoktor. Wir sind nicht im Wettbewerb mit den Großspeicher-Bauer:innen. Wir machen den Speicher sichtbar, der heute schon vor jeder Haustür steht und nur abends in seiner Garage auf das Marktsignal wartet.

Was du jetzt tun kannst

§13k EnWG-Erweiterung lebt davon, dass das Marktsignal in der Negativpreis-Stunde an Säule und Hof ankommt. Heute fließen jedes Jahr mehr als 9,4 TWh Wind- und Solarstrom ungenutzt weg — das wäre Strom für drei Millionen E-Autos ein Jahr lang. Wenn unser §13k-Vorschlag greift, fließt dieser Strom mittags an die Schnellladesäule und abends in jede Garage, in der ein Auto parkt.

Drei kleine Schritte, die heute zählen:

  1. Zeichne die Petition auf ladefreun.de — jede Stimme zählt, gerade jetzt, wo der Tankrabatt verlängert werden soll
  2. Erzähl jemandem davon — wir wachsen über Empfehlung, nicht über Werbung
  3. Schau bei Energy Charts vorbei — sieh in Echtzeit, wann gerade Negativpreis-Stunden laufen

Quellen & weiterführende Links

Du willst, dass §13k erweitert wird?

Zeichne die Petition — jede Stimme zählt. Wir brauchen sie schnell, bevor der Tankrabatt verlängert und unser Vorschlag übersehen wird.

Petition zeichnen →

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