Wir wissen, wo es brennt. Nicht, wer es anzündet.
Europa kann jedes Feuer sehen. Aus dem Orbit, nahezu in Echtzeit, mit Flächenangabe und Ausbreitungsrichtung. Löschflugzeuge werden über Ländergrenzen hinweg koordiniert, die Daten laufen in einer gemeinsamen Datenbank zusammen.
Bei der Frage, wer die Feuer legt, hört das auf.
Foto: Waldbrand auf Euböa. Aufnahme aus einem früheren Jahr. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Falk2
Erst die Größenordnung
Die europäische Waldbrand-Datenbank EFFIS beim Gemeinsamen Forschungszentrum der EU-Kommission, Datenstand 30. Juli 2026, EU-weit seit Jahresbeginn:
| 2026 | 2025 (bisheriger Höchstwert) | Mittel der letzten 20 Jahre | |
|---|---|---|---|
| Verbrannte Fläche | 434.976 ha | 346.836 ha | 172.186 ha |
| Erfasste Brände | 1.407 | 1.467 | 632 |
| CO2 aus Bränden | 17,98 Mt |
Rund die zweieinhalbfache Fläche des langjährigen Mittels — erreicht vor August, dem historisch zerstörerischsten Monat. 2025 endete EU-weit über einer Million Hektar.
Die Lage in den Ländern, Ende Juli und Anfang August: In Frankreich sind landesweit 116.085 Hektar zerstört, der Brand bei Bordeaux ist mit 42.000 Hektar der größte der Saison; 224.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, gut die Hälfte konnte zurück, die Bundeswehr half aus. Spanien verzeichnete den größten je registrierten Einzelbrand des Landes und mindestens vierzehn Tote; der nationale Notstand wurde nach Löscherfolgen wieder aufgehoben. In Griechenland brennt Westattika, mit einer Feuerfront von über zwölf Kilometern und fünf Toten. In der Türkei brennt es in sechs Provinzen. Über Frankreich und Spanien zusammen mussten mehr als 375.000 Menschen ihre Wohnungen und Ferienunterkünfte verlassen.
Damit die Einordnung stimmt, der Blick über Europa hinaus: In Kanada brannten Mitte Juli über 900 aktive Feuer, bei rund 3.100 Bränden im Jahr — ein großes Jahr, aber nicht das Rekordjahr; das bleibt 2023 mit rund 15 Millionen Hektar. In den USA waren es bis Mitte Juli knapp 40.000 Brände auf über 3,6 Millionen Acre, rund eine Million Acre über dem Zehnjahresmittel.
Was Fachleute als Treiber nennen
Spanische Waldbrandforscher benennen zwei Faktoren, die ineinandergreifen.
Der erste ist die Landflucht. Wo niemand mehr Feldränder mäht, Unterholz nutzt und Vieh weiden lässt, sammelt sich Brennmaterial an. Ganze Landstriche, die über Jahrhunderte offen gehalten wurden, wachsen zu.
Der zweite sind höhere Temperaturen, die dieses Material schneller austrocknen. Dazu kommt ein Wettermuster, das als besonders gefährlich gilt: erst feucht, dann sehr trocken. Erst wächst viel, dann verdorrt es. Die Dürre setzte 2026 zwei Monate früher ein als 2022.
Foto: Verbrannter Wald auf Thasos. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Neptuul
Und jetzt die Zahl
Nach Einschätzung der EU-Zivilschutz-Wissensplattform sind rund 95 Prozent der Waldbrände in Europa direkt oder indirekt von Menschen verursacht.
In der Auswertung für die Jahre 1998 bis 2007 verteilte sich das so:
- 51 Prozent vorsätzlich gelegt
- 44 Prozent durch Fahrlässigkeit oder Unfall: weggeworfene Zigaretten, außer Kontrolle geratenes Abbrennen, Funken von Landmaschinen, Stromleitungen, Lagerfeuer
Über die Hälfte also absichtlich. Eine Auswertung des Gemeinsamen Forschungszentrums führt als Motive für vorsätzliche Feuer unter anderem auf: Weideerneuerung, Vandalismus, Vergeltung gegen Privatpersonen oder Behörden, Konflikte um Landnutzung.
Das ist eine erstaunliche Verteilung, gemessen daran, wie selten sie in der öffentlichen Debatte vorkommt. Über die Hälfte der Brände wird absichtlich gelegt, und darüber wird kaum gesprochen.
Ein Funke ist keine Ursache
An dieser Stelle muss ein Satz stehen, sonst führt die Zahl in die Irre.
Sie sagt, wer anzündet. Sie sagt nichts darüber, warum es brennt. Ein Streichholz in einem feuchten Wald im April richtet nichts an. Dieselbe Bewegung in einem Bestand, der zwei Monate zu früh in die Dürre gegangen ist, kostet zehntausend Hektar.
Was die Landschaft brennbar macht, steht weiter oben in diesem Text: höhere Temperaturen, längere Trockenperioden, das Muster erst feucht, dann sehr trocken, eine Feuersaison, die sich vorne und hinten ausdehnt. Das ist der Klimawandel, und er ist die Hauptursache. Die Brandstiftung ist der Vollstrecker, nicht der Grund.
Beides ist von Menschen gemacht, aber auf verschiedenen Ebenen. Die eine ist eine Tat, die andere eine Bilanz aus Wirtschaft und Gesellschaft — aus dem, was gefördert, verbrannt, gebaut und gefahren wird. Und daran hat jeder einen Anteil, jeden Tag ein Stück.
Und genau hier steht eine Falle
Denn dieser letzte Satz — jeder hat einen Anteil — ist wahr und zugleich ein Werkzeug.
Der Begriff des persönlichen CO2-Fußabdrucks ist keine Erfindung der Wissenschaft. BP hat 2004 einen Fußabdruck-Rechner veröffentlicht, entwickelt im Rahmen einer Kampagne der Agentur Ogilvy & Mather, die Teil eines rund 200 Millionen Dollar teuren Markenumbaus war — vom British Petroleum zum „Beyond Petroleum". Der Rechner hatte im ersten Jahr 278.000 Nutzer, die Kampagne bekam 2007 einen Gold Effie. Die Häufigkeit des Begriffs im deutschen und englischen Schrifttum steigt ab dieser Zeit steil an.
Das Prinzip dahinter ist eine kleine Wahrheit im Dienst einer großen Verschiebung: Ja, jeder Einzelne hat einen Abdruck. Nur entsteht der überwiegende Teil der Emissionen bei einer überschaubaren Zahl von Unternehmen — und solange die Debatte am Küchentisch stattfindet, findet sie nicht dort statt, wo die Mengen entschieden werden.
Wie man damit umgeht
Nicht, indem man das eine gegen das andere ausspielt. Beides stimmt, und beides ist nötig.
Es gibt aber einen brauchbaren Test. Man fragt bei jeder Forderung: Verlagert sie die Last nach unten und lässt die Struktur, wie sie ist? Wer erklärt, das Problem seien die Duschzeiten, während die Fördermengen unverändert steigen, betreibt die Verschiebung. Wer eine Regel ändert, die für alle gilt, tut es nicht.
Deshalb bitten wir in unserer Sache niemanden, sich anders zu verhalten. Wir schlagen eine Regel vor: Strom, der ohnehin erzeugt werden könnte und heute abgeregelt wird, soll in Autobatterien fließen dürfen. Wer sie beschließt, ändert das Ergebnis für alle auf einmal — auch für die, die nie einen Fußabdruck-Rechner benutzt haben.
Warum darüber kaum gesprochen wird
Am 29. Juli 2026 hat Euronews den Grund benannt und dafür einen treffenden Ausdruck gefunden: die arson intelligence gap, die Aufklärungslücke bei Brandstiftung.
Die EU hat den Satellitenblick, das Copernicus-Programm, die EFFIS-Auswertung und einen funktionierenden Katastrophenschutzmechanismus. Bei Brandstiftern und ihren Motiven existiert keine vergleichbare europäische Datensammlung. Die Ermittlungen bleiben national und fragmentiert. EFFIS hat zwar gemeinsame Kategorien für Brandursachen entwickelt — aber Verfügbarkeit und Qualität dieser Daten schwanken zwischen den Mitgliedstaaten so stark, dass Vergleiche kaum möglich sind.
Foto: Satellitenaufnahme eines Brands auf Kythira. Die Fläche ist auf den Hektar erfassbar — die Ursache nicht. — via Wikimedia Commons — CC BY 2.0 / Pierre Markuse
In Frankreich, wo in diesem Sommer Hunderttausende evakuiert wurden, hat der Premierminister öffentlich angekündigt, die Verantwortlichen würden gefunden, verhaftet und vor Gericht zur Rechenschaft gezogen; auf Brandstiftung stehen dort bis zu fünfzehn Jahre Freiheitsstrafe. Ob und wie oft das gelingt, lässt sich europaweit nicht sagen. Die Zahl existiert nicht.
Was das mit dem ersten Teil dieser Reihe zu tun hat
Im ersten Teil ging es darum, wie aus dem Befund einer griechischen Ermittlung — Ingenieur, Bauunternehmer, privates Netz — auf dem Weg nach Deutschland eine Kategorie wurde: „grüne Gefahr".
Hier ist die strukturelle Erklärung dafür. Eine Lücke in den Daten ist eine Einladung. Wo eine belastbare Ursachenstatistik fehlt, entscheidet nicht die Ermittlung, welche Erklärung sich durchsetzt, sondern die Geschwindigkeit. Fachleute nennen so eine Situation einen Data Void: hohe Nachfrage nach Information, kaum belastbares Angebot — und wer schnell ist, füllt sie.
Der griechische Fall ist dabei die Ausnahme, die den Normalfall zeigt. Dort hat eine Behörde binnen Tagen konkret geantwortet, mit Namen, Rollen und Festnahmen. Selbst dann hat sich die Aussage auf dem Weg in die deutschsprachige Öffentlichkeit um zwei Glieder verschoben. Wo gar keine Antwort kommt — also in der Mehrzahl der Fälle —, gibt es nichts, wogegen sich die schnelle Erzählung behaupten müsste.
Was daraus folgt
Eine europäische Statistik über Brandursachen und Tatmotive, die den Namen verdient. Vergleichbar erhoben, veröffentlicht, mit derselben Verlässlichkeit wie die Flächenangaben.
Das ist keine große Forderung. Die Kategorien existieren bereits, EFFIS hat sie entwickelt. Es fehlt an der Pflicht, sie zu füllen.
Solange sie fehlt, gilt: Wir wissen sekundengenau, wo es brennt, und fast nichts darüber, wer es anzündet. In diese Lücke schreiben andere. Wer das ist und wer dafür zahlt, steht im nächsten Teil.
Quellen zum Abschnitt Fußabdruck
- Grist: Why do oil companies care so much about your carbon footprint?
- Interesting Engineering: „Carbon Footprint" was coined by Big Oil
- The Wire Science: How Big Oil hijacked and weaponised the individual carbon calculator
Quellen
- Joint Research Centre: Current wildfire situation in Europe (EFFIS, Datenstand 30.07.2026)
- Euronews: Who started the fire? Inside Europe's arson intelligence gap (29.07.2026)
- EU Civil Protection Knowledge Network: Forest fires / Wildfires — rund 95 Prozent menschengemacht
- EFFIS: Harmonized classification scheme of fire causes in the EU (PDF)
- ZDFheute: Waldbrände in Südeuropa und der Türkei, Überblick (30.07.2026)
- NZZ: Dürre, Rekorde, Brände — die Lage in Europa
- der Freitag/Guardian: 1,4 Grad Erwärmung lösten extreme Dürre in Europa aus
- Medical Daily: Canada's 2026 Wildfire Season Has Surged Far Beyond Historical Averages
- CBS News: Climate extremes fuel explosive wildfires in Canada and the U.S.
- Data & Society: Data Voids — Where Missing Data Can Easily Be Exploited (PDF)
- ADAC: Waldbrände in Griechenland 2026, aktuelle Lage
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