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Womit Siemens Energy sein Geld verdient

11. August 2026 9 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Womit Siemens Energy sein Geld verdient

„Siemens Energy ist ein führender Anbieter regenerativer Energien." So oder ähnlich fiel der Satz dieser Tage im Radio. Er klingt harmlos und ist es nicht ganz. Wir haben nachgesehen, was der Geschäftsbericht sagt.

Das Ergebnis vorweg: Der Satz ist nach einer Kennzahl vertretbar und nach allen anderen irreführend.

Montage einer Siemens-Gasturbine in der Werkshalle

Foto: Gasturbine in der Montage — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Siemens Pressebild

Die vier Geschäftsbereiche

Siemens Energy hat vier Segmente. Gas Services baut und wartet Gas- und Dampfturbinen. Grid Technologies liefert Netztechnik, also Transformatoren, Schaltanlagen, Gleichstromverbindungen. Transformation of Industry macht Kompressoren, Industriedampfturbinen und Elektrolyse. Und Siemens Gamesa baut Windkraftanlagen.

Für das Geschäftsjahr 2025, das am 30. September 2025 endete, stehen die Zahlen im Geschäftsbericht auf Seite 195. In Millionen Euro:

Segment Umsatz Gewinn vor Sondereffekten Freier Mittelzufluss
Grid Technologies 11.305 +1.791 +2.757
Gas Services 12.198 +1.580 +3.240
Transformation of Industry 5.723 +646 +686
Siemens Gamesa (Wind) 10.375 −1.364 −1.754
Konzern 39.077 2.355 4.663

Damit ist die Radioaussage geprüft.

Wo sie zutrifft: Das Windgeschäft steht für gut ein Viertel des Konzernumsatzes — 10,4 von 39,1 Milliarden Euro. Siemens Gamesa gehört zu den größten Windturbinenherstellern der Welt. Wer das Unternehmen einen großen Anbieter erneuerbarer Energietechnik nennt, sagt nichts Falsches.

Wo sie in die Irre führt: Verdient wird damit nichts. Das Windgeschäft ist das einzige Segment mit einem Verlust — 1,364 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2025. Und es hat 1,754 Milliarden Euro an Mitteln verbraucht, während der Konzern insgesamt 4,663 Milliarden erwirtschaftete.

Anders gerechnet: Ohne das Windgeschäft hätte der Konzern rund vier Milliarden Euro verdient statt 2,355 Milliarden.

Der Trend geht in die richtige Richtung

Dazu gehört die Gegenbewegung, und sie ist deutlich.

Im Geschäftsjahr 2024 lag der Verlust bei Siemens Gamesa noch bei 1,781 Milliarden Euro, 2025 bei 1,364 Milliarden. Im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2026 schrieb die Sparte erstmals seit 2022 wieder schwarze Zahlen: 75 Millionen Euro Gewinn, nach einem Verlust von 438 Millionen im Vorjahresquartal. Die Auftragseingänge stiegen 2025 um 29 Prozent auf 9,3 Milliarden Euro.

Für das laufende Geschäftsjahr plant das Unternehmen bei Siemens Gamesa mit einer Marge am Break-even — also mit einer schwarzen Null. Zum Vergleich die eigenen Planwerte für die anderen Bereiche: Gas Services 14 bis 16 Prozent, Grid Technologies 16 bis 18 Prozent, Transformation of Industry 11 bis 13 Prozent.

Das Unternehmen selbst rechnet für sein Windgeschäft also mit einer Rendite von null, während es anderswo mit dem Sechzehnfachen plant.

Windkraftanlage vom Typ Siemens Gamesa SG 6.6-155 in Nortorf in der Wilstermarsch

Foto: Siemens-Gamesa-Anlage SG 6.6-155 in der Wilstermarsch — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Windkraftfan SH

Was der Konzern über seinen Wachstumstreiber schreibt

Jetzt zum interessanten Teil. Man muss den Geschäftsbericht nicht interpretieren — er sagt es selbst.

Gleich im Brief des Vorstands an die Aktionäre steht, was das Wachstum beschleunigt hat: der weltweite Anstieg der Stromnachfrage, getrieben von der Elektrifizierung ganzer Industrien und, wörtlich, „dem sprunghaften Anstieg von Rechenzentren für künstliche Intelligenz".

Rechenzentren tauchen im Bericht an mehr als einem Dutzend Stellen auf. In der Marktanalyse heißt es, der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren werde sich bis 2030 voraussichtlich verdoppeln.

Der Auftragseingang bei Gas Services stieg im Geschäftsjahr 2025 um 43 Prozent auf 22,996 Milliarden Euro. 194 Gasturbinen wurden verkauft. Der Marktanteil bei Gasturbinen über 10 Megawatt liegt bei 31 Prozent. Der Auftragsbestand des Konzerns erreichte zum Geschäftsjahresende 138 Milliarden Euro und lag Ende Juni 2026 bei 162 Milliarden. Die Montagekapazität für Industriegasturbinen wurde von 50 auf 80 Stück pro Jahr erhöht. Nach Angaben aus dem Unternehmen entfällt inzwischen etwa ein Viertel des Gasturbinen-Auftragsbestands auf Rechenzentren.

Am aufschlussreichsten ist das Risikokapitel. Dort steht als Risiko, dass die Stromnachfrage aus Rechenzentren nachlassen könnte — insbesondere, wenn die großen Cloud-Anbieter ihre Investitionen in Energieinfrastruktur zurückfahren. Ein Unternehmen führt in seinem Risikobericht auf, was seinem Geschäft gefährlich werden kann. Dass dort die KI-Rechenzentren stehen, beschreibt die Lage genauer als jede Kennzahl.

Serverreihen in einem Rechenzentrum

Foto: Serverreihen in einem Rechenzentrum — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / BalticServers.com

Eine Zahl, die kaum jemand erwähnt

Im selben Geschäftsjahr fielen die Auftragseingänge aus Deutschland von 9,665 auf 3,456 Milliarden Euro — ein Minus von 64 Prozent. Die Aufträge aus den Vereinigten Staaten stiegen von 10,233 auf 17,015 Milliarden, ein Plus von 66 Prozent.

Ein deutscher Konzern wächst also mit Turbinen für den amerikanischen Markt, während der Heimatmarkt einbricht.

Und die Forschungsgelder?

Eine naheliegende Vermutung lautet, das Windgeschäft hänge am Subventionstropf. Die Zahlen geben das nicht her.

Der Konzern wies für 2025 Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen von 1,210 Milliarden Euro aus, praktisch unverändert gegenüber dem Vorjahr — rund drei Prozent vom Umsatz.

Staatliche Zuwendungen erhielt das Unternehmen im selben Jahr in Höhe von 16 Millionen Euro für Sachanlagen und weiteren 153 Millionen für angefallene und künftige Kosten, überwiegend für Werkserweiterungen und neue Standorte. Macht zusammen 169 Millionen Euro bei 39,1 Milliarden Umsatz — gut vier Promille.

Der weitaus größere staatliche Beitrag war ein anderer und liegt zwei Jahre zurück. Im November 2023 übernahm der Bund eine Rückgarantie über 7,5 Milliarden Euro für eine Garantielinie von 11 Milliarden, weil das Projektgeschäft Bürgschaften braucht und die Windsparte die Bilanz belastete. Diese Garantie kostete keine Haushaltsmittel, sie ermöglichte Aufträge.

Im Juni 2025 hat Siemens Energy sie vorzeitig abgelöst. An ihre Stelle trat ein Konsortium von 23 Banken, das für neun Milliarden Euro einsteht, ohne Rückgriff auf den Staat. Die damit verbundene Dividendensperre fiel weg; für 2025 wurden 70 Cent je Aktie ausgeschüttet.

Das ist der seltene Fall einer staatlichen Stützung, die zurückgegeben wurde, bevor sie fällig wurde.

Vom Beinahe-Absturz zum DAX-Schwergewicht

Die Kursgeschichte gehört dazu, weil sie zeigt, wie schnell sich die Lage gedreht hat.

Siemens Energy wurde 2020 von Siemens abgespalten und ging mit einem Startkurs von 22,01 Euro an die Börse; der Konzern war damit rund 16 Milliarden Euro wert.

Am 26. Oktober 2023 verlor die Aktie an einem einzigen Tag 35 Prozent und schloss bei 6,87 Euro, im Tagesverlauf war sie bis auf 6,40 Euro gefallen. Auslöser war die Nachricht, dass der Konzern mit dem Bund über Milliardengarantien verhandelte. Der Auftragsbestand lag da schon über 100 Milliarden Euro — und genau das war das Problem: Für die Abwicklung solcher Aufträge braucht man Bürgschaften, und die Banken wollten das Risiko bei angeschlagener Bonität nicht allein übernehmen.

Ende der Geschichte, Stand 11. August 2026: Die Aktie notiert bei rund 157 Euro, das Rekordhoch lag bei 191,66 Euro. Der Konzern ist damit etwa 126 bis 131 Milliarden Euro wert und hat im DAX die dritthöchste Gewichtung — hinter SAP und der früheren Muttergesellschaft Siemens. Allein im laufenden Jahr legte der Kurs um rund 47 Prozent zu.

Vom Tief im Oktober 2023 aus hat sich der Kurs damit etwa verfünfundzwanzigfacht.

Die Reihenfolge ist bemerkenswert. Der Staat übernahm das Risiko in dem Moment, in dem niemand sonst es übernehmen wollte. Gezogen wurde die Garantie nie, der Bund verlor keinen Cent, und Siemens Energy zahlte dafür Gebühren. Aber die Wertsteigerung, die danach kam, liegt bei den Aktionären.

Eine Personalie, die für Streit sorgte

Ein zweiter Vorgang gehört in dieses Bild, weil er die Nähe zwischen Energiepolitik und Energietechnik betrifft.

Am 26. Februar 2024 wurde die Ökonomin Veronika Grimm in den Aufsichtsrat von Siemens Energy gewählt. Grimm gehört zugleich dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an — den sogenannten Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten. Der fachliche Schwerpunkt liegt dort auf Energiemärkten und deren Modellierung; hinzu kommen Sitze in mehreren energiepolitischen Beratungsgremien, darunter der Nationale Wasserstoffrat.

Die übrigen Mitglieder des Sachverständigenrats hielten beides für unvereinbar und forderten eine Entscheidung für eines der beiden Mandate. Die Ratsvorsitzende Monika Schnitzer bestätigte das öffentlich. Ein Rat, der eines seiner Mitglieder öffentlich zum Rückzug auffordert, ist ein ungewöhnlicher Vorgang.

Ungewöhnlich war auch die Abstimmung selbst: Die Siemens AG als Großaktionärin stimmte gegen die Wahl. Gewählt wurde Grimm dennoch, mit rund 76 Prozent der Stimmen. Die Vergütung für das Mandat liegt bei mindestens 120.000 Euro im Jahr, zuzüglich Zulagen für Ausschussarbeit.

Grimm hat beide Ämter behalten und war auch im Frühjahr 2026 noch Mitglied des Sachverständigenrats. Das Aufsichtsratsmandat wurde als passives Mandat beschrieben.

Die Organisation LobbyControl hält dem entgegen, dass hier jemand die Bundesregierung in Energiefragen berät und zugleich finanzielle Interessen in einem Unternehmen hat, das von genau diesen Entscheidungen betroffen ist.

Belegen lässt sich, dass beide Rollen bestehen und dass der Konflikt im Sachverständigenrat offen ausgetragen wurde. Ob und wie sich das auf einzelne Empfehlungen ausgewirkt hat, lässt sich von außen nicht feststellen.

Der Punkt für unser Thema ist ein struktureller: Wer über Wasserstoff, Gaskraftwerke und Netzausbau berät, berät über die Absatzmärkte genau der vier Segmente, die weiter oben in der Tabelle stehen.

Was von dem Radiosatz bleibt

Der Konzern selbst legt all das offen. Die Verluste der Windsparte stehen in der Segmenttabelle, die Rechenzentren stehen im Vorstandsbrief, das Klumpenrisiko steht im Risikokapitel. Was schiefgeht, geschieht danach — bei der Verkürzung auf eine Zuschreibung, die ein Unternehmen zum Gesicht der Energiewende macht, dessen Erträge aus Gasturbinen und Netztechnik stammen.

Genauer wäre: Siemens Energy ist ein großer Hersteller von Windkraftanlagen und verdient sein Geld mit anderem.

Warum uns das beschäftigt

Weil hier zwei Entwicklungen aufeinandertreffen, die zusammengehören.

Auf der einen Seite entsteht neue Stromnachfrage in einer Größenordnung, die das System verändert — Rechenzentren, deren Verbrauch sich bis 2030 verdoppeln soll. Auf der anderen Seite werden in Deutschland jedes Jahr mehr als neun Terawattstunden Wind- und Solarstrom abgeregelt, weil in genau den Stunden, in denen er anfällt, zu wenige Abnehmer da sind.

Es werden also gleichzeitig neue Gasturbinen bestellt und vorhandene Kilowattstunden weggeworfen. Der Unterschied zwischen beidem ist keine Frage der Erzeugung, sondern eine Frage des Zeitpunkts.

Darum geht es uns. In den Stunden, in denen Strom im Überfluss vorhanden ist und an der Börse weniger als nichts kostet, sollen die preisunabhängigen Aufschläge an öffentlichen Schnellladesäulen ruhen — damit dieser Strom genutzt wird, statt abgeregelt zu werden. Ein Elektroauto, das dann lädt, braucht keine zusätzliche Erzeugung. Es braucht nur ein Signal, das unten ankommt.

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