Erst die Dächer, dann die Felder
Erst die Dächer, dann die Felder
In einem Dokument, über das gerade kaum jemand redet, steht eine Zahl, die für die nächsten zwanzig Jahre etwas festlegt. Die Übertragungsnetzbetreiber haben der Bundesnetzagentur ihren Szenariorahmen zum Netzentwicklungsplan vorgelegt — die Annahmenliste, mit der das Stromnetz bis 2045 geplant wird. Zur Photovoltaik steht dort: Im Jahr 2045 verteilt sich die installierte Leistung zu gleichen Teilen auf Dächer und auf freie Flächen. In allen drei Szenarien identisch.
Heute stehen knapp 70 Prozent der Anlagen auf Dächern. Fast die Hälfte dessen, was 2025 neu dazukam, stand auf dem Feld. Die Annahme schreibt diesen Trend fort, bis beide Segmente gleich groß sind.
Foto: Eine Anlage auf einem Wohnhausdach — die Fläche ist schon da, das Baurecht auch — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Jürgen Striewski
Ich halte diese Annahme für falsch, und zwar nicht ein bisschen, sondern in der Richtung. Solange Dächer und Parkplätze leer sind, hat eine Freiflächenanlage auf einem Acker die schlechtere Begründung.
Worum es nicht geht
Nicht um weniger Photovoltaik. Wir brauchen jede Kilowattstunde, die wir bekommen können, und wir brauchen sie schnell. Die Frage ist nicht, ob gebaut wird, sondern wo zuerst. Und diese Frage entscheidet sich gerade in einem Verfahren, das nicht in der Zeitung steht.
Der Grund, der alle anderen schlägt: Zeit
Eine Freiflächenanlage braucht einen Bebauungsplan, eine Gemeindevertretung, oft eine Bürgerversammlung und manchmal eine Klage. Ein Dach braucht einen Handwerker und einen Zählerschrank.
Der Szenariorahmen nennt den Flächenbedarf der Freiflächenanlagen selbst als Nachteil und schreibt, Dachanlagen benötigten „keine zusätzlichen Flächen" und ermöglichten „häufig eine verbrauchsnahe Nutzung des erzeugten Stroms". Dann zieht er daraus nichts.
Dabei ist die Akzeptanz vor Ort längst die bindende Grenze des Ausbautempos. Nicht die Technik, nicht der Preis, nicht die Lieferzeit der Module. Jeder Hektar, um den im Dorf gestritten wird, kostet Jahre, die ein Dach nicht kostet. Und jeder dieser Streitfälle kostet noch etwas anderes: Zustimmung. Wer die Energiewende auf dem Feld gegen die Nachbarn durchsetzt, verliert sie irgendwo anders.
Foto: Überdachte Parkflächen — versiegelt, verbrauchsnah, und im Szenariorahmen kommen sie nicht vor — via Wikimedia Commons — CC0 / Wikideas1
Die Fläche, die niemand vermisst
Über Dächer wird viel geredet. Über Parkplätze zu wenig. Die Fläche ist versiegelt, sie gehört meistens einem einzigen Eigentümer, sie liegt neben dem Verbrauch — und unter der Überdachung steht in vielen Fällen genau das Gerät, das den Strom aufnehmen könnte.
Mehrere Bundesländer haben inzwischen eine Pflicht zur Überdachung großer Parkplätze eingeführt. Im Szenariorahmen taucht diese Kategorie nicht auf: weder in der Aufteilung zwischen den Segmenten noch in der räumlichen Verteilung. Sie existiert in der Planung schlicht nicht.
Was für die Freifläche spricht — und wo es trotzdem hakt
Der Vollständigkeit halber, weil die Gegenseite gute Argumente hat: Eine Freiflächenanlage ist je Kilowattstunde billiger. Sie ist schneller gebaut, wenn das Planungsrecht steht. Sie ist in der Direktvermarktung längst Routine, und die Netzbetreiber haben Anfragen für Projekte in großer Zahl auf dem Tisch. Das steht auch alles so im Szenariorahmen, und es stimmt.
Foto: Solarpark an der A72 bei Borna — auf einem Randstreifen, um den niemand streitet — via Wikimedia Commons — CC0 / Tom-bna
Nur: Billiger je Kilowattstunde ist nicht dasselbe wie billiger für das System. Strom vom Feld muss transportiert werden, Strom vom Dach oft nur bis in den Keller. Der Netzausbau, den der erste braucht, taucht in seinem Preis nicht auf — er landet im Netzentgelt, und das zahlen alle.
Und es gibt einen Zwischenweg, der beides kann: Randstreifen an Autobahnen und Schienen, Deponien, Konversionsflächen, Parkplätze — und die Agri-Photovoltaik, bei der unter den Modulen weiter geerntet wird.
Foto: Agri-Photovoltaik auf dem Hof Heggelbach — die Fläche wird zweimal genutzt — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Tobi Kellner
Warum das Dach trotzdem schwerer ist
Man muss sagen, woran es hängt, sonst wird aus der Position eine Behauptung.
Das Dach ist teurer je Kilowattstunde. Es braucht Handwerker, und die sind knapp. Es braucht einen Netzanschluss im Verteilnetz, und der ist mancherorts das eigentliche Nadelöhr. Und bei Mehrparteienhäusern kommt die Frage dazu, die uns seit Monaten beschäftigt: Wem gehört der Strom, wenn zwölf Parteien unter einem Dach wohnen, und über welchen Zähler läuft er?
Das sind lösbare Probleme. Aber sie werden nicht dadurch gelöst, dass man in der Planung stattdessen mit dem Feld rechnet.
Was wir daraus gemacht haben
Wir haben zu diesem Verfahren eine Stellungnahme geschrieben. Zur Photovoltaik regen wir drei Dinge an: den Anteil der Dachanlagen deutlich über 50 Prozent ansetzen und den Freiflächenpfad anteilig entsprechend kürzen, bei unverändertem Gesamtziel. Überdachte Parkflächen als eigene Kategorie führen. Und die Aufteilung als eigene Sensitivität ausweisen, damit sichtbar wird, wie stark sie auf den Netzausbau durchschlägt.
Die Frist läuft bis zum 28. September. Die Unterlagen liegen bei der Bundesnetzagentur öffentlich aus, und schreiben darf jede und jeder.
Der Satz, auf den es hinausläuft
Es sind genug Flächen da. Sie sind nur schwerer zu erschließen als ein Acker, weil an einem Dach ein Eigentümer hängt, an einem Parkplatz ein Betreiber und an einem Mehrparteienhaus zwölf Meinungen. Das ist Arbeit. Aber es ist die Arbeit, die keine Zustimmung verbraucht — und Zustimmung ist der Rohstoff, von dem wir am wenigsten haben.
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Erst die Dächer, dann die Felder
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