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Ölreserven: wozu es sie gibt, wie groß sie sind und wie China sie gerade einsetzt

3. Oktober 2026 8 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Ölreserven: wozu es sie gibt, wie groß sie sind und wie China sie gerade einsetzt

Luftbild eines Mineralöltanklagers bei Wilhelmshaven

Foto: Mineralöltanklager bei Wilhelmshaven, dem Hauptstandort der deutschen Ölreserve — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 DE / Martina Nolte

Am 2. Oktober haben die G7-Staaten beschlossen, weitere 100 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte aus ihren Notvorräten auf den Markt zu bringen, verteilt über vier Monate und mit einem Schwerpunkt auf Diesel in den ersten 20 Tagen. Es ist die zweite Freigabe in diesem Jahr. Schon am 11. März hatten die 32 Mitgliedsländer der Internationalen Energieagentur (IEA) 400 Millionen Barrel zugesagt, die größte Freigabe seit Gründung der Agentur 1974. Wie viel Deutschland zur neuen Runde beisteuert, ist noch offen.

Was sind diese Reserven eigentlich, wie viel liegt da, und was können sie leisten?

Wozu es Ölreserven gibt

Die Pflichtvorräte sind eine Antwort auf die Ölkrise der 1970er Jahre. Wer der IEA angehört und Öl einführt, muss Vorräte im Umfang von mindestens 90 Tagen seiner Nettoeinfuhr halten. In der EU regelt das die Richtlinie 2009/119/EG: maßgeblich sind 90 Tage Nettoeinfuhr oder 61 Tage Inlandsverbrauch, je nachdem, welche Menge größer ist.

In Deutschland übernimmt diese Aufgabe der Erdölbevorratungsverband (EBV) in Hamburg, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Grundlage ist das Erdölbevorratungsgesetz von 1978, zuletzt 2012 neu gefasst. Pflichtvorräte gibt es hier schon seit 1966, die 90 Tage gelten für den EBV seit 1998.

Zum 31. Dezember 2025 hielt der EBV rund 19,7 Millionen Tonnen in Rohöl gerechnet:

Bestand EBV (31.12.2025) Mio. Tonnen Rohöläquivalent
Rohöl 10,8
Dieselkraftstoff 4,5
Ottokraftstoff 1,7
Heizöl EL 1,5
Kerosin (Jet A-1) 1,2
Summe 19,7

Mindestens 45 Prozent der Pflicht müssen als fertige Produkte lagern, damit im Ernstfall nicht erst eine Raffinerie dazwischen muss. Das Rohöl liegt größtenteils in Salzkavernen in Norddeutschland, das sind ausgespülte Hohlräume tief im Salzgestein. Der EBV betreibt eigene Kavernenspeicher in Wilhelmshaven-Rüstringen, Bremen-Lesum, Sottorf und Heide. Die Produkte lagern zu etwa drei Vierteln in oberirdischen Tanks, verteilt auf fünf Regionen, damit jeder Landesteil für mindestens 15 Tage eigene Vorräte hat.

Bezahlt wird das über einen Pflichtbeitrag, den Hersteller und Importeure auf jede Tonne Mineralölprodukt entrichten. Er liegt derzeit bei 3,56 Euro je Tonne, das sind rund 0,3 Cent je Liter. Die Unternehmen geben ihn über den Preis an die Kundschaft weiter. Damit deckt der EBV seine laufenden Kosten von rund 300 Millionen Euro im Jahr. Für den Ölbestand selbst stehen Kredite von rund 2,1 Milliarden Euro in den Büchern.

Wann die Reserven schon geöffnet wurden

Eine Freigabe in Deutschland braucht eine Verordnung des Bundeswirtschaftsministeriums. Sie erlaubt dem EBV, für eine bestimmte Zeit weniger zu halten, als das Gesetz vorschreibt. Die freigegebenen Mengen verkauft der EBV zu Marktpreisen an seine Mitgliedsunternehmen.

Das ist bisher in diesen Fällen geschehen:

Wie weit die Vorräte reichen

Deutschland hat 2024 netto rund 87,5 Millionen Tonnen Mineralöl eingeführt, das sind etwa 240.000 Tonnen am Tag. Die Abhängigkeit von Importen liegt bei 98 Prozent.

Menge Tonnen reicht etwa für
Nettoeinfuhr pro Tag (2024) 240.000 1 Tag
Freigabe März 2022 434.000 knapp 2 Tage
Freigabe März 2026 600.000 2,5 Tage
deutsche IEA-Zusage 2026 rund 2,6 Mio. rund 11 Tage
gesamter EBV-Bestand 19,7 Mio. gut 80 Tage

Dass der volle Bestand nach dieser Rechnung gut 80 und nicht 90 Tage ergibt, hat einen einfachen Grund: Das Gesetz rechnet Naphtha für die Chemie und Treibstoff für Seeschiffe aus der Bezugsmenge heraus.

Auch weltweit ist das Bild ähnlich. Durch die Straße von Hormus liefen 2025 laut IEA im Schnitt 20 Millionen Barrel am Tag, ein Viertel des Öls, das über See gehandelt wird. Die 400 Millionen Barrel aus dem März ersetzen also rund 20 Tage dieses Stroms. Die IEA-Länder halten insgesamt gut 1,2 Milliarden Barrel in staatlichen Vorräten und weitere 600 Millionen Barrel als Pflichtbestände der Industrie.

Wie China seine Reserven einsetzt

China ist der größte Ölimporteur der Welt und hat in den vergangenen Jahren die größten Vorräte aufgebaut. Wie groß sie genau sind, veröffentlicht Peking nicht. Alle Zahlen dazu sind Schätzungen.

Die US-Energiebehörde EIA schätzt, dass China im Jahr 2025 im Schnitt rund 1 bis 1,1 Millionen Barrel am Tag zusätzlich eingelagert hat. Das fiel in eine Zeit niedriger Preise: Brent kostete 2025 im Mittel 69 Dollar je Barrel. Ende 2025 lagen die chinesischen Vorräte nach EIA-Schätzung bei knapp 1,4 Milliarden Barrel, davon etwa 360 Millionen in staatlicher Hand und rund eine Milliarde in Beständen der Ölkonzerne, die der Staat zur Vorratshaltung verpflichtet.

Vorräte Ende 2025 (Schätzung EIA) Mio. Barrel
China, staatlich und kommerziell knapp 1.400
USA, staatliche Reserve 413
Japan, staatlich 263
zum Vergleich: Deutschland, EBV rund 145 (umgerechnet)

Seit der Sperrung der Straße von Hormus Ende Februar nutzt China diesen Puffer auf mehreren Wegen:

Analysten des Datendienstes Vortexa schätzen außerdem, dass Elektroautos den Kraftstoffbedarf in China im zweiten Quartal um rund 1 Million Barrel am Tag gesenkt haben. Das ist ein Puffer anderer Art: einer, der nicht aufgefüllt werden muss.

Was Reserven leisten und was nicht

Ölreserven kaufen Zeit. Sie überbrücken Wochen, in denen Schiffe umgeleitet, Lieferverträge neu geschlossen und Raffinerien umgestellt werden. Das ist ihr Zweck, und dafür funktionieren sie.

Die Abhängigkeit verringern sie nicht. Jedes freigegebene Barrel fehlt danach im Lager. Die deutsche Freigabeverordnung ist Ende August ausgelaufen, damit gilt für den EBV wieder die volle Vorratspflicht. Was er im Frühjahr zu Marktpreisen verkauft hat, muss er zu Marktpreisen wieder einkaufen, finanziert über den Beitrag auf jeden Liter. Brent lag am 2. Oktober bei rund 100 Dollar je Barrel.

China hat seine Vorräte gefüllt, als Öl billig war, und kann jetzt auf Einkäufe verzichten. Europa gibt Vorräte ab, während der Preis hoch ist, und muss später nachkaufen. Beides verschiebt den Zeitpunkt des Einkaufs. Keines von beiden ändert, dass das Öl aus dem Ausland kommt.

Strom aus Wind und Sonne wird im Land erzeugt. An vielen Tagen gibt es davon mehr, als abgenommen wird, und Anlagen werden abgeregelt. Wer diesen Strom ins Auto lädt, braucht dafür kein Lager, das nach der Krise wieder aufgefüllt werden muss.

Quellen

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