Methan — die Lücke zwischen Meldung und Messung
Erdgas gilt als der saubere unter den fossilen Brennstoffen. Im Brenner stimmt das: Bei gleicher Wärmemenge entsteht weniger Kohlendioxid als bei Kohle oder Öl. Auf dieser Rechnung beruht das Wort von der Brückentechnologie, und sie ist der Grund, warum Deutschland seit den siebziger Jahren eine Infrastruktur gebaut hat, an der heute die Hälfte aller Wohnungen hängt.
Die Rechnung hat einen Posten, der lange nicht auftauchte, weil ihn niemand gemessen hat.
Foto: Das Permian-Becken bei Nacht, aufgenommen 2012 und 2016. Die Lichtpunkte sind zu großen Teilen abgefackeltes Gas. — via Wikimedia Commons — Public Domain / NASA Earth Observatory
Warum ein entwichenes Molekül anders zählt als ein verbranntes
Erdgas besteht zu über neunzig Prozent aus Methan. Verbrannt wird daraus Kohlendioxid und Wasser. Entweicht es unverbrannt, bleibt es Methan — und dann gelten völlig andere Zahlen.
Nach dem sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats wirkt Methan über einen Zeitraum von hundert Jahren gerechnet etwa dreißigmal so stark wie dieselbe Masse CO₂. Über zwanzig Jahre gerechnet sind es rund achtzig Mal.
Dass es zwei Zahlen gibt, liegt an der Lebensdauer: Methan zerfällt in der Atmosphäre nach etwa zwölf Jahren, CO₂ bleibt Jahrhunderte. Über hundert Jahre gemittelt fällt Methan deshalb weniger ins Gewicht als in den ersten zwei Jahrzehnten, in denen es die volle Wirkung entfaltet.
Welche der beiden Zahlen die richtige ist, hängt davon ab, worüber man spricht. Für die Frage, wie warm es im Jahr 2100 wird, ist der Hundertjahreswert brauchbar. Für die Frage, was in den nächsten zwanzig Jahren passiert — also in dem Zeitraum, in dem sich entscheidet, ob Kipppunkte erreicht werden —, ist es der andere.
Daraus folgt etwas, das in der Debatte selten vorkommt: Methanreduktion ist der schnellste verfügbare Hebel. Eine vermiedene Tonne wirkt sofort und ist in zwölf Jahren aus dem System. Bei CO₂ dauert es Jahrhunderte.
Die Lücke
Wie viel Methan entlang der Kette aus Bohrloch, Pipeline, Verdichter, Speicher und Anschluss entweicht, wurde jahrzehntelang berechnet statt gemessen: Man nahm Emissionsfaktoren je Anlagentyp, multiplizierte mit der Anzahl der Anlagen und meldete das Ergebnis.
2018 veröffentlichte ein Team um Ramón Alvarez in Science eine Untersuchung, die für die USA das gemeldete Inventar mit tatsächlichen Messungen verglich — aus Flugzeugen, vom Boden, an einzelnen Anlagen. Das Ergebnis: Die realen Verluste lagen bei rund 2,3 Prozent der Fördermenge und damit etwa sechzig Prozent über dem, was die US-Umweltbehörde auswies.
Der Grund war strukturell. Die Emissionen sind extrem ungleich verteilt: Eine kleine Zahl von Anlagen mit Defekten, offenen Ventilen oder fehlgeschlagenem Abfackeln verursacht den Großteil der Verluste. Ein Verfahren, das mit Durchschnittswerten je Anlagentyp arbeitet, kann solche Ausreißer prinzipiell nicht erfassen.
Was daraus folgt, ist der Grund, warum diese Debatte überhaupt geführt wird: Ab einer Leckagerate in dieser Größenordnung schrumpft der Klimavorteil von Gas gegenüber Kohle erheblich, und je nach Betrachtungszeitraum und Rechenweg verschwindet er. Robert Howarth von der Cornell University kam 2024 für verflüssigtes Erdgas aus den USA auf eine Bilanz, die schlechter ausfällt als die von Kohle. Diese Arbeit ist fachlich umstritten, und die Gegenpositionen sind ernstzunehmen. Was nicht mehr umstritten ist: Die Frage ist offen. Vor zwanzig Jahren galt sie als geklärt.
Das größte gemessene Einzelereignis
Am 26. September 2022 wurden die Nord-Stream-Leitungen an vier Stellen gesprengt. In der Ostsee stiegen tagelang Gasblasen auf.
Die ersten Schätzungen lagen bei 75.000 bis 230.000 Tonnen Methan. Sie waren zu niedrig. Nach den in Nature veröffentlichten Auswertungen von Flugzeugmessungen und atmosphärischen Daten gelangten tatsächlich 465.000 Tonnen in die Atmosphäre, mit einer Unsicherheit von rund 20.000 Tonnen — mehr als doppelt so viel wie zunächst angenommen. Es ist damit das größte je gemessene kurzzeitige Methan-Freisetzungsereignis menschlichen Ursprungs.
Zum Vergleich: Diese Menge entspricht in ihrer Zwanzigjahreswirkung dem, was ein mittelgroßes europäisches Land in einem Jahr an CO₂ ausstößt — freigesetzt in einer Woche, an vier Löchern.
Der Vorgang ist deshalb aufschlussreich, weil er zeigt, wie ungenau die Schätzungen waren, solange nur geschätzt wurde. Die Korrektur um mehr als das Doppelte betraf ein Ereignis, das unter den Augen der Weltöffentlichkeit stattfand und an dem mehrere Forschungsflugzeuge maßen. Bei einem undichten Ventil in West-Texas sieht niemand hin.
Was die Messung verändert hat — und was sie zurückgeworfen hat
Seit einigen Jahren wird gemessen statt gerechnet. Satelliten wie die Sentinel-Flotte, die Instrumente TROPOMI und GHGSat sowie Flugzeugkampagnen machen einzelne Quellen sichtbar und zuordenbar — bis hinunter zur einzelnen Anlage, mit Zeitstempel und Koordinate.
Das ist der eigentliche Umbruch. Solange Emissionen nur als Landessumme existierten, konnte niemand für sie haftbar gemacht werden. Sobald sie einem Betreiber zugeordnet werden können, wird daraus eine Rechtsfrage.
Der ambitionierteste Beitrag dazu kam von einer Umweltorganisation: MethaneSAT, finanziert vom Environmental Defense Fund und dem Bezos Earth Fund, gestartet im März 2024, gebaut mit der Fähigkeit, nicht nur einzelne Hotspots, sondern flächige Emissionen ganzer Förderregionen zu quantifizieren.
Am 20. Juni 2025 brach der Kontakt ab. Nach fast vierhundert Kommunikationsversuchen über drei Wochen stellte das Betriebsteam fest, dass der Satellit die Stromversorgung verloren hatte und nicht wiederherstellbar ist. Die Ursache ist bislang nicht geklärt. Die bereits übertragenen Daten werden weiter ausgewertet und veröffentlicht.
Wer heute über Methanmessung aus dem Orbit liest, sollte das wissen: Das leistungsfähigste zivilgesellschaftliche Instrument in diesem Feld existiert seit über einem Jahr nicht mehr.
Was in Europa gilt
Die Europäische Union hat 2024 die Verordnung (EU) 2024/1787 in Kraft gesetzt. Sie verpflichtet Betreiber zur Messung, Meldung und Überprüfung von Methanemissionen, schreibt regelmäßige Leckagesuche vor und beschränkt routinemäßiges Abfackeln und Ablassen.
Der Teil, der über Europa hinausreicht: Die Verordnung erfasst schrittweise auch Importe. Wer Gas in die EU liefert, muss zunehmend nachweisen, unter welchen Bedingungen es gefördert wurde. Für ein Land, das rund ein Zehntel seines Gases als verflüssigtes Fracking-Gas aus den USA bezieht — nachgezeichnet in einem eigenen Text —, ist das die entscheidende Bestimmung.
Sie greift schrittweise bis 2030. Der Winter, um den es gerade geht, ist der von 2026 auf 2027.
Was seit Juli 2026 gilt
Am 21. Juli 2026 hat die Europäische Kommission zwei Empfehlungen zur Umsetzung vorgelegt. Die erste erklärt Unternehmen, wie sie die Einhaltung ihrer Pflichten einfach nachweisen können. Die zweite empfiehlt den Mitgliedstaaten, die Sanktionen bei Nichteinhaltung für drei Jahre auszusetzen — von 2027 bis 2029. Begründet wird das mit der geopolitischen Lage, der Versorgungssicherheit und den Energiekosten in Europa.
Bestehen bleiben die Pflichten selbst: Ab dem 1. Januar 2027 müssen Importeure die Methanemissionen entlang ihrer Lieferketten nach den EU-Vorgaben dokumentieren. Wer das nicht tut, muss in den ersten drei Jahren nur keine Strafe erwarten.
Innerhalb der Bundesregierung ist strittig, wie weit das gehen soll. Umweltminister Carsten Schneider hält die ausgesetzte Sanktion für ausreichend und will die Verordnung im Übrigen wie geplant anwenden. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hält diese Lösung für nicht überzeugend und wirbt dafür, die Importregeln selbst um drei Jahre zu verschieben.
Damit laufen zwei Vorgänge nebeneinander, die dieselbe Lieferkette betreffen. Auf der einen Seite werden neue Gaskraftwerke ausgeschrieben, deren Brennstoff zu einem wachsenden Teil als verflüssigtes Fracking-Gas ankommt. Auf der anderen wird darum gerungen, wie streng die Regeln sein sollen, mit denen die Vorkette genau dieses Gases überhaupt erst messbar wird. Beides gehört zusammengelesen.
Warum das hier steht
Es gibt an dieser Stelle keinen Hebel, den eine Bürgerinitiative bedienen könnte. Man kann Methanleckagen in Texas nicht abstellen, und wir behaupten das auch nicht.
Was sich aus dieser Rechnung ergibt, ist etwas anderes: eine Prüffrage an jedes Argument, das mit der Gasbrücke beginnt.
Denn dieselbe Debatte, die den Import zusätzlicher Moleküle mit Versorgungssicherheit begründet, führt in Deutschland jedes Jahr dazu, dass Windräder abgeregelt werden, weil ihr Strom in dieser Stunde niemanden findet, der ihn nimmt. Dieser Strom hat keine Vorkette. Er hat kein Bohrloch, keine Verdichterstation, kein Ventil und kein Schiff. Er ist bereits erzeugt worden oder hätte es werden können.
Ihn in Autobatterien fließen zu lassen, kostet keine Genehmigung und keine Leitung. Es ist eine Änderung in der Abrechnung.
Solange die aussteht, wird jede dieser Stunden an anderer Stelle durch ein Molekül ersetzt, dessen Vorkette wir erst seit wenigen Jahren überhaupt messen können — und deren Umfang sich bei jeder Messung als größer herausgestellt hat als vorher gemeldet.
Quellen
- IPCC, Sechster Sachstandsbericht (AR6), Arbeitsgruppe I: Treibhauspotenziale und atmosphärische Lebensdauer von Methan
- R. A. Alvarez u.a.: Assessment of methane emissions from the U.S. oil and gas supply chain, Science 361 (2018)
- Methane emissions from the Nord Stream subsea pipeline leaks, Nature (2024/25)
- MethaneSAT: Results of the Anomaly Investigation into the Loss of Communication
- Verordnung (EU) 2024/1787 über die Verringerung der Methanemissionen im Energiesektor
- Europäische Kommission: Empfehlungen zur Umsetzung der Methanverordnung (21.07.2026)
- BMWE: Zitat von Bundesministerin Katherina Reiche zur Entscheidung der EU-Kommission über die Methan-Verordnung (21.07.2026)
- IEA Global Methane Tracker
- Cleaning Up mit Michael Liebreich, Ep157: Leaking Methane Needs an Urgent Fix
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Methan — die Lücke zwischen Meldung und Messung
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